Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXLIX): Rausch

18 07 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vermutlich war es wieder nur der Spieltrieb, der Ngg dazