Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXLV): Zeitungssterben

20 06 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann einmal gefiel es der Kaste der Verleger, ihre sinkenden Auflagenzahlen zur Kenntnis zu nehmen, und siehe, sie plärrten ein erschröckliches Liedchen von großer Gefahr. Das Internet, die Kostenlosmentalität und ein völlig aus der Façon geratener Pöbel schwingen darin tödliche Waffen, während ein grauenvoller Weltenbrand die Szenerie in apokalyptisches Licht tunkt. Das Ende der Existenz, wie wir sie in der Schule gelernt haben, steht vor der Tür und knirscht demonstrativ mit den Zähnen. Diddl, Dösen, Demente, alles hat ein Ende. Das Zeitungssterben auch, und es hat vor allem eins: Gründe.

Sie nehmen Anlauf, um Realitätsverweigerung und Beratungsresistenz unter einen Hut zu kriegen. Verzweifelt schwiemeln Entscheider – größtenteils Finanzvorstände, die unfähig wären, nur eine grammatisch gerade Zeile in den Bleisatz zu rülpsen – sich ihre Diagnose zurecht: nicht sie haben die Scheibe zerschmissen, der Stein war’s. Nicht der wirtschaftliche Niedergang der Massen bedroht die Delikatessenläden, es ist der Boom der Fischstäbchenkonzerne. Zu Hülf. Zu dumm.

Die Therapien sind durchaus unterschiedlich. Während die einen jegliche Qualität aus dem Fenster treten und mit Monster, Möpsen, Mutationen eine Milliardenauflage zu halluzinieren beginnen, gibt sich die andere Fraktion sofort restriktiv – um hinter einer erbärmlich zusammengezimmerten Bezahlschranke denselben Schrott zum Kauf anzubieten, den es an der nächsten Straßenecke weiter umsonst gibt. Manche haben noch den Stolz der alten Tage am Leib, der ihnen befiehlt, elitär und hochfahrend alles zu missachten, was den Neuigkeitsfeudel täglich kauft. Man mag sie für eingebildet halten, aber sie sind wenigstens so ehrlich, dass sie den Leser zum natürlichen Feind der Zeitungsverlage erheben. Wen auch sonst.

Nämlich der Leser ist schuldig, das unbekannte Wesen, das sich trotz aufwändiger Marktforschung, permanenter Ausspähung und ständiger Gängelung durch gekauftes Gesetzeswerk im Urheberrecht just so verhält, wie es der voraufklärerische Schamane im Publizistenpelz gar nicht hätte wissen können. Sie – es muss sich um eine völlig andere Elite handeln, die Produktionsmittel, Medien und Kapitalflüsse der westlichen Welt jahrzehntelang in ihren schwitzigen Fingern gehabt haben – erfinden einfach dieses Internet und konnten nicht damit rechnen, dass es benutzt wird, obwohl es ja nur Geld kostet, Zeit, Aufmerksamkeit und eine gewisse Neigung, sich dafür zu engagieren. Wie konnte das nur passieren.

Schon die flüchtige Betrachtung zeigt, dass der Schlachtgang der Printviecher lange vor dem Siegeszug des Netzes begann. Nicht die simple Kausalität erklärt den Fall, die Korrelation ist erhellend. Das verkrustete Gefüge aus Muff und Plüsch, das mählich dem Neoliberalismus entgegen schimmelte, es nahm sich die Freiheit, für die Interessen der Bevölkerungsmehrheit irrelevant zu werden, und zwar aus freien Stücken. Das Gefasel euphorischer Hilfsanimateure aus der etablierten Funktionsträgerschaft langweilt die undifferenziert als Pöbel apostrophierten 99%, wie sie Pest- und Kohl-Ära in feuchten Träumen herbeikirchnerten. Die ohnehin schwache Bindungsenergie der Institutionen, Gewerkschaften, Parteien und anderer interkonfessioneller Kegelclubs fraß die ungeistig bis unmoralische Wende, das Wuchern der zur Flächenverdeppung gezüchteten Knalltütensender zeitigte den gewünschten Erfolg und erwies sich als suizidaler Selbstversuch. Fortan verwitterte der Intellekt der Kurzstreckendenker zur Mittagszeit vor dem Unterschichten-TV, statt sich in Krieg und Friede Springers Stürmer in die Birne zu drücken.

Tempora mutantur. Natürlich stirbt nichts so ganz; aus nostalgischen Gründen erklären die einen den Spuk zum legitimen Lebenszeichen, die anderen beharren auf Kulturgüter und beschwören eine schreckliche Zukunft, in der wir unzivilisiert zugrunde gehen werden, weil wir keine Postkutschen, weder Reiseschreibmaschinen noch Gänsefedern nutzen. Kein etabliertes Instrument des Informations- und Gedankenaustauschs will der Weichstapler missen, und ist er schon glücklich in dem Bewusstsein, von künftigen Generationen zum Retter der Windmühle erhoben zu werden, so erschöpft sich seine intellektuelle Kapazität meist auf dem Weg zum Brett vor dem Schädel. Möglicherweise sind Federkiel und Reifrock in musealem Kontext weiter überlebensfähig, doch sind sie es eben nur dort. Die Crux ist, dass unter dem Brauchtumsterrorismus der Pausenclowns die Stützen der Gesellschaft leiden.

So besäße der usuelle Faltlappen immer noch die klaffende Marktlücke, sich lokal auszubreiten oder in die Tiefe zu wachsen und, zeitlich begünstigt für die genauere Reflexion im Herstellungszeitraum, alle Hintergründe zu beleuchten, die der wartende Leser im hetzenden Digitalgewerbe vergeblich sucht. Man bietet dem Produzenten eine kostbare Flöte, nach deren Tönen eine Schar zahlungskräftiger Bürger im engeren Sinne sich gar erziehen ließen, das Gute und Schöne mit Barem zu verbinden, und was tut der Depp, den nur noch die Rendite schert? Er pfeift darauf.

Ein Großteil dieser soi-disant Qualitätsmedien sind sekundär verwerteter Agenturdreck, oder wie der Fachmann es nennt: Gleichschaltung. Hätte ein Teil der Käuferschicht nicht eh schon die Fähigkeit zum Dreischritt Lesen, Verstehen, Analysieren an der Autobahnraststätte ausgesetzt, man wüsste nicht recht, warum man sich derlei freiwillig unter die Fingernägel reiben sollte. Vielleicht sind wir ja alle kulturlos. Oder zu sehr an Fischstäbchen gewöhnt. Wer braucht heute noch Einwickelpapier?





Doktor No

19 06 2014

„Bedaure, wir können das nicht zulassen, schon aus formalen Gründen nicht. Schließlich ist Snowden noch nie in Deutschland gewesen, wie sollte er so einen Doktor erworben haben?

Sehen Sie denn einen wissenschaftlichen Mehrwert in Snowdens Enthüllungen? Unsinn, Sie wissen doch gar nicht, was Wissenschaft ist. Also Wissenschaft ist, wenn man wissenschaftlich Wissenschaft betreibt, als Professor, oder wenn man dafür Geld bekommt. Und Nobelpreise. So wie Einstein. Deshalb hat der ja auch einen Doktor von der Rostocker Universität bekommen.

Sicher ist das auch demokratisch legitimiert. Fragen Sie doch mal auf der Straße, wovon die Leute mehr verstehen, von Einstein oder von Snowden. Diese Relativtheorie, die kann Ihnen doch heutzutage fast jedes Schulkind erklären. Vielleicht nicht unbedingt in Rostock, die hatten ja damals nur Sozialismus in der Schule, aber sonst weiß das doch jeder in Deutschland. Fragen Sie mal einen auf der Straße, ob diese NASA die Bundeskanzlerin abgehört hat und was der BND ist. Am Ende wollen Sie dafür auch noch einen Nobelpreis haben, was?

Sie unterschätzen die Sache ein bisschen. Einen Doktor bekommt man nicht einfach mal so. Dafür muss man schon etwas tun. Hat dieser Snowden denn überhaupt in Deutschland studiert? Sehen Sie, Sie haben keinen Beweis dafür. Und mit Ihnen soll ich vernünftig diskutieren?

Gauck hat sich wenigstens etwas geleistet für unser Land. Lesen Sie mal, was der jetzt gerade sagt. Dass wir uns militärisch viel mehr einmischen sollten. Und Sie finden das jetzt so großartig neu, wenn Ihr Snowden herausgefunden hat, dass die deutschen Geheimdienste Beihilfe zum Drohnenkrieg der USA geleistet haben? Das nennen Sie einen Mehrwert? Das haben doch diese Piraten vor Jahren schon behauptet, und die wollen sicher auch nicht alle einen Doktor dafür.

Sie wissen doch genau, dass Sie mit der Technik vorsichtig sein müssen. Sie haben es doch gerade eben selbst gesagt: da sind jede Menge ausländischer Verbrecher in diesem Internet unterwegs. Die wollen alle nur die Bundeskanzlerin abhören und die Fotos, die Sie bei Facebook hochladen, auch in Nordkorea sichtbar machen. Natürlich ist dieser Snowden ein Verbrecher, sonst würden ihn die Amerikaner doch nicht vor Gericht stellen wollen. Also manchmal muss ich mich über die Naivität in Ihrer Generation schon sehr wundern.

Dann telefonieren Sie doch nicht immerzu. Warum muss denn Ihre Generation auch ständig telefonieren? oder immer online sein? Oder in diesem Internet, oder beides gleichzeitig? Wir haben das damals nicht gebraucht, und aus uns sind auch sehr gute Politiker geworden. Fragen Sie sich ruhig mal.

Jetzt fangen Sie mir nicht mit Menschenrechten an. Gut, dann fangen Sie mit Menschenrechten an, aber dann frage ich Sie: sind damit nicht in Wahrheit die deutschen Grundrechte gemeint? Keine Ausflüchte, das sollten Sie jetzt genau unter die Lupe nehmen – hier sind doch die deutschen Grundrechte gemeint. Die gelten meines Wissens nach aber nur für Deutsche, und ich kann mich nicht erinnern, dass Snowden tatsächlich die deutsche Staatsbürgerschaft – unterbrechen Sie mich jetzt nicht, Sie bringen mich noch ganz aus dem Konzept! Es sind eben nicht die deutschen Grundrechte, weil das ist wegen diesem Internet, da gelten gar keine, das ist schließlich der international rechtsfreie Raum. Doch, ich weiß das genau, wir haben das an unserem Stammtisch, Ortsverein wollte ich sagen, im CDU-Ortsverein haben wir das besprochen und demokratisch darüber abgestimmt. Es gibt da keine Rechte, deshalb kann die ein Ausländer auch nicht für sich in Anspruch nehmen. Und es gibt nun mal kein Supergrundrecht auf Doktortitel, oder wissen Sie das etwa auch besser?

Nein, die Grundrechte gelten doch nur in Deutschland. Wenn die Amerikaner jetzt angeblich in diesem internationalen Netz spionieren, dann können sie die deutschen Rechte doch gar nicht verletzen. Und selbst wenn sie das tun, rechtfertigt das etwa einen Doktortitel für einen von denen? Wir können doch jetzt nicht jeden, der deutsches Recht verletzt, automatisch mit einem Doktor –

Diese Bemerkung über Frau Schavan verbitte ich mir. Die war immerhin Bundesministerin beim Papst. Snowden nicht.

Wie gesagt, der Snowden ist ein Verbrecher, weil die Amerikaner ihn vor Gericht stellen wollen. Sie dürfen ja gerne der Meinung sein, dass das ein Rechtsverstoß ist, wenn der deutsche Geheimdienst seiner Aufgabe nachkommt. Hier herrscht Meinungsfreiheit. Aber Sie dürfen sich dann nicht wundern, wenn Sie für diese Verschwörungstheorie irgendwann mal Besuch vom Geheimdienst bekommen. Von welchem auch immer.

