Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXLV): Zeitungssterben

20 06 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann einmal gefiel es der Kaste der Verleger, ihre sinkenden Auflagenzahlen zur Kenntnis zu nehmen, und siehe, sie plärrten ein erschröckliches Liedchen von großer Gefahr. Das Internet, die Kostenlosmentalität und ein völlig aus der Façon geratener Pöbel schwingen darin tödliche Waffen, während ein grauenvoller Weltenbrand die Szenerie in apokalyptisches Licht tunkt. Das Ende der Existenz, wie wir sie in der Schule gelernt haben, steht vor der Tür und knirscht demonstrativ mit den Zähnen. Diddl, Dösen, Demente, alles hat ein Ende. Das Zeitungssterben auch, und es hat vor allem eins: Gründe.

Sie nehmen Anlauf, um Realitätsverweigerung und Beratungsresistenz unter einen Hut zu kriegen. Verzweifelt schwiemeln Entscheider – größtenteils Finanzvorstände, die unfähig wären, nur eine grammatisch gerade Zeile in den Bleisatz zu rülpsen – sich ihre Diagnose zurecht: nicht sie haben die Scheibe zerschmissen, der Stein war’s. Nicht der wirtschaftliche Niedergang der Massen bedroht die Delikatessenläden, es ist der Boom der Fischstäbchenkonzerne. Zu Hülf. Zu dumm.

Die Therapien sind durchaus unterschiedlich. Während die einen jegliche Qualität aus dem Fenster treten und mit Monster, Möpsen, Mutationen eine Milliardenauflage zu halluzinieren beginnen, gibt sich die andere Fraktion sofort restriktiv – um hinter einer erbärmlich zusammengezimmerten Bezahlschranke denselben Schrott zum Kauf anzubieten, den es an der nächsten Straßenecke weiter umsonst gibt. Manche haben noch den Stolz der alten Tage am Leib, der ihnen befiehlt, elitär und hochfahrend alles zu missachten, was den Neuigkeitsfeudel täglich kauft. Man mag sie für eingebildet halten, aber sie sind wenigstens so ehrlich, dass sie den Leser zum natürlichen Feind der Zeitungsverlage erheben. Wen auch sonst.

Nämlich der Leser ist schuldig, das unbekannte Wesen, das sich trotz aufwändiger Marktforschung, permanenter Ausspähung und ständiger Gängelung durch gekauftes Gesetzeswerk im Urheberrecht just so verhält, wie es der voraufklärerische Schamane im Publizistenpelz gar nicht hätte wissen können. Sie – es muss sich um eine völlig andere Elite handeln, die Produktionsmittel, Medien und Kapitalflüsse der westlichen Welt jahrzehntelang in ihren schwitzigen Fingern gehabt haben – erfinden einfach dieses Internet und konnten nicht damit rechnen, dass es benutzt wird, obwohl es ja nur Geld kostet, Zeit, Aufmerksamkeit und eine gewisse Neigung, sich dafür zu engagieren. Wie konnte das nur passieren.

Schon die flüchtige Betrachtung zeigt, dass der Schlachtgang der Printviecher lange vor dem Siegeszug des Netzes begann. Nicht die simple Kausalität erklärt den Fall, die Korrelation ist erhellend. Das verkrustete Gefüge aus Muff und Plüsch, das mählich dem Neoliberalismus entgegen schimmelte, es nahm sich die Freiheit, für die Interessen der Bevölkerungsmehrheit irrelevant zu werden, und zwar aus freien Stücken. Das Gefasel euphorischer Hilfsanimateure aus der etablierten Funktionsträgerschaft langweilt die undifferenziert als Pöbel apostrophierten 99%, wie sie Pest- und Kohl-Ära in feuchten Träumen herbeikirchnerten. Die ohnehin schwache Bindungsenergie der Institutionen, Gewerkschaften, Parteien und anderer interkonfessioneller Kegelclubs fraß die ungeistig bis unmoralische Wende, das Wuchern der zur Flächenverdeppung gezüchteten Knalltütensender zeitigte den gewünschten Erfolg und erwies sich als suizidaler Selbstversuch. Fortan verwitterte der Intellekt der Kurzstreckendenker zur Mittagszeit vor dem Unterschichten-TV, statt sich in Krieg und Friede Springers Stürmer in die Birne zu drücken.

Tempora mutantur. Natürlich stirbt nichts so ganz; aus nostalgischen Gründen erklären die einen den Spuk zum legitimen Lebenszeichen, die anderen beharren auf Kulturgüter und beschwören eine schreckliche Zukunft, in der wir unzivilisiert zugrunde gehen werden, weil wir keine Postkutschen, weder Reiseschreibmaschinen noch Gänsefedern nutzen. Kein etabliertes Instrument des Informations- und Gedankenaustauschs will der Weichstapler missen, und ist er schon glücklich in dem Bewusstsein, von künftigen Generationen zum Retter der Windmühle erhoben zu werden, so erschöpft sich seine intellektuelle Kapazität meist auf dem Weg zum Brett vor dem Schädel. Möglicherweise sind Federkiel und Reifrock in musealem Kontext weiter überlebensfähig, doch sind sie es eben nur dort. Die Crux ist, dass unter dem Brauchtumsterrorismus der Pausenclowns die Stützen der Gesellschaft leiden.

So besäße der usuelle Faltlappen immer noch die klaffende Marktlücke, sich lokal auszubreiten oder in die Tiefe zu wachsen und, zeitlich begünstigt für die genauere Reflexion im Herstellungszeitraum, alle Hintergründe zu beleuchten, die der wartende Leser im hetzenden Digitalgewerbe vergeblich sucht. Man bietet dem Produzenten eine kostbare Flöte, nach deren Tönen eine Schar zahlungskräftiger Bürger im engeren Sinne sich gar erziehen ließen, das Gute und Schöne mit Barem zu verbinden, und was tut der Depp, den nur noch die Rendite schert? Er pfeift darauf.

Ein Großteil dieser soi-disant Qualitätsmedien sind sekundär verwerteter Agenturdreck, oder wie der Fachmann es nennt: Gleichschaltung. Hätte ein Teil der Käuferschicht nicht eh schon die Fähigkeit zum Dreischritt Lesen, Verstehen, Analysieren an der Autobahnraststätte ausgesetzt, man wüsste nicht recht, warum man sich derlei freiwillig unter die Fingernägel reiben sollte. Vielleicht sind wir ja alle kulturlos. Oder zu sehr an Fischstäbchen gewöhnt. Wer braucht heute noch Einwickelpapier?


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