Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXXIX): Der Irrtum

2 05 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die ersten Entscheidungen der noch jungen Art waren einfach strukturiert: hier die verhältnismäßig steil abfallende Schlucht unterhalb der glitschigen Felswand, dort der schlecht gelaunte Säbelzahntiger mit knurrendem Magen. Natürlich hätte Ngg eine faire Chance gehabt, vor allem dann, wenn er die große Keule nicht aus Bequemlichkeit in der Höhle stehen gelassen hätte. So aber befindet er sich in einem Dilemma, herbeigeführt aus Mangel an logischen Schlüssen. Es war nicht der erste große Irrtum des Hominiden, sicherer jedoch ist, dass es auch nicht der letzte war.

Es sind nicht immer unbequeme Wahrheiten, es sind vor allem ungenügende Fähigkeiten in der Verwendung von Beweisen, die bereits erbracht wurde. Was der große Verdränger nicht zur Kenntnis nehmen will, auch wenn es ihm gerade die Beine abschraubt, lässt er nicht in seinen Ereignishorizont. Parteien, Diktaturen und andere Angelvereine gehen auf diese Art ein, wenn sie mit der unangenehmen Realität konfrontiert sind, die uns die Leichtigkeit des Seins verdirbt.

Von erheblichem heuristischem Wert und damit funktional nicht unerwünscht ist der Fehlschluss, wenn er erkenntnistheoretisch aufgearbeitet und der Kontrolle ausgesetzt wird. Soll man mit einem brennenden Streichholz die Kraftstoffmenge im Tank überprüfen? oder qua Miktion die Spannung im Weidezaun messen? Auf diese Art entsteht eine rudimentäre Vorform von Wissenschaft, die sich als Erweiterung des Kanons nachweisbarer Aussagen über die Dinge schließlich auf die methodische Suche begibt, um sich über vereinzeltes Aspekte des Daseins immer genauer zu irren. Es irrt der Mensch, solang er strebt. Und andersherum.

Die Verteilung des Irrtums entspricht ungefähr der Erkenntnisfähigkeit, denn das Talent des Bekloppten, sich seine eigene Fehlwahrnehmung schön zu argumentieren, wird durch die verbohrte Besserwisserei und den physiologischen Verstärker des Adrenalinausstoßes noch zementiert. Lieber humpelt der Dumpfschlumpf dreimal gegen dieselbe Wand, um sich die Birne einzudellen, als seinen kapitalen Fehler einzugestehen. Es besteht immer die Möglichkeit, klug zu werden; mit etwaig eintretenden Schäden hat der Prozess, wenn überhaupt, nur am Rande zu tun. Was sich dabei noch nicht über Rituale und Sachzwänge in die sozialen Gepflogenheiten einer Gesellschaft geschwiemelt hat, wird als Aber- oder sonstiger Glaube weitergegeben, teilweise ins Erbgut der Nachgeborenen geprügelt, teilweise unbewusst konditioniert und nicht mehr erkennbar, denn nur das wird nicht als Irrtum entdeckt, was groß genug und darum zu allgegenwärtig, um es an den ausfransenden Rändern zu packen. Das Too-big-to-fail-Prinzip, es funktioniert auch im Bereich der konstituierenden Lügenmärchen.

Die populärsten Einzelirrtümer mögen von stark begrenztem heuristischem Wert gewesen sein, wie etwa Wilhelm II., jener Visionär, der das Automobil als vorübergehende Erscheinung fast so richtig einschätzte wie Thomas Watson, Chairman von IBM, der den weltweiten Bedarf an Computern mit fünf Stück verhältnismäßig präzise umriss. Wobei auch keiner mehr als 640kB RAM braucht. Doch sie sind nicht repräsentativ, da sie der Wirrnis einer einzelnen Weichbirne entspringen, mithin sind sie nicht typisch für die bauartbedingten Fehler des durchschnittlichen Dummbeutels.

Grob gerechnet die Hälfte derartiger Talentdetonationen geht nicht auf das Konto des Unwillens zur Erkenntnis, sondern auf die vermeintliche Annahme, der Erleuchtung schon über den Weg gelaufen zu sein. Leichter als die Überprüfung einer Annahme – Homöopathie, Neoliberalismus, die Theorie, dass der Mond aus grünem Käse besteht – ist das Beharren auf der Richtigkeit derselben, nicht, weil der Behauptende seine eigene Behauptung tatsächlich glauben würde, sondern eher, weil er den kognitiv suboptimierten Schmadder einmal in die Welt gesetzt hat und nun nicht mehr aus der Nummer rauskommt. Aus gut informierten Kreisen hört man, dass dieselben Aluhütchenspieler versuchten, die Theologie neben den Wirtschaftswissenschaften als ordentliche Lehrfächer zu etablieren. Es kann nicht der Erfolg gewesen sein, der ihnen Recht gab.

Was uns tröstet, ist die Tatsache, dass wir die großen Irrtümer der Menschheitsgeschichte zwar möglicherweise noch vor uns haben könnten, es aber mangels gesicherter Erkenntnisse noch nicht wissen können. So leben wir völlig unbeeindruckt von den großen Fehlgriffen und richten uns in einer Umgebung der kleinen Vorurteile, Sockenschüsse und Ammenmärchen ein, aus denen manche eine komfortable Biografie basteln, mit der man in Frieden leben kann. Hätte man sie früher aufgeklärt, dass Mülltrennung nicht umweltfreundlich ist, sie hätten ohne vorheriges Betreten des Rasens die Revolution angezettelt. Man hat es ihnen gesagt, sie wollten es nicht wahrhaben. Vielleicht hatten sie auch nur die Keule zu Hause stehen lassen.


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3 responses

2 05 2014
lamiacucina

Seit einiger Zeit bleiben die rss-feeds dieses Blogs irgendwo hängen. In meinem feedreader kriege ich, wenn überhaupt, nur noch alle 2-3 Wochen Lesenachschub.

2 05 2014
bee

Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Auf der anderen Seite stelle ich in meinem RSS-Eingang oft fest, dass Deine Beiträge zweimal erscheinen.

2 05 2014
lamiacucina

Systeme entwickeln manchmal ein Eigenleben.

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