Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXXVIII): Quoten-TV

25 04 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher – aber da waren die Gummistiefel noch aus Holz, man konnte noch drei Tageszeitungen lesen, aus denen nicht derselbe gleichgeschaltete Dreck quoll, und schaltete man den Fernseher an, so hatte man da ein Programm. Noch eins. Und noch eins. Und bisweilen lohnte es, ein Stündchen für das neue Medium freizumachen, denn es ließ die Betrachtung zu, dass es wie einst die Dichter nützt und unterhält. Dann kam die Quote.

Wer heute zu ziviler Tageszeit den Empfänger anknipst, zur Hinrichtung eines Urlaubstages oder ähnlich selbstgeißlerischen Zwecken, wird ad hoc mit dem Auswurf der telemedialen Resterampe vollgesülzt. Infantile Gewinnspiele, beschämend schlechter Dokuschrott mit naturidentischem Realitätsimitat, Seifenoperetten minderer Güte lassen die Matschscheibe von innen beschlagen, den Bildungsauftrag sucht man vergeblich. Dabei macht es noch nicht mal einen Unterschied, ob es sich gerade um die öffentlich-schrecklichen Kohleverbrennungsanlagen mit parteiintegrierten Verblödungsbeauftragten handelt oder um den Wurmfortsatz der Werbeindustrie. Mit Sicherheit sieht man Seichtmatrosen im Flachwasser dümpeln, da nur so die Ziele der Investoren zu erreichen sind: zwanzig Prozent Rendite, und ein Volk, das vor lauter Hirnweichheit den Beschiss nicht riecht.

Das Quoten-TV will in die Schlagzeilen, und es tritt den Marsch an mit der Brechstange in der Hand. Wo immer Polarisierung notwendig scheint, schalten die Sender auf Provokation. Dreck fressen, Eltern und Kinder demütigen, Jugendliche zum Jodeln oder Modeln vor die Jury schicken, damit einer nach dem anderen aufs Maul kriegt, mehr braucht es heute nicht mehr, um eine komplette Familie, WG oder Therapiegruppe vor die Glotze zu bekommen. Was allen Guckreiz verursacht, kann ja so schlecht nicht sein, und wenn man schon das geistige Lumpenprekariat auf dem Schirm hat, bekommt man es auch am besten in intellektueller Flachlage ins Schleppnetz. Nirgends stellt sich die kranke Gesellschaft in Frage, nur das auf die Spitze getriebene Selbstbild könnte das tun – und welcher Lemming würde eigens von der Klippe hüpfen, um im Sinkflug in den Reflexionsmodus zu wechseln?

Das probateste Mittel, um die Grütze großflächig in den Schädel der Beknackten zu kleistern, ist die perennierende Wiederholung. Im Jahresrhythmus trieft einmal gekaufter Schmonzes aus der Leitung, gerne zu den Zeiten, in denen nach aller Schätzung obere Lohngruppen keine Spots für Premium-Konsumgüter rezipieren, weil sie gerade im Meeting pennen. Die Blödelbeiträge, in denen sich regelmäßig der vergorene Hirnblubber der Medienredaktionen absetzt, wo erbärmliches Personal überflüssige Filme dreht – eine Tüte Lurchlaich wird wegen mangelnder Mimik nicht mit Til Schweiger besetzt, während Ferres und Neubauer sich selbst spielen, wie sich gegenseitig imitieren – wird aus Boshaftigkeit und Prinzip von der Wirklichkeit in den Schatten gestellt. Nur noch aus Bordmitteln und grob massenkompatiblen Geschmacksverstärkern zusammengequirlte Skripte überstehen das Sperrfeuer der Sparfeuerwehr, die ihre quasi verbeamteten Schmalzbrocken der Nation an der kurzen Leine in die Produktion prügelt. Was sich als Star dünkt, sind letztlich nur leibeigene Hackfressen, die auf der Gulagsuppe um ihr Leben paddeln und nach einer Runde in der Endablagerung landen, wenn sie nicht brav in die Kamera hampeln.

Natürlich ist das nach Maßgabe ökonomischer Hominiden als Einheitsbrei für die große Mehrheit gedacht, vulgo: farbige Demokratiesimulation mit optionaler Pinkelunterbrechung. Doch ist die Achse des Blöden derart verdellt, dass sie nicht mehr registriert haben, wie die schweigende Mehrheit ihre Fernseher auf der Deponie ausgesetzt und das Netz zum Ersatz heranziehen. Um noch die letzten Deppen auf der Couch anzutackern, das verbliebene Potenzial an wehrlosen Opfern, quarken ihnen die Sender längst verweste Wiedergänger aus dem prähistorischen Bereich rein: die Angst, dass mit der ersten Veränderung der erste hirntote Gucker reflexartig abschaltet, trifft auf die hysterische Hoffnung, durch niveausenkendes Material den Dämmerschlaf der Vernunft in die Ewigkeit zu verschwiemeln. Um sich für diese Nullleistung bei den politischen Entscheidungsträgern Absolution zu erschleimen, krempeln sie die Kausalkette einfach auf links – das, was man dem Zuschauer nun dies- wie jenseits der Körperverletzungsgrenze zumutet, bekommt er nur, weil er es so will. Und er will es nur, weil er eh nichts anderes bekommt. Und er bekommt es nur, weil…

Sollte es ein Format geben, möglichst auf einem 24-Stunden-Live-Sender, in dem die jetzigen Protagonisten dieses unsortierten Bilddurchfalls auf kreative Art ihrer gerechten Strafe zugeführt würden, die Anstalt bekäme einen Ehrenplatz in der Ruhmeshalle des Weltkulturerbes. Auch wenn jetzt schon klar sein dürfte, dass Markus Lanz den ganzen Sabber moderiert.


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