Ehrendoktor? wieso das denn? Diese NSA hat doch in einem so hohen Maße ehrlos gehandelt – haben Sie das nicht selbst gesagt? – was wollen Sie denn dem Mann jetzt auch noch einen Ehrendoktor verleihen? Sind bei Ihnen jetzt alle Sicherungen durchgebrannt? Und das in einem demokratischen Rechtsstaat? Jetzt ist aber endgültig – nein, auf dem Niveau diskutiere ich nicht mehr mit Ihnen. Gehen Sie doch nach… Ach, egal.“





Oben ohne

18 06 2014

„… dass Radfahrer, die ohne Helm fahren und ohne Schuld in einen Unfall verwickelt würden, dennoch den vollen Versicherungsschutz…“

„… von der Versicherungsbranche komplett abgelehnt worden sei. Man dürfe au gar keinen Fall ungezwungen Präzedenzfälle schaffen, in denen ein Zusammenhang zwischen Versicherung und etwaiger Leistung…“

„… sich der ADAC für ein Tempolimit von Fahrradfahrern ausgesprochen habe. Viele Radraser seien inzwischen dafür verantwortlich, mit ihren Knochen unbescholtene Autotüren teilweise irreparabel geschädigt zu…“

„… könne die allgemeine Helmpflicht ebenso bewirken, dass ein gesteigertes Risikoverhalten zu mehr und schwereren Unfällen führe. Die Sicherheitsindustrie wolle daher umgehend eine Verpflichtung zum Helmtragen für die ganze EU auf die…“

„… durch verstärkte Sicherheitsmaßnahmen begegnet werden könnten. Das BKA wolle eine Radfahrer-Kartei einrichten, wenn sich der Schutzhelmstatus etwa durch Verkehrskameras mit Gesichtserkennung…“

„… sehr für die Helmpflicht eintrete. Die Autoindustrie wolle jedoch nicht die Sicherheit der Radfahrer verstärken, sondern zum Umsteig auf das Auto als wesentlich sichereres Verkehrsmittel…“

„… habe das Bundesgesundheitsministerium zur Sicherung der Radfahrer eine generelle Helmpflicht empfohlen, die umgehend von den…“

„… dass in den Niederlanden so gut wie keine Radler mit Helm fahren würden. Die erheblich geringere Unfallwahrscheinlichkeit beruhe laut ADAC auf der geophysikalischen Neigung des Erdbodens wegen der seewindbedingten…“

„… Helmtragen als Vermummung einzustufen, die Verweigerung des Helms jedoch als potenziellen Terrorismus und Nicht-Radfahren als Widerstand gegen staatliche Kontrollmaßnahmen. Uhl sei zuversichtlich, sämtliche Staatsbürger in einer gemeinsamen Straftäterkartei zu…“

„… als anstrengungsloses Wohlbefinden. Wer sich nach einem Unfall auf Kosten der Versicherungskonzerne der Arbeitsunfähigkeit hingebe, so Westerwelle, sei ein asozialer Parasit im Körper der Leistungsnation, der eine reale Gefahr für den DAX…“

„… zu einem Missverständnis. De Maizière habe den Aufbau einer Helmkartei abgelehnt, da nun von der Leyen für dieses Ressort…“

„… dass in den Niederlanden so gut wie keine Radler mit Helm fahren würden. Die erheblich geringere Unfallwahrscheinlichkeit beruhe laut Versicherungskonzernen auf genetisch vererbter Fähigkeiten, die zusammen mit dem permanenten Konsum von Cannabisprodukten eine starke Gefährdung für die gesamteuropäische…“

„… eine Arbeitsunfähigkeit wegen eines unverschuldeten Unfalls nicht relevant sei. In der Neufassung der Hartz-Gesetze stoße jedoch die Definition einer nicht verschuldeten Schuld auf breite Zustimmung, wenn man dadurch Sanktionen gegen Erwerbslose schnell und unbürokratisch…“

„… auf volle Zustimmung gestoßen sei. Die Grünen hätten Gröhes Helmpflicht als einen absolut richtigen Schritt für die Entwicklung der …“

„… dass das Radfahren selbst eine Ursache für die vielen unverschuldeten Fahrradunfälle sei. Zwar sei es juristisch schwierig, Radfahren bereits als Straftat zu klassifizieren, doch wolle die Deutsche Polizeigewerkschaft noch in diesem Jahr einen…“

„… dass in den Niederlanden so gut wie keine Radler mit Helm fahren würden. Die erheblich geringere Unfallwahrscheinlichkeit beruhe laut Pilotenvereinigung Cockpit darauf, dass in der Luftfahrtausbildung Wert darauf gelegt werde, die Fahrertür nach der Landung nicht aufzureißen, sondern zuvor in den Außenspiegel zu…“

„… Zerwürfnis innerhalb der Koalition. Seehofer habe den Unionskollegen Gröhe gewarnt, Schritte zu unternehmen, die von den Grünen als sinnvoll und…“

„… analog zu den Zahlen der verunglückten Fußgänger. Da auch diese zu den gefährdeten Teilnehmern im Straßenverkehr zählten, sei es unerlässlich, die Helmpflicht auch für sie so schnell wie möglich…“

„… sich Gewerkschaftsführer Wendt selbst mit einem Experiment – Abwurf eines Fahrradhelms sowie einer Pudelmütze von der Spitze des Kölner Doms – an der öffentlichen Debatte beteiligen wolle. Nachdem überraschenderweise der Helm stark beschädigt worden sei, bevorzuge die Polzistenvereinigung nun die Pudelmütze als…“

„… nicht das Verkehrsmittel entscheidend sei. Allein die Anzahl der tödlich verunglückten Autofahrer spreche dafür. Gröhe könne keine Diskriminierung erkennen und plädiere dafür, neben Zweiradlenkern auch Autofahrer mit einer allgemeinen Helmpflicht…“

„… sich die Plakataktion Oben ohne der deutschen Versicherungswirtschaft nicht gut anlasse. Die meisten Befragten seien der Meinung, die Werbung wolle zum Verzicht auf den Fahrradhelm…“

„… müsse der Kinderhelm für Dreiradfahrer zwar unter haftungsrechtlichen Gesichtspunkten neu diskutiert werden, die Union wolle jedoch eine Einschränkung des Elterngeldes bei Verstößen gegen die Verordnung nicht ohne eine vorherige Berücksichtigung des Bruttoeinkommens…“

„… auf technische Schwierigkeiten stoße. Zwar sei eine generelle Helmpflicht für Taxi-Fahrgäste problemlos möglich, solange die Fahrer genügend Kopfschutzgeräte mitführten, doch sei die EU-Richtlinie zur Gurtpflicht für Fußgänger noch nicht besonders…“

„… online gekapert worden sei. Unter dem Bashtag #ObenOhne fordere eine Initiative ein generelles Alkoholverbot am Steuer, was Dobrindt als nicht verhandelbar…“

„… verhaftet worden sei. Die 81-jährige Stuttgarterin sei von ihren Nachbarn durch das Küchenfenster beobachtet worden, wie sie ohne Helm und Sicherheitsschuhe alleine auf einem Stuhl in der…“





