Mein wunderbarer Waschsalon

21 05 2014

Ich konnte den Joghurtbecher nicht einmal in den Abfalleimer werfen. „Dass Du immer alles wegschmeißen musst“, ereiferte sich Hildegard. „Nie denkst Du nach, das macht mich noch ganz krank. Den kann man doch noch verwenden!“ Ich seufzte und stellte mir vor, wie arme Chinesen mit dankbarem Staunen um einen auslöffelten Kunststoffbecher herumsaßen, der ihnen Licht und eine warme Mahlzeit verschafft hatte, wahrscheinlich sogar immerwährende Gesundheit und die Lottozahlen der kommenden Woche. „Sei nicht albern.“ Hildegards Mundwinkel klemmten sich gefährlich zusammen. „Den kann man doch noch sehr gut verwenden, wenn man beispielsweise Waschpulver abmessen will.“

Ich will kein Waschpulver abmessen. Ich benutze, Hildegard hätte es auf dem Küchentisch unschwer entdecken können, flüssiges Waschmittel. „Wie ich das abmessen soll, zeigst Du mir bitte.“ Sie fingerte ein bisschen am Becher herum. Offensichtlich hatte sie Abstraktionsprobleme. Vielleicht wunderte sie sich aber auch, dass Joghurt hierzulande nicht in Bechern mit geeichter Skala an der Innenseite verkauft werden. Wer hätte das schon ahnen können. „Jedenfalls haben die uns auf dem Lehrgang gesagt, dass – “

Wieder einer dieser beknackten Lehrgänge. Seminare, Wochenend- und Ferienkurse, in denen das Personal von Hildegards Schule von frei umhervegetierenden Deppen auf deren Niveau herabgezerrt wurde. Sie lernte von Homöopathie über alternative Einparkmethoden bis zum Häkeln für den Weltfrieden alles, was einen ganz normalen Menschen – mich nämlich, bis zu diesem Zeitpunkt wenigstens – in den geistigen Ruin zu treiben geeignet war. Diesmal also Sparen. Im Haushalt.

„Sie ist unsere Mentorin“, erklärte Hildegard. Die etwas graubraun angezogene Dame im Mantel stand starr auf der Türschwelle und wartete, dass ich sie hereinbat. Nichts dergleichen geschah, und Hildegard hätte das lange vorher wissen können. „Es ist der Praxisteil“, erklärte sie weiter, „ich will ja das Zeugnis haben, und da dachte ich mir – “

„Schalten Sie nur Licht an, wo Sie es brauchen“, ließ sich die Sparbeauftragte vernehmen. Instinktiv drehte ich das Licht im Flur ab. Sie war ja nicht eingeladen, und mir den letzten Nerv rauben konnte sie auch im Dunklen. „Heizen Sie hier etwa?“ „Nicht doch“, gab ich seelenruhig zurück. „Wir hatten Sie erwartet und schon mal einen Scheiterhaufen für Sie vorbereitet.“

Schon hatte sie die Küche betreten. Der Wäschekorb hatte ihre Aufmerksamkeit erregt, vermutlich, da er völlig leer war und zu allem Überfluss auch noch unter dem Küchentisch stand. „Sie erledigen Ihre Wäsche zu Hause?“ „Ich bin so frei“, gab ich zurück, „weil man ja weiß, dass selbst gemachte Wäsche erheblich preiswerter ist.“ „Aber denken Sie doch nur an die Stromkosten“, fuhr sie dazwischen. „Wenn Sie das aus Ihrem Haushalt rausrechnen, wird es erheblich preiswerter.“ Die Kosten, die eine Automatenmaschine verursachte, schienen für diese Finanzakrobatin offenbar gar nicht zu zählen. „Lenken Sie nicht ab“, sagte sie schnippisch, „oder wollen Sie mir erzählen, dass Sie mehr Energie sparen als ein Industriegerät?“ Ich stellte den Korb auf die Küchenspüle. „Mein wunderbarer Waschsalon“, antwortete ich lakonisch. Eine Flasche Spülmittel, ein Bimsstein, alles war da. Im Nu wurden die Hosen sauber. „Und wie trocknen Sie?“ „Wie Sie gesehen haben, ich laufe…“ Sie schüttelte nun selbst energisch den Kopf. „Nein, ich meine die Kleider. Man braucht doch mindestens 1400 Umdrehungen in der Minute in der Schleuder, um die Trockenzeit zu reduzieren.“ „Sie irren sich.“ Ich lächelte milde. „Nach dem Duschen habe ich früher die nassen Klamotten angezogen und bin in ihren um den Tisch gerannt. Das erspart natürlich gleichzeitig das Bügeln.“ „Und heute?“ Atemlos lauschte sie meinen Worten. Ich winkte ab. „Eine ungeheure Wasserverschwendung brachte mich zu Umkehr und Buße. Ich behalte jetzt die schmutzigen Kleider zum Duschen gleich an.“ Sie jauchzte vor Freude.

Inzwischen lief ich zur Hochform auf. „Wussten Sie eigentlich, dass Reif im Kühlschrank den Energieverbrauch erhöht?“ Sie schaute mich ungläubig an. Sofort drückte ich ihr einen Topfschwamm in die Hand. „Sie sollten täglich die Dicke der Eisschicht kontrollieren“, riet ich der Gästin. „Ab einem Zentimeter kann es sein, dass Sie bares Geld vergeuden!“ Wie eine Furie stürzte sie sich ins Eisfach – nicht, ohne dass ich schnell den Aquavit in Sicherheit gebracht hatte – und begann wie besessen zu wienern. „Das ist unser Kühlschrank“, sagte Hildegard betreten. „Meiner“, korrigierte ich sie. „Mein Kühlschrank, der sich, der Zufall will’s, in meiner Wohnung befindet. Und ja, ich hätte ihn heute sowieso abgetaut, aber Deine Bekannte ist so freundlich.“

Sie ging. Hildegard hatte einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen. „Und ich möchte nie wieder hören, dass ich Dich nicht ausreichend unterstütze“, ermahnte ich sie. „Schließlich habe ich Deine Dozentin mit einem Insider-Tipp ausgestattet, der echtes Geld wert ist.“ Hildegard war verstört. „Sie hat meinen Joghurtbecher. Beschwer Dich nicht, wenn Du das Patent anmelden wolltest, kommst Du zu spät.“


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