Aus der Tiefe des Raumes

17 06 2014

Anne schlug die Tür zu und fuhr ruckartig an. „Es ist nicht das Problem mit dem Fußball“, zischte sie, „diese Idioten haben offensichtlich ein Problem damit, dass ich eine Frau bin.“ Ich verkrampfte mich unwillkürlich in den Sitz, während sie das Gaspedal durchtrat. „Du kannst von allem Ahnung haben, Autos, Technik, sogar Fußball – wenn Du eine Frau bist, wissen sie es grundsätzlich besser.“ „Vielleicht solltet Ihr einen Konsens finden und nur noch über Dinge sprechen, von denen Ihr alle etwas versteht.“ Sie lächelte säuerlich. „Eine reizvolle Vorstellung, dann müsste ich nie wieder mit ihnen reden.“

Ausgerechnet ich sollte sie auf den Grillabend begleiten, der mit ihren Kollegen stattfand. Und ausgerechnet an diesem Abend, an dem ein Spiel von nationaler Bedeutung stattfand, sollte ich die auf diesen Grillabend begleiten. „Wenn ihnen Fußball wirklich so viel bedeutete“, mutmaßte ich, „hätten sie die Party auch auf jeden anderen Abend legen können.“ „Lünekämper hat halt nur einmal im Jahr Geburtstag“, antwortete Anne knapp. „Und er hat die Unflexibilität erfunden.“ Genau das sagte man einander auch unter Eingeweihten, die den Anwalt der renommierten Kanzlei kannten. Es würde sicher eine interessante Feier werden, immer vorausgesetzt, man hätte ein Ideal von Glück vor Augen, das viel mit dem Anstarren einer gekalkten Wand zu tun hätte. „Ich werde ein falsches Wort über Fußball sagen, und sie werden mich ab morgen im Büro ächten.“

Es begann recht harmlos. Ich ging glatt als Begleitung durch – ihren glücklosen Verehrer Max Hülsenbeck hatten sie wohl gar nicht erwartet – und durfte mich sogleich an Kartoffelsalat und Bier bedienen. „Wenn Sie mich fragen“, erklärte ein kleiner Dicker mit der Andeutung eines Bärtchens die Situation, „die spielen ja nur Ticki-Tacki, aber das können sie auch.“ Ich nickte beifällig und begriff. „Wenn man eine Turniermannschaft ist, kann einen das nicht aus dem Konzept bringen.“ Er klömperte seine Bierflasche gegen meine. „Wir verstehen uns“, sagte er mit verklärtem Blick. Bevor sich eine Freundschaft anzubahnen drohte, suchte ich Anne. Sie hatte bereits das Debakel hinter sich. „Sie kennen nicht einmal den Unterschied zwischen Viererkette und Abseitsfalle.“ Dazu hatte der Juniorchef ihr ein alkoholfreies Bier in die Hand gedrückt. Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt. „Standardsituationen sind gefährlich“, gab ich zu bedenken. Und das Spiel hatte noch nicht einmal begonnen.

Auf Lünekämpers Schreibtisch lag ein Stapel Visitenkarten, die er nach Gewohnheit schwunghaft unter die Leute brachte. Da hatte ich plötzlich die rettende Idee. Ich schnappte mir die Kärtchen, zog einen Stift aus dem Jackett und begann rasch die Rückseiten zu beschreiben. Anne schaute skeptisch. „Und was wird das, wenn es fertig ist?“ „Kleine Argumentationshilfen“, murmelte ich. „Das wird Dein Sportfachgespräch entscheidend verbessern.“ „Ich soll mit einem Haufen Karteikarten einen ganzen Abend bestreiten?“ Ich drückte ihr die Kärtchen in die Hand. „Und wie hast Du Dein Examen bestanden?“

Der Grill grillte, der Beamer beamte, die Gesellschaft hockte im Halbdunkel auf Klapp- und anderem Gestühl. „Das muss sicher ein WM-System sein“, fachsimpelte der kleine Dicke, worauf sich ein akkurat gescheitelter Herr mit Kurzarmhemd und gestreifter Krawatte heftig nickend einschaltete. „Sie spielen bestimmt wieder mit Manndeckung.“ Anne ballte die Faust. „Noch nicht“, flüsterte ich, „wir brauchen erst noch eine prägnante…“ „Unsinn“, schnauzte sie. „Die müssen einfach nur schneller umschalten!“ Vierzig Augen hefteten sich auf sie. „Worauf genau beziehen Sie sich?“ Der Juniorchef grinste, man sah es auch in diesem Dämmerlicht. Anne blätterte um. „Da gehen viel zu viele Pässe ins Leere.“ Die anderen nickten beifällig. Ein Punkt für uns.

„Es klappt schon ganz gut, aber jetzt nicht…“ Schon wieder unterbrach sie mich. „Über die Flügel“, schrie sie, „verdammt noch mal – die müssen doch jetzt über die Flügel spielen!“ Der bebrillte Flachdachscheitel nickte zustimmend. „Das wollte ich auch gerade sagen.“ „Und dieses Schönspielen, pff! Dafür gibt’s doch auch keine Punkte.“ Möglicherweise hatte ich Anne wirklich unterschätzt. Nur nicht ihren Sachverstand in Sachen Fußball.

Schon wand sich ein Spieler auf dem Rasen. „Skandal!“ „Heimtücke, weil wir ihnen den Euro wegnehmen werden.“ „Mit dem können die doch eh nicht umgehen.“ „Hähähä!“ Anne räusperte sich. „Das ist Kinderkram, in England hätte das doch keiner gepfiffen.“ „Wenn sich das mal nicht rächt!“ Der Brillenträger setzte auf eine Charmeoffensive. Doch sie blieb stur. „Jetzt müssen sie auch dahin, wo es richtig wehtut.“ Ausgerechnet der Juniorchef musste immer noch eins draufsetzen. „Da!“ Der Unparteiische hatte gepfiffen. „Typisch, wie die spielen – der stand doch schon halb im Abseits.“ Bohrende Blicke hefteten sich auf ihn. „Wenn Sie das einer Laiin erklären könnten“, sagte sie sanft, „wie kann jemand halb im Abseits stehen?“ Er schwieg verbissen. „Haben Sie die Regel gerade nicht parat? Kann ja mal vorkommen.“ Er zischte etwas Unverständliches. „Ja, so ist Fußball.“ Die anderen Gäste murmelten etwas Zustimmendes. Worauf sich alle einig waren, dass ein Tor dem Spiel durchaus guttun würde.

Anne schloss die Tür und schob den Gurt ins Schloss. „Das war gerade noch rechtzeitig“, sagte sie und atmete erleichtert auf. „Aber es lief doch ganz flüssig?“ Sie gab Gas. „So weit war alles in Ordnung, aber mir wären jeden Moment die Kärtchen ausgegangen.“


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