Aus der Tiefe des Raumes

17 06 2014

Anne schlug die Tür zu und fuhr ruckartig an. „Es ist nicht das Problem mit dem Fußball“, zischte sie, „diese Idioten haben offensichtlich ein Problem damit, dass ich eine Frau bin.“ Ich verkrampfte mich unwillkürlich in den Sitz, während sie das Gaspedal durchtrat. „Du kannst von allem Ahnung haben, Autos, Technik, sogar Fußball – wenn Du eine Frau bist, wissen sie es grundsätzlich besser.“ „Vielleicht solltet Ihr einen Konsens finden und nur noch über Dinge sprechen, von denen Ihr alle etwas versteht.“ Sie lächelte säuerlich. „Eine reizvolle Vorstellung, dann müsste ich nie wieder mit ihnen reden.“

Ausgerechnet ich sollte sie auf den Grillabend begleiten, der mit ihren Kollegen stattfand. Und ausgerechnet an diesem Abend, an dem ein Spiel von nationaler Bedeutung stattfand, sollte ich die auf diesen Grillabend begleiten. „Wenn ihnen Fußball wirklich so viel bedeutete“, mutmaßte ich, „hätten sie die Party auch auf jeden anderen Abend legen können.“ „Lünekämper hat halt nur einmal im Jahr Geburtstag“, antwortete Anne knapp. „Und er hat die Unflexibilität erfunden.“ Genau das sagte man einander auch unter Eingeweihten, die den Anwalt der renommierten Kanzlei kannten. Es würde sicher eine interessante Feier werden, immer vorausgesetzt, man hätte ein Ideal von Glück vor Augen, das viel mit dem Anstarren einer gekalkten Wand zu tun hätte. „Ich werde ein falsches Wort über Fußball sagen, und sie werden mich ab morgen im Büro ächten.“

Es begann recht harmlos. Ich ging glatt als Begleitung durch – ihren glücklosen Verehrer Max Hülsenbeck hatten sie wohl gar nicht erwartet – und durfte mich sogleich an Kartoffelsalat und Bier bedienen. „Wenn Sie mich fragen“, erklärte ein kleiner Dicker mit der Andeutung eines Bärtchens die Situation, „die spielen ja nur Ticki-Tacki, aber das können sie auch.“ Ich nickte beifällig und begriff. „Wenn man eine Turniermannschaft ist, kann einen das nicht aus dem Konzept bringen.“ Er klömperte seine Bierflasche gegen meine. „Wir verstehen uns“, sagte er mit verklärtem Blick. Bevor sich eine Freundschaft anzubahnen drohte, suchte ich Anne. Sie hatte bereits das Debakel hinter sich. „Sie kennen nicht einmal den Unterschied zwischen Viererkette und Abseitsfalle.“ Dazu hatte der Juniorchef ihr ein alkoholfreies Bier in die Hand gedrückt. Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt. „Standardsituationen sind gefährlich“, gab ich zu bedenken. Und das Spiel hatte noch nicht einmal begonnen.

Auf Lünekämpers Schreibtisch lag ein Stapel Visitenkarten, die er nach Gewohnheit schwunghaft unter die Leute brachte. Da hatte ich plötzlich die rettende Idee. Ich schnappte mir die Kärtchen, zog einen Stift aus dem Jackett und begann rasch die Rückseiten zu beschreiben. Anne schaute skeptisch. „Und was wird das, wenn es fertig ist?“ „Kleine Argumentationshilfen“, murmelte ich. „Das wird Dein Sportfachgespräch entscheidend verbessern.“ „Ich soll mit einem Haufen Karteikarten einen ganzen Abend bestreiten?“ Ich drückte ihr die Kärtchen in die Hand. „Und wie hast Du Dein Examen bestanden?“

Der Grill grillte, der Beamer beamte, die Gesellschaft hockte im Halbdunkel auf Klapp- und anderem Gestühl. „Das muss sicher ein WM-System sein“, fachsimpelte der kleine Dicke, worauf sich ein akkurat gescheitelter Herr mit Kurzarmhemd und gestreifter Krawatte heftig nickend einschaltete. „Sie spielen bestimmt wieder mit Manndeckung.“ Anne ballte die Faust. „Noch nicht“, flüsterte ich, „wir brauchen erst noch eine prägnante…“ „Unsinn“, schnauzte sie. „Die müssen einfach nur schneller umschalten!“ Vierzig Augen hefteten sich auf sie. „Worauf genau beziehen Sie sich?“ Der Juniorchef grinste, man sah es auch in diesem Dämmerlicht. Anne blätterte um. „Da gehen viel zu viele Pässe ins Leere.“ Die anderen nickten beifällig. Ein Punkt für uns.

„Es klappt schon ganz gut, aber jetzt nicht…“ Schon wieder unterbrach sie mich. „Über die Flügel“, schrie sie, „verdammt noch mal – die müssen doch jetzt über die Flügel spielen!“ Der bebrillte Flachdachscheitel nickte zustimmend. „Das wollte ich auch gerade sagen.“ „Und dieses Schönspielen, pff! Dafür gibt’s doch auch keine Punkte.“ Möglicherweise hatte ich Anne wirklich unterschätzt. Nur nicht ihren Sachverstand in Sachen Fußball.

Schon wand sich ein Spieler auf dem Rasen. „Skandal!“ „Heimtücke, weil wir ihnen den Euro wegnehmen werden.“ „Mit dem können die doch eh nicht umgehen.“ „Hähähä!“ Anne räusperte sich. „Das ist Kinderkram, in England hätte das doch keiner gepfiffen.“ „Wenn sich das mal nicht rächt!“ Der Brillenträger setzte auf eine Charmeoffensive. Doch sie blieb stur. „Jetzt müssen sie auch dahin, wo es richtig wehtut.“ Ausgerechnet der Juniorchef musste immer noch eins draufsetzen. „Da!“ Der Unparteiische hatte gepfiffen. „Typisch, wie die spielen – der stand doch schon halb im Abseits.“ Bohrende Blicke hefteten sich auf ihn. „Wenn Sie das einer Laiin erklären könnten“, sagte sie sanft, „wie kann jemand halb im Abseits stehen?“ Er schwieg verbissen. „Haben Sie die Regel gerade nicht parat? Kann ja mal vorkommen.“ Er zischte etwas Unverständliches. „Ja, so ist Fußball.“ Die anderen Gäste murmelten etwas Zustimmendes. Worauf sich alle einig waren, dass ein Tor dem Spiel durchaus guttun würde.

