Agenda 70

8 04 2014

„Habt Ihr Schampus, Genossen?“ „Natürlich haben wir den genossen.“ „Nein, ich meine…“ „Ja wie jetzt – schließlich sind wir in der richtigen Partei. Und Schröder wird nicht alle Tage gefeiert.“

„Also man müsste das ja sowieso alles ganz anders aufziehen.“ „Volksnäher?“ „Meise, Genosse? Wir sind SPD!“ „Das einzige, was bei uns volksnah ist, sind die Wahlplakate.“ „Ich wollte ja nur mal so sagen, von wegen.“ „Ja, von wegen.“ „Also man müsste viel selbstbewusster auftreten.“ „So wie Schröder!“ „Genau!“ „Ich meine, der hat uns doch auf den richtigen Weg gebracht.“ „Wieso, was meint er damit?“ „Vermutlich die Agenda 2010 oder so.“ „Nee, das mit der Merkel.“ „Er hat ja nur gesagt, dass die mit der SPD nie eine vernünftige Regierung hinkriegen würde.“ „Und jetzt hat er schon zum zweiten Mal recht. Das nenne ich politischen Weitblick, Genossen!“

„Man muss ja gerechterweise sagen, das mit der FDP war auch scheiße.“ „Aber das zählt nicht.“ „Eben, da konnten wir nichts dafür.“ „Schade. Obwohl wir da eigentlich in unserer Lieblingsrolle waren.“ „Richtig. Opposition ist Mist, aber Spaß macht es doch.“

„Wir müssen den Blick auf diese vier Jahre Schröder wieder schärfen.“ „Dann werden die Deutschen vielleicht mal erkennen, dass wir gar nicht so schlecht waren.“ „Ob sie dann auch erkennen, dass wir auch gar nicht so schlecht sind?“ „Haben Sie wieder Visionen?“ „Ist zufällig ein Arzt anwesend?“ „Hähähä!“ „Man muss doch mal sehen, dass dieser Mann für Deutschland Wesentliches geleistet hat: er hat dies Land mit dem Arsch eingerissen, damit wir es wieder aufbauen können.“ „Hä!?“ „Das finde ich aber erklärungsbedürftig.“ „Wann gab es denn den richtig großen Aufschwung? Na!?“ „Unter Kohl?“ „Blödsinn, nach dem Krieg natürlich.“ „Das war ja einfach.“ „Aber Schröder hat doch gar keinen…“ „Egal. Wir brauchten also erstmal den Arsch auf Grundeis, und dann konnten wir uns wieder nach oben bewegen.“ „Wenn das so ist, naja, dann stimmt das wohl.“ „Da ist was dran.“ „Mir leuchtet das nicht ein, aber es klingt ja irgendwie auch logisch.“ „Sagt Sarrazin auch.“ „Die Flitzpiepe? wer liest denn den Hirni?“ „Der ist immerhin in der SPD.“ „Immer noch?“ „Also wir mussten ganz nach unten – ab da geht’s ja nur noch aufwärts.“ „Klingt jetzt erstmal ganz schön ideologisch, aber wenn ich mir das so in einer Wahlrede vorstelle, das hat was.“ „Eben!“ „Aber Schröder hat doch gar keinen…“ „Halt doch mal den Rand.“ „Und wenn wir uns ansehen, was daraus geworden ist, dann können wir froh sein, dass Deutschland das so gut verkraftet hat.“

„Nur, die Regierung Merkel hat doch selbst immer wieder gesagt, es geht mit der deutschen Wirtschaft steil aufwärts.“ „Eben! Wir haben nach wie vor viele Arbeitslose, wir haben so viele Jugendliche ohne Lehrstellen wie nie zuvor, wir haben ein Heer von Arbeitskräften ohne Ausbildung und jede Menge Niedriglöhner, die man von einem auf den anderen Tag rauskicken kann.“ „Dufte!“ „Uns geht es wirklich richtig gut! Die Regierung wird jeden Tag mehr Leute in Arbeit bringen, und warum? weil wir immer neuen Nachschub an Arbeitslosen garantieren!“ „Und wo ist der Erfolg?“ „Die Regierung wird natürlich immer sagen müssen, dass sie es nur mit den Reformmaßnahmen der Agenda 2010 schafft, dieses Land immer weiter auf Erfolgskurs zu halten.“ „Und das sagt die Regierung?“ „Klar. Wenn Merkel das einmal vergessen sollte, dann weiß sie, dass die ersten Brandsätze geflogen kommen.“

„Das heißt also, ein Krieg gegen die eigene Bevölkerung ist immer das beste Mittel gegen eine schlechte Wirtschaft.“ „Eben, ich wollte ja sagen: Schröder hat doch gar keinen…“ „Schnauze!“ „Menno!“ „An sich richtig, aber: kleiner Fehler. Nicht ein Krieg gegen, ein Krieg mit der eigenen Bevölkerung.“ „Ah, begreife: dann ist nicht er schuld.“ „Und man wahrt eine soziale Einheit als Form.“ „Und mobilisiert so die Selbsterhaltungskräfte im Volk.“ „Genau. Die Arbeitslosen sind unser Unglück.“ „Das hat Schröder so gesagt?“ „Nee, das war Hartz.“ „Wollte ich doch gerade sagen. Er ist doch ein lupenreiner Demokrat.“

„Gut, und jetzt?“ „Wir sollten auf jeden Fall wieder etwas haben, auf dem wir aufbauen können.“ „Ich weiß ja nicht, das mit Putin ist doch jetzt eher kompliziert.“ „Außerdem hat Schröder doch gar keinen…“ „Wissen wir.“ „Langweilig!“ „Und Außenpolitik ist sowieso das Ressort der Kanzlerin.“ „Wieso, ist Steinmeier nicht…“ „Wenn es brenzlig wird, ist es Merkel.“ „Auch wieder wahr.“ „Und das heißt jetzt was?“ „Neu gestalten. Anlauf nehmen. Das Land richtig runterrocken, solange die Mutti noch am Ruder ist. Und dann zeigen wir den Wählern, was eine Harke ist.“ „Tolle Idee.“ „Höre ich da Skepsis?“ „Das klang für mich sogar eine Spur ironisch.“ „Na, ich weiß ja nicht. Das Konzept ist doch nicht besonders realitätsnah.“ „Wieso, weil wir als SPD kein Selbstbewusstsein mehr haben?“ „Weil wir keine Gelegenheit mehr dazu haben, Mann! Wo sollen wir denn jetzt noch irgendwas in diesem Land eigenverantwortlich vor die Wand fahren? Glaubt denn irgendwer, dass noch mal einer so eine Chance hat wie Schröder mit dem Arbeitsmarkt?“ „Schon mal darüber nachgedacht, was Gabriel gerade mit der Energiewende anstellt?“ „Okay. Leute, wir brauchen noch Schampus. Viel mehr Schampus!“