Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXXIV): Verordneter Narzissmus

21 03 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das hat die Natur ja wieder mal voll tricky eingerichtet. Wer mit etwas höherer Intelligenz und durchaus tauglichem Sozialverhalten ausgestattet ist, Elefanten etwa, erkennt seine Artgenossen. Für den Arbeitsalltag in freier Wildbahn ist das so verkehrt nicht, erspart mancherlei Missgriffe und reicht aus, um die Spezies zu erhalten, wenn sich die umliegende Evolution einmal weitergedreht hat. Einfach strukturierte Kohlenstoffklötzchen, die ihre Existenz nicht recht überblicken, etwa die ersten Hominiden, sie flippen komplett aus beim Blick in die spiegelnde Fläche. Was für den einen simpler Guckreiz ist, was der andere zur Selbsterkenntnis aufpustet, ist dem nüchternen Betrachter nur der Beweis, dass die durchschnittlichen Beknackten mit ihrem Spiegelbild irgendwas anfangen wollen, es heiraten, ihm ein in die Fresse möllern oder aber vor ihm schreiend weglaufen. Sei es, wie es sei, Objekt klein a hat definitiv gesiegt, und doch nölt das kapitalistische Verstörungspersonal, dass sie die Beute so leicht nicht vom Haken lassen. Das Spiegelbild ist der beste Hänger für eine besonders perfide Form, die Selbstentfremdung zum Inhalt der Inkarnation zu adeln. Wenn schon krankhafter Narzissmus, dann wenigstens verordnet.

Nicht die Epoche war es, es ist eine Geisteshaltung, die uns vorschreibt, noch ein Kilo Fett am Arsch loszuwerden. Und noch eins. Und noch eins. Und noch eins. Irgendwann zückt der Anorexieberater seine Visitenkarte. Wie erlösend muss es da sein, wenn die Tante mit der komischen Brille zu den Täubchen im Speckmantel sagt: alles gut so, Ihr findet Euch jetzt gefälligst mal hübsch, danke fürs Geräusch. Nein, es geht nicht darum, dass sie keine nennenswerte Ahnung von den Gelenkproblemen adipöser Schlunzen hat. Oder westerwelleske Epidermis für tageslichtkompatibel hält. Sie hämmert den Mehlmützen ein, dass jedes noch so gebeutelte Schnitzelkind sich selbst für perfekt halten soll. Nicht annehmbar, nicht knapp im Rahmen des Erträglichen, sondern: perfekt. Dann ist es auch so. Glaub dran und halt’s Maul.

Die neoliberale Esoterikkacke funktioniert nach dem einfachen Strickmuster, dass jeder Depp jedes noch so aberwitzige Ziel erreichen kann, wenn er sich nur genug anstrengt – die als Regierungen getarnte Zusammenrottung genetischer Dropouts plärren in stetiger Einheit, dass nur mit noch mehr Verarmung und sozialem Abstieg für alle ein Wettrennen gelingt, bei dem auch alle Erster werden. Warum also nicht die ohnehin kaum zu komplexer Logik fähigen Robbenbarbies mit in den Strudel der Schnellverdeppung schubsen, wo sie lernen, aus allen Knopflöchern nach Ich zu stinken.

Sie zwingen sich zur Fröhlichkeit, lassen sich bis über den Steiß liften, um eine jugendliche Fresse ziehen zu können, und wenn der Verfall sich dem Endstadium nähert, beten sie sich mit obskuren Methoden, Zuckerpillen und Hokuspokus gesund, weil der gezwirbelte Dumpfsinn sich so schön glauben lässt: es geht uns gut, solange wir es wollen, weil wir stark sind, unerschütterlich, nicht, in Worten nicht sterblich, und wer etwas anderes behauptet, gehört nicht zu uns. Der antiintellektuelle Schorf, an dem mancher Auswurf der menschenfeindlichen Gesinnung haften bleibt, ist auch hier wieder nur die reinste Form des Irrationalismus. Wider jede Vernunft, wider jeden Verstand klotzt sich die Kasperade auf, und wüssten sie, wie die filigranen Symptome der Beklopptheit auf die Außenwelt wirkten, sie hielten den Rand.

Leider haben sie auch noch Erfolg mit dem Schmadder. Ein Dutzend meist für ramponierte Egos ins Publikum geschwiemelte Zeitschriften, in diesem Fall: Periodika für Leserinnen, walzen die pseudolibertäre Befreiungsbotschaft so platt, dass sie unter jeder Tür durchsuppt. Nimm Dich selbst positiv wahr, jodeln die Hirnkneter, dann strahlst Du auch positive Energie aus, mit denen Du die Tranmöpse neben Dir aus dem Rennen kickst.

Dass sich keine der traumatisierten Tussen die Birne an der Erkenntnis zermarmelt, dafür sorgt die gründliche Selbstentfremdung, eingeübt über Jahrzehnte und Generationen, entstellt und in die Kategorien der Verwertbarkeit gedengelt. Sie sehen sich, wie die Sklaven ihren Kolonialherren gegenübertraten, Leibeigene ohne eigenen Leib, verzerrt, vom verinnerlichten Stereotyp verdumpft. Das Ich ist ein Anderer, es ist nur nicht das Ideal, das der Narzisst aufpoppen sieht. Die Zuneigung mag dem Anderen gelten, aber das ist nicht das Ich. Willkommen in der Schizophrenie.

Die Quittung folgt sowieso, sobald die Physis in der Realität aufschlägt. Gerade noch euphorisch vor dem Spiegel, alles supi, alles schön, und schon passt der Arsch wieder nicht in die Dinger, mit denen die Textilterroristen ihre Klientel zur Sau machen. Nicht einmal Lacan trug Größe 38. Tja.