Anne schloss die Tür und schob den Gurt ins Schloss. „Das war gerade noch rechtzeitig“, sagte sie und atmete erleichtert auf. „Aber es lief doch ganz flüssig?“ Sie gab Gas. „So weit war alles in Ordnung, aber mir wären jeden Moment die Kärtchen ausgegangen.“





Kriegsspiele

16 06 2014

„Da wird sich der Herr Bundespräsident aber freuen, wenn Sie den Herrn Bundespräsidenten einladen. Der Herr Bundespräsident hat sich extra den ganzen Vormittag für Sie frei gehalten. Weil der Herr Bundespräsident nämlich schon irgendwie wusste, dass Sie ihn einladen würden. Also den Herrn Bundespräsidenten.

Wir müssten uns da vorab über ein paar Dinge unterhalten. Zum Beispiel über die Wortwahl des Herrn Bundespräsidenten. Da muss der Herr Bundespräsident ja schließlich wissen, was der Herr Bundespräsident sagen darf. Bewaffnete Konflikte sind eher verpönt. Kann man das irgendwie netter ausdrücken? irgendwas mit Freiheit vielleicht? Nein, Praxiseinsatz geht nicht. Das sagt der Herr Bundespräsident ungern. Anwendungsfall, Betrieb, Materialverbrauchssituation – Sie müssen mal für einen Moment vergessen, dass Sie Waffenhersteller sind. Der Herr Bundespräsident ist schließlich der Herr Bundespräsident, da müssen wir etwas auf Neutralität achten. Sonst wären bestimmt andere Industriezweige beleidigt.

Und bitte keine Anspielungen auf die arabische Welt. Natürlich weiß der Herr Bundespräsident, dass das Schlüsselkunden sind, aber der Herr Bundespräsident kann darauf nicht immer Rücksicht nehmen. Am Ende müsste er noch sagen, dass die Islamisten zu Deutschland gehören, und das ist schon mal schiefgegangen mit einem Bundespräsidenten.

Man darf das ja auch nicht nur wirtschaftlich verstehen, sondern man muss das auch als politisch begreifen. Der Herr Bundespräsident versucht das auch immer zu berücksichtigen, wenn der Herr Bundespräsident irgendwo etwas sagt. Deutschland muss eine starke Rolle – nein, das nehmen wir mal besser wieder raus. Der Herr Bundespräsident hätte das so nicht formulieren wollen, wenn Sie der Meinung sind, der Herr Bundespräsident hätte das nicht so formulieren sollen. Deutschland muss eine Rolle der Stärke spielen. Gut so? Gut so. Und dafür muss Deutschland auch andere Nationen, sagen wir mal, ermächtigen – kann man das sagen? ist der Herr Bundespräsident für Ermächtigungsgesetze nicht auch zuständig? – und als Stabilitätsanker in den Regionen ausrüsten, die eher nicht so von Demokratie geprägt sind. Eher von Bodenschätzen. Damit stabilisieren wir die heimische Wirtschaft. Also unsere heimische Wirtschaft, ist ja klar, und deren heimische Wirtschaft können die dann auch stabilisieren. Aber das müssen die halt selbst machen.

Also was das Politische angeht, der Herr Bundespräsident verbindet das ja meist mit den ganz großen gesellschaftlichen Visionen. Wenn diese ganz stabilen Staaten möglicherweise mal in der Folge gesellschaftlicher – also da wird es auch oft instabil, und dann braucht mal die Stabilität des – Ihre Waffensystem sind ja… Also kurz und gut, wenn das Zeug irgendwann abgeschrieben ist und auf dem Schwarzmarkt von den eigenen Rebellen gekauft wird, dann kriegen wir diese ganze Scheiße ins eigene Land rein in Form von Terroranschlägen. Da ist es doch ein Zeichen vorausschauender Planung, wenn der Herr Bundespräsident bereits die Gesetzeslage für eine Komplettüberwachung ins Leben gerufen hat, oder?

Wir können noch nichts sagen, haben Sie da Verständnis. Der Herr Bundespräsident äußert sich eigentlich erst, wenn die Lage völlig aussichtslos ist, vorher wird die deutsche Außenpolitik wie immer im Bundeskanzleramt erledigt. Gut, die Sicherheitskonferenz, aber da schicken Sie ja die Unterlagen eh gleich ins Wirtschaftsministerium. Wir müssen die politische Situation aufmerksam beobachten, dann können wir auch ein Empfehlung aussprechen. Der Herr Bundespräsident hat sich aber noch nicht entschieden, ob er Syrien oder den Irak als mögliche Testgebiete nennen soll. Die Türkei scheidet ja leider aus.

Nein, nicht so. Dass das ein NATO-Land ist, interessiert uns eigentlich nicht. Da wären die Waffenlieferungen dann auch nicht weiter schlimm. Aber seit den Meinungsverschiedenheiten mit dem türkischen Premier kann der Herr Bundespräsident sich nicht mehr kritisch äußern, ohne dass ihn die Oppositionellen dort mit einem demokratischen Intellektuellen verwechseln. Sie wissen, das mit der Stabilität. Da sind wir nicht verantwortlich.

Also doch der Irak? Der Herr Bundespräsident ist ja sehr für Investitionssicherheit, und wenn Sie da jetzt investieren, dann können Sie sicher sein, dass die bewaffneten Auseinandersetzungen – also dass der Krieg da losgeht. Bedauerlicherweise ist der Herr Bundespräsident nicht auch noch für die Außenpolitik zuständig, damit Sie ganz sicher sein können. Aber wir können zumindest dafür sorgen, dass man auf Deutschland hört. Oder von uns hört. Oder etwas vom Herrn Bundespräsidenten.

Das müsste jetzt schon ein sehr gewichtiger Fall sein, dass der Herr Bundespräsident auch für Ihre neue Kampagne als Werbeträger fungieren würde. Sie vertreten deutsche Wirtschaftsinteressen, schon klar. Aber schauen Sie, das hat damals auch schon nicht so gut geklappt, und ich bezweifle, dass der Herr Bundespräsident sich jetzt für eine Neuauflage hergibt. Wir bräuchten einen Einsatz, der auch den Verbündeten der Bundesregierung als angemessen schiene. Ein Land, das systematisch Bürgerrechte missachtet, wo eine korrupte Klasse auf den Menschen herumregiert, wo Wahlen eine Farce und die gesellschaftlichen Missstände übermächtig sind. Bundeswehreinsatz im Innern? Großartige Idee!“





Bilden Sie mal einen Satz mit…

15 06 2014

für Robert Gernhardt

… Lampedusa:

Das Licht ging aus. Schuld war daran:
„Es trugst die Lampe Du, sah man.“

… Kamerun:

Der Knecht drosch und ist müde nun,
jetzt geht er in der Kammer ruhn.

… Österreich:

Im Vatikan bleibt man entspannt,
der Klöster Reichtum hat Bestand.

… Baltrum:

Das Inselvolk starrt auf die See,
da gibt es bald Rum in den Tee.

… Benin:

Was dort aus dem Gehege röhrt,
die Knaben in der Schule stört.

… Warschau:

Es ängstigt sich das kleine Kind.
„Ob da was war, schau nach geschwind!“





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CXCVI)

14 06 2014

Magaye, der sägt in Ndioum
die Latten halb schief und halb krumm.
Das Holz, sind wir ehrlich,
das hält auch nur spärlich
und lehnt an der Wand und fällt um.

Anote lebt in Ukiangang
seit Jahren nur vom Muschelfang.
Man sagt sich, er führe
zuhauf Krustentiere
an Land mit sehr lautem Gesang.

Massamba, der schnitzt in Matam
an einem recht mächtigen Stamm.
Er hobelt und spant ihn,
misst durch und verplant ihn –
am Ende wird’s höchstens ein Kamm.

Von Yayé in Birni N’Gaouré
sagt man, dass er täglich erschaure
beim Anblick von Bildern
sowie Straßenschildern,
als ob er um etwas auch traure.

Ach, Demba wurd in Kébémer
der Kinder niemals wirklich Herr.
Als Trainer ihn schätzt man,
doch ist ganz entsetzt man
vom mannschaftsweit lauten Geplärr.

Dass Ayub in Jacobabad
am Tag klingelnd fuhr mit dem Rad,
ließ manche erschnauben.
Er musste dran glauben,
denn stets waren zwei Reifen platt.

Es jagte Kéba in Gandiaye
als Wandbehang sich lauter Haie.
Das muss er einsehen
als Umweltvergehen.
Jetzt sieht man dort nichts als Geweihe.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXLIV): Fußball-Weltmeisterschaft

13 06 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vermutlich fing es an, als die Hominiden sich nicht mehr wahllos und durcheinander aufs Maul kloppten, sondern Clans bildeten, lagebedingte Höhlengemeinschaften, in denen die Bewohner diesseits des Rinnsals die Bewohner jenseits für zu kurz gekommene Deppen hielten und mit unreifen Früchten bewarfen, was andersherum ebenso gut funktionierte. Eine Generation später nahm man Steine, dann Stöcke, schließlich zivilisierte sich die Auseinandersetzung in einem ritualisierten Spiel, bei dem Auserwählte – versicherungstechnisch wäre man heutzutage bereit, sie als Opfer zu klassifizieren – gegeneinander antraten. Alles lief, keiner hatte ein Problem damit, bis irgendein Torfschädel anfing, Statistiken über die Kämpfe anzulegen. Endgültig in die Grütze geriet alles mit dem Brauch, sich kunterbunte Abzeichen aufs Wams zu popeln. Bis zur Fußball-Weltmeisterschaft eigentlich nur ein kleiner Schritt.

Hauptsache, die Menschheit blieb auf der Strecke. Alle vier Jahre, alternierend zu Europa- und sonstigen Cups, röhrt das kollektive Überbestusste aus dem Hirnzellenkeller der Schnackbratzen. Sie topfen sich Sondermüll auf den Schädel, farbige Zylinder aus Plüsch mit Klatschapparatur, damit beim Betrachten der Kalotte der Notfallneurologe sofort weiß: niemand zu Hause. Sie setzen sich Sonnenklobrillen auf, behängen sich mit Plastegirlanden, als wollten sie Primaten Nachhilfe geben, wie man eine komplette Spezies bis zum nächsten Urknall blamiert, und sie singen. Nein, sie rülpsen sich einen Choral aus Alkoholresten und abgestorbenem Neocortex aus der Austrittsöffnung, die sonst für den Nachschub an vergrillten Schweinskadavern und Alkaloiden zuständig ist. Bisweilen nennen sie es Fankultur, aber was hat der gut eingeübte Nachweis totaler Unzurechnungsfähigkeit mit Kultur zu tun?

Weil der Fußball heute nur noch marginal mit einer seiner Begleiterscheinungen zu tun hat. Mit Fußball. Es geht einer Rotte Furunkelträger im warzigen Beerdigungszwirn nur noch um die fette schwarze Zahl, nebst der Tatsache, dass man die Gewinne an der öffentlichen Ordnung vorbeischleifen kann. Ein paar Dümmlinge mit larmoyanten Frisuren und albernem Schuhwerk posieren auf dem Rollrasen und lassen sich quotenkompatibel die Innenbänder eindellen, damit die Bundesträne fürs Ausscheiden im Achtelfinale die passende Ausrede im Köcher findet. Dazu jodelt eine Fettklopsbude im Kontrapunkt mit einer Industrieabfertigungsfirma für bieroides Geplörr, alle zwanzig Sekunden schwiemelt sich irgendein brechreizblöder Logo-Versuch über den Bildschirm, bis der letzte Dödel vor der Glotze kapiert hat: friss Popcorn, dann erträgt man auch dieses bekloppte Gekicke im Hintergrund ohne Magenbluten.

Denn Fußball, und das hören die alzheimernden Schorffressen aus den Verbandsvorständen am wenigsten gern, Fußball war nie eine Angelegenheit der bürgerlichen Massen, ganz zu schweigen von der agogisierenden Wunschwirkung auf das Proletariat. Er ist ein Gewächs der britischen Oberschicht, die ihn an die germanischen Offiziere und ihre Burschen- und Mannschaften weiterreichte, Alemannia und Borussia, die sich vor dem großen Schlachten als Geschwadermeister und Rekruten gegen Hereros und Hottentotten warmliefen, nationalbekiffte Dumpfschädel, denen jeder schwarzweißrote Lappen als Heiligtum erschien. Erst dem Personalmangel in der Armee ist es zu verdanken, dass auch Arbeiterjungen sich an der Kickkugel versuchen durften, und selbst die wurden entsprechend eingenordet, um im Sinne der elitären Vernichtungsmaschinerie aufzulaufen.

So nimmt es auch kaum Wunder, dass sich das abgesunkene Sozialdeformat gängeln lässt unter der Knute des explodierenden Imperialkonsumismus. Wie die Proletenjournaille reicher Nationen Arme aufhetzt gegen Ärmere noch ärmerer Länder, so lässt sich der Bolzplatzjunkie in steigerungsfähige Aggregatzustände von Beknacktheit manövrieren, und das alles nur mit einer Zielsetzung: korrupte Bürokraten bekommen von korrupten Konzernen jede Menge Bares in die Schleimhaut gerieben, damit die organisierte Kriminalität unter dem Deckmäntelchen eines Sportspektakels die Geldwaschmaschine anschmeißen kann. Ein paar dösige Medienmarionetten halten das sicher für maßlos übertrieben – man hat ihnen inzwischen bestimmt schon die Grablege der Kritiker vom letzten Jahr gezeigt – und werden auf höheren Befehl mehrmals täglich aufgezogen, um ihre affirmativen Hintergrundgeräusche loszuwerden.

Sollte im arabischen Wüstensand der Sturm samt Mittelfeld in die Embolie torkeln, dann werden sie natürlich entsetzt aufjaulen. Die immer noch gutgläubigen Zwangskonsumenten natürlich, nicht die Zuhälter in der VIP-Lounge. Sie werden es verkraften, denn sie humpeln noch immer den Führern hinterher. Es sind noch immer dieselben Opportunisten, die auch mit Menschenköpfen Freistöße ballern, wie es ihre historischen Vorbilder getan haben.

Zum Glück gibt es diesen akustischen Gestank, die Masse übler und übelster Meisterschaftssongs, die teils aus Gaudi, teils aus ehrlichem Sadismus im Dudelfunk die Generalattacke aufs Brechzentrum reiten. Nicht ausgeschlossen, dass diese ganze Angelegenheit nach dem Genuss zweier Portionen Müllbeutelimitat der Zielgruppe selbst peinlich wird. Die Hoffnung geht ja bekanntlich zuletzt von der Fahne.





Fanartikel

12 06 2014

„Möp-möööp! Möööööp! Voll der Sound, oder!? damit treiben Sie Ihr Nachbarn in den Wahnsinn, das ist mal klar! Naja, oder wer sonst so zuhört. Hört ja meistens keiner zu, deswegen machen halt alle so einen Krach beim Fußball.

Das ist unser Knaller momentan, wird wie doof verkauft. Für den Outdooreinsatz sehr gut geeignet, lässt sich aber auch im Innenraum verwenden. Drei Luftballons in den typischen Trendfarben Schwarz, Rot und Gelb, dazu diese hübsche Blumenkette – Sie finden die nicht hübsch? ich auch nicht, steht aber so im Händlerprospekt, und irgendwie muss ich den Müll loswerden – und zwei Klopfschläuche. Klopfschläuche, kennen Sie? weil Klatschen macht wie gesagt nicht genug Krach, und wenn die Leute nicht zuhören wollen, müssen sie halt ordentlich Krach machen. Ihr Ohrenarzt kriegt Pickel, ich nenne das Atmosphäre.

Wir rüsten ja nicht aus, wir rüsten hoch. Tut die Politik auch, während der Weltmeisterschaft wird ja ein Scheißdreck nach dem andern durch die Parlamente gejagt, da braucht man die richtige Schutzausrüstung. Hochrüstung, wollte ich sagen. Ohne die Original-Vuvuzela, Baujahr 2010, sozusagen die Beschallung zum Agenda-Jahr, ohne die Tröte könnten Sie dieser Berliner Zombietruppe ja gar nicht korrekt den Marsch blasen, wie!? Wir tun was fürs Volk, verstehen Sie, wir sind noch subversiv. Weil Fußball hat ja heute nichts mehr mit Fußball zu tun. Das ist ja Krieg. Und zwar gegen den Bürger als solchen.

So ein Survival-Kit, das können Sie immer brauchen. Anderthalb Liter Flüssigkeit, befüllbar nach Wahl, trageangenehm, auslaufsicher, und wenn Sie zufällig mal in Krawalle reinlaufen, weil die Polizei räumt ja auf, und da stören die Nichtinvestoren nur, dann können Sie das Teil auch bei einer Verhaftung nutzen. So schnell kriegen Sie ja im Knast nichts mehr zu trinken.

Hier, diese Hasenohren brauchen Sie unbedingt. Sie als Frau werden doch auf sexistische Fanartikel nicht verzichten wollen, oder? Das ist eben so beim Fußball, die ganzen niederen Instinkte darf man da doch mal rauslassen, weil wenn man immer Druck auf dem Kessel hat, irgendwann will man auch mal Dampf ablassen. Stellen Sie sich das wie Wahlkampf vor. Alles ist wie Wahlkampf. Nur anders.

Wir sind da ganz klar dicht beim Bürger, das sehen Sie ja. Mit Girlanden und Fanschal kriegen Sie heute keinen mehr hinterm Ofen hervor, und wenn Sie sich ein Gartenzwergtrikot ins Auto hängen, gelten Sie bei den Nachbarn doch sofort als Oberspießer. Gut, manche wollen das so, die wollen auch nicht groß auffallen, aber die meisten Fans wollen alle paar Jahre einmal kontrolliert ausrasten. Weil sind halt Deutsche.

Wenn Sie ’ne Ahnung hätten, was wir alles für einen Dreck verkaufen, nur weil das Zeug schwarz-rot-gold angestrichen ist. Das ist letztlich wie Wahlkampf. Erzählen Sie den Leuten irgendwas von Arbeitsplätzen, wir müssen alle unseren Gürtel enger schnallen, die Wirtschaft ist gefährdet, wir müssen mehr Risiken eingehen, damit wir wieder mehr Stabilität haben, das wollen die alles nicht hören. Ist so. Aber erzählen Sie ihnen denselben Scheiß, völlig egal, was, und sagen Sie denen, es ist für Deutschland, das kaufen die. Das ist wie Konfetti, keine Sau weiß, wozu man das braucht, es ist die reine Verschwendung, ein Umweltferkel sind Sie mit dem Zeugs auch, und es sieht unheimlich beknackt aus. Machen Sie das in den deutschen Landesfarben, dann verkaufen Sie alles.

Naja, und sonst halt so Kleinzeugs. Gucken Sie mal, dolle Sache! Die können Sie umdrehen, die Fahne – eine Seite Juncker, andere Seite Schulz! Ist ’ne Merkel-Fahne, weil die können Sie in jeden Wind hängen. Auch nach dem Seitenwechsel noch gut zu gebrauchen. Unverwüstlich. Quasi. Also die Fahne jetzt.

Trillerpfeife, auch absolutes Muss. Wenn Sie mal ’nem Polizisten begegnen, dann müssen Sie sich zur Wehr setzen können, und das geht immer noch am besten mit diesem formschönen Ding. Außerdem im Strafraum ein gern gehörter Klang, wenn der gegnerische Stürmer sich nicht ganz im Abseits befindet.

Diese bekloppten Hüte sind schon okay, das haben alle. Aber farbige Kontaktlinsen, ich sage es Ihnen, der Hammer! Absolut genial und dieses Jahr super preiswert! Werden subventioniert aus Brüssel, deshalb sind die so günstig. Durch die sehen Sie dann alles rosarot, aber überlegen Sie sich mal, warum die gerade subventioniert werden. Was man nebenbei halt so braucht. Unsere Sonnencreme, gerne in der großen Tube, und dann die transportable Klorolle, falls mal im Stadion was passiert, können Sie auch werfen, wenn Sie in der Kurve stehen, und dann unser aktueller Renner. Der Waschlappen mit Christian Wulff drauf, sozusagen selbstreferenziell. Klasse, oder?

Natürlich sieht die total krank aus. Als wäre auf Ihrem Kopf ein Pudel an ’ner komplizierten Haarkrankheit verendet. Aber Sie sollten die kaufen, absolutes Muss, und dazu dies Schminkset, auch wieder in den Landesfarben, aber egal. Kaufen Sie das. Für so ein Fußballfest brauchen Sie das garantiert. Gerade heute. Was glauben Sie, was dann von Ihnen noch übrigbleibt – bei der Gesichtserkennung?“





Wahr, was?

11 06 2014

„… dürfe der Bundespräsident die Wähler der NPD durchaus als ‚Spinner‘ bezeichnen, wenn dies im der jeweiligen Situation als…“

„… auf das Urteil einhellig ausfalle. Selbst die Rechtspopulisten, die sich im Wählerpotenzial der Nationaldemokraten eingenistet hätten, seien der Ansicht, das dürfe man doch wohl noch…“

„… vor dem Bundesverfassungsgericht, ob der 8. Mai weiterhin als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus zu bezeichnen sei. Die Nationaldemokraten bestünden weiterhin darauf, das Datum geschichtskorrekt als Tag des…“

„… die Kritik an den Rechtsextremisten verteidigt habe. De Maizière verfechte stets eine politische Auseinandersetzung mit anderen Parteien, eine justiziable Beschimpfung sei aber natürlich darin enthalten, da sie am besten das intellektuelle Niveau der christdemokratischen…“

„… ob Gauck jetzt jede Art von Demonstranten als Spinner bezeichnen dürfe, da dies auch in anderem Zusammenhang…“

„… es sich dennoch um eine unerträgliche Verharmlosung handle. Wer die Anhänger einer antidemokratischen Partei ‚Spinner‘ nenne, gleichzeitig jedoch Horst Seehofer nur als…“

„… bei der Aussage über die Rechtsausleger nicht um eine Ehrverletzung gehe. Bevor diese verletzt würde, müsse sie überhaupt erst einmal…“

„… keine Werbung für andere Parteien machen. Dennoch halte Ex-Innenminister Friedrich es für nicht gerechtfertigt, die NPD so zu bezeichnen, wie Erich Honnecker demokratische Kritiker im …“

„… erste Schwierigkeiten in der FDP. Kubicki habe versehentlich die Wähler der vorigen Bundestagswahl als dumme Arschlöcher…“

„… müsse man dringend darüber nachdenken, die Rechte des Bundesverfassungsgerichts zu beschneiden, da es dem Bundespräsidenten in der Folge des Urteils auch erlauben könnte, jede andere Partei wegen ihrer offenen Demokratiefeindlichkeit herabzuwürdigen. Schäuble wolle verhindern, dass die Union deshalb öffentlich…“

„… bisher die Bundeskanzlerin nur als unsäglich albern tituliert habe. Es sei jedoch keine direkte Verbindung zu den…“

„… bereite Lindner eine Milliardenklage vor, da seine Partei möglicherweise allein wegen der Schmähung als ‚Gurkentruppe‘ von der Weltherrschaft…“

„… nicht in den offiziellen Lehrbüchern der Sekundarstufe II dargestellt werde. Nach Meinung der NPD habe der Führer wesentlichen Anteil an der Beseitigung der Arbeitslosigkeit im Deutschen Reich getragen und sei somit auch heute noch als Vorbild für die…“

„… zu mehr Ehrlichkeit im politischen Diskurs führen könne. Kauder habe jedoch bei seiner Abrechnung mit der CDU-Vorsitzenden nicht bedacht, dass er mit seiner Meinung wahrscheinlich ganz alleine…“

„… als einen Politiker, der offener gesprochen habe als die Politik. Sarrazin habe dieses Lob stets verteidigt, denn er sei der Ansicht, das dürfe man doch wohl noch…“

„… den Anfängen zu wehren, um die Meinungsfreiheit zu gewährleisten. Lucke prüfe daher rechtliche Schritte, ob sich Gauck überhaupt noch in der Öffentlichkeit über die AfD…“

„… halte sich immer noch für den besseren Bundespräsidenten. Wulff sei überzeugt, er sei der rechtmäßige Inhaber des höchsten deutschen…“

„… im Ausland auf positive Resonanz gestoßen sei. Erdoğan werde nun auch weiterhin den deutschen Präsidenten als pastorale Hohltüte…“

„… vorsichtshalber bereits juristisch gegen eine Wertung ihrer Verbraucher vorgehen wolle. Ritter Sport wolle nicht zulassen, dass der Präsident sein Urteil über Nussschokolade als…“

„… drohe Pastörs ebenfalls eine Klage an, wenn nicht die Rolle Adolf Hitlers für den Ausbau der deutschen Autobahnen endlich…“

„… bereits angekündigt, dass nach der Übernahme der Kanzlerschaft der Bundespräsident sich überhaupt nicht mehr äußern dürfe. Die Alternative für Deutschland wolle so einem drohenden Gesinnungsterror links-homosexueller Rasseschädlinge…“

„… und im Tonfall härter als angemessen. Die Koalition jedoch halte das Urteil des Staatsoberhauptes über Snowden für inhaltlich durchaus sehr…“

„… unter anderem als ‚Spinner‘ beschimpft. Gaucks Anrufbeantworter sei sichergestellt worden, nachdem sich Wulff versehentlich mit vollem Namen und…“

„… noch innerhalb der Grenzen der von Karlsruhe genehmigten Meinungsspektrums. Dennoch könne man geteilter Ansicht sein, ob ‚Unerträglicher Kotzbrocken‘ für den Vizekanzler wirklich…“