Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXXVI): Quarksprech

11 04 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kurz nach der Erfindung des Mundöffnens, was dem Humanoiden viele Dinge wie Chorgesang, Fußball und Kriegsgeschrei erlaubte samt fließender Übergänge, kurz nachdem der gemeine Schmock das erste Mal die Klappe bis zum Anschlag aufriss, wurde ihm klar, dass ihn jeder würde hören können. Was also lag näher, als die Botschaft sorgsam zu verstecken hinter Chiffren, gelehrter Ausdrucksweise oder einem Jargon, den nur der Eingeweihte versteht? Ein Teil der Menschheit studierte Soziologie, ein anderer las vorsichtshalber Heidegger, ein dritter erfand die Rechtswissenschaft. Der Rest blieb naturdoof, lernte aber vom Nachahmen und nutzte die Erkenntnisse der anderen, um die Errungenschaften ihrer Professionen zu perfektionieren. Sprache ohne Kommunikation, ja als erbitterter Feind jeglicher Auseinandersetzung, dies war ihr hehres Ziel. Sie schufen Quarksprech, und siehe, es kam zur Anwendung.

Zunächst und aus guten Gründen ist die Sprache ein Abwehrmechanismus, der Unverständlichkeit als Waffe einsetzt. Wer einmal die Hintergründe des genesungswidrigen Frühablebens verbal an den Haken zu kriegen versuchte, wird sich auch an den Durchführungsbestimmungen der Zwangsbeelterung seine helle Freude habe. Schon beim Aussprechen des Wortes beschleicht den Bekloppten das Gefühl, dass er nicht den größten Schaden davongetragen hat. Die verwaltete Welt zimmert sich selbst einen Garten aus Barrikaden, damit der unbeteiligte Bürger, der darin um eine blutende Nase ansteht, vor allem eins bleibt: unbeteiligt, ein Bittsteller, dem man beliebig eins über die Rübe ziehen kann, damit er die Fresse hält und dem bürokratischen Fachpersonal nicht die Dienstzeit durch Arbeit versaut. Der Parcours der Unverständlichkeit ist auch nur mit gleicher Voraussetzung zu meistern – auch Rechtsanwälte, die der Pöbel für das Abfassen vorgefertigter Schreiben engagiert, wollen schließlich leben – und baut auf seiner verquasten Kompetenzsimulation ein kafkaeskes Kommunikationslabyrinth auf, in dem die Laborratten auf intellektuell abschüssigem Gelände langsam, aber nachhaltig verdeppen. Nicht wenig von der Machtfülle des Apparates beruht allein auf dessen bewusster Unverständlichkeit; käme ein Kritiker eher darauf, dass die Autorität nur auf der Basis von fadenziehendem Verbaltofu besteht, und würde ein Kritiker seine Erkenntnis nennenswert lange überleben, die Führungsrolle der faselnden Kaste wäre Geschichte.

Stattdessen kupfern die lallenden Lebensäußerungen der Verwalter ganz anderer Gewerke mit biestiger Munterkeit ab. Die Wirtschaft, jener Moloch der Kollateralmaden, die ihresgleichen in einer schmerzbefreiten Zone großziehen, sie betet das tägliche Brimborium des Trivialkoholikers mit geradezu schizoider Feierlichkeit herunter, dass Rilke sich in den Bildbrüchen sämtliche Gräten gequetscht hätte, und erklären den Konsumenten für dumm. Längst hat diese Schicht unterhalb des durchschnittlichen Koksgnoms, der um die Manageraufzuchtstation einen großen Boden machen würde, das Fremdländische für sich entdeckt, um dem Verbraucher die Hirnrinde zu verschwiemeln. Learning Denglisch Lesson One. Die Sache wirkt.

An dieser Stelle sei liebevoll jener Schule in Weimar gedacht, die ihren Jugendraum im Keller, da, wo sich auch ihr Niveau längst befindet, als Herder Point bewirbt. Wenigstens ist in dieser pädagogischen Deponie auf Jahre gesichert, dass der Nachwuchs aus genau dem Bodensatz besteht, den man fürs Kollegium gefrittet hat.

Diese Sprache bestimmt seltener die Sache, sie bestimmt den Diskurs. Keinen wundert’s, dass der Schimmelkram aus den Mündern vor allem von Politikern quillt, die selbst nur mit wenig Grütze gesegnet sind, aber regelmäßig viel davon vorzeigen müssen, um den Anschein zu erwecken, sie würden für überhaupt etwas anderes bezahlt als rhythmisches Atmen nach schriftlicher Anweisung. Jede dieser gezielten Vernebelungen dient den Interessen der Interessierten, nicht aber denen, die den ganzen Schmadder bezahlen, und das oft genug mit ihrem Leben. Nicht von ungefähr fräst sich die partielle Kernschmelze, eine in die Atomphysik übertragene Teilschwangerschaft, aus dem Regierungstümpel über die Medien bis in die Statements öffentlich bestallter Wissenschaftler, wird das Kompetenzfeld – Beamtisch für: wir tun was, was und wem, klären wir hinterher, und dann wissen wir auch, warum es wieder nicht funktioniert hat – der handelnden Kräfte je nach Sachstand des Gerangels auf die kommende Legislatur verschoben und die naturwissenschaftlich genauso quarkige Leistungsverdichtung sorgt auf dem Arbeitsmarkt für die Explosionen, die sie im Verbrennungsmotor auch produktiv nutzen würde. Auch hier zeigt sich das Problem in vielfältiger Variation: die Dummklumpen in Industrie und Verwaltung, politischer und PR-Mischpoke halten den Rest nicht nur für beknackt, sie trauen auch dem fachlich vorbelasteten Bürger längst nicht mehr zu, ihr Hirnrindengehobel zu durchschauen. Und genau das ist ja ihr feuchter Traum, die blökende Blahgemeinde zum brav mümmelnden Trottelheer zu erziehen, die sich in nichtkommunikativer Sprache verheddern und gemütlich ausbluten, während der Trollbesatz am oberen Einkommensrand fleißig weiter die Semantik in den Schredder pfropft, Wort für Wort.

Aber das hat Orwell auch schon alles gesagt. Und der war nur bis 1984 gekommen.


Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..




%d Bloggern gefällt das: