Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXL): Das Freibad

9 05 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Hygiene, selten als Selbstzweck praktiziert im Reich der mehrbeinigen Organismen, führt zu mancherlei putzigen Verhaltensweisen. Schweine suhlen sich im Matsch, Elefanten schniefen ihr Wannenbad, Hunde lecken sich an Stellen, an denen andere sich nicht einmal kratzen können. Seit der Hominide, die Art mit dem therapieresistenten Dachschaden, die sich für allein vernünftig hält, die Mitbewohner aus der Körperbehaarung entfernte, statt auf ihr Ableben zu warten, gewann die Sache einen leichten Drall. Wir hüpften nicht mehr ins Wasser, um uns den Pelz zu spülen, sondern taten die Sache aus Gründen der körperlichen Ertüchtigung. Die Ästhetik stand plötzlich im Vordergrund, jener materialisierte Wunsch, mit den Anzeichen der Vergänglichkeit auch diese Vergänglichkeit selbst loszuwerden. Es zieht den Jetztzeitler ins Freibad.

Weil Hallenbad nämlich jeder kann, erst recht der Städter, der einmal pro Woche mit der Straßenbahn zum Glasbetonbau fährt, sich Socken und Unterhemd auszieht, unter die Fußdusche humpelt und mit einer Kautschukkalotte in die Chlorsuppe hüpft, um dumpf seine Bahnen zu ziehen. Kein Ruf zurück zur Natur, nicht das Unbewusste zieht ihn hinan und ins Feuchte, er ist eingezwängt in die Schranken des Sports: schnurgerade die Kachelreihen, dräuend der Sprungturm, der mit seinem zehn Meter hohen Mahnmal die Leistungsfähigkeit der Verdübelten zelebriert – wer hier herunterhüpft, findet auch jeden Grund akzeptabel, in den Krieg zu ziehen.

Das Freibad aber, ausgestattet mit Liegewiese und Kiosk, Sonnenschirm und Uferbefestigung, es gemahnt noch an die gute Zeit, in der sich der Beknackte in Ermangelung geistiger Beschäftigung ins Begleitgrün legen musste. Vielleicht kam bei Gelegenheit ein Reptil von lokaler Berühmtheit vorbeigeschwiemelt (die Leguane füllen in den ereignisarmen Sommermonaten meist die Badeseen der einwohnerreduzierten Regionen), vielleicht rülpste eine Naturgottheit unterirdische Faulgase aus dem Schlamm herauf und sorgte für den Kern einer oft variierten Sage. Im Kevin-Schmödder-Spaßbad von Knupfringen an der Wumpe mit der rhythmisch wabbernden Welle, die Kinder von acht bis achtzig ins nasse Grab zu befördern geeignet ist, muss man freilich auf diese Anregungen verzichten.

Damen, Kinder und Herren bevölkern das Etablissement, und noch ist nicht geklärt, wer die maßgebliche Plage ist. Was die Badegästinnen angeht, so ist spontane Erblindung gar nicht das schlimmste Los; wie bemitleidenswert sind jene Großkatzen, dass man sie von innen aus ihrem Fell herauskratzt und die Reste mit Endvierzigerinnen ausstopft, die ohne einen Ganzkörperschuhlöffel nie in diese Pelle gelangen könnten, es sei denn, sie würden hineingeboren. Massive Dellen in der Oberflächenstruktur rufen Gravitationsanomalien im äußeren Teil des galaktischen Spiralarms hervor, noch viele Lichtjahre entfernt krampft sich der Ereignishorizont ruckartig zusammen, sobald sich die Damenriege nach dem Verzehr von je zwei Stück Buttercreme mit Erdbeeren zu Wasser lässt – Veteraninnen der Colossus-Klasse, dekoriert mit der eisernen Badehaube in Schwarz-Weiß-Rot samt Blümchen – und einen Seegang verursacht, dass selbst die RMS Titanic knirschend auf die Schwemmfläche gehebelt würde. Der Rest liegt auf der Wiese und züchtet seinen Hautkrebs zwischen den Tätowierungen.

Kinder sind bauartbedingt laut. Das ließe sich nur durch rückwirkende Evolutionshemmer ändern.

Was das weibliche Publikum durch Übertreibung zu kompensieren sucht, stößt bei den männlichen Besuchern auf pathologische Realitätsverleugnung. Zwar nimmt die Qualität edelchirurgischer Eingriffe an der Schädelpartie konstant zu, doch manche der Schnittmusterbögen sehen noch immer aus, als hätte Berlusconi mit der Kettensäge und einer Flasche Grappa versucht, die Probeaufnahmen für einen neuen Jackass-Film zu überleben. Man vermisst die Reißverschlüsse, unter denen wir längst Fettabsaugventile vermuteten, Ösen fürs jährliche Festzurren der Fresse, Haken mit Klettverschluss fürs Brusthaarimplantat aus der Eigenkimme, all das Zeug, das Kassenpatienten nie erdulden dürfen. Auch hier rutscht das Gewebe, doch es folgt dem Trend gleichmäßig und von papierleichter Konsistenz, der Überhang der Kniescheiben gleitet mit dem Rest der Beinfleischverkleidung harmonisch auf die Knöchel hinab, weil kein gepumptes Pölsterchen die Sache von innen gegen die Epidermis quetscht. Gleiches mit Gleichem, darum quillt auch das Abdomen elegant über den Äquator der Badehose, die beißend in den Wanst schneidet. Ein fliehendes Toupet über schütterem Rückenflaum, notfalls eine Singlesträhne, die bis in Hüfthöhe angeklatscht den Querkämmer outet, mehr ist nicht vom starken Geschlecht zu erwarten. Alle anderen, die es noch ohne fremde Hilfe aufs Einmeterbrett schaffen, sind in der Schwimmhalle. Wo sie auch nicht mit der Vergänglichkeit konfrontiert werden. Und über die Hygiene reden wir dann ein anderes Mal.


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2 responses

10 05 2014
lamiacucina

je älter der Mann, desto knapper ist die Badehose geschnitten. Ein Grundgesetz, das in allen Badeanstalten zu beobachten ist. Damit braucht man sich auch nicht lange unter der Dusche aufzuhalten. Sobald die Badehose angefeuchte ist, gilt die Einhaltung der Hygienevorschriften als bewiesen.

10 05 2014
bee

Vielen Dank für den Hinweis, dass es sich tatsächlich um eine Art Naturgesetz handelt. Bisher hielt ich es immer für eine optische Täuschung: je mehr Bauch, desto weniger Badehose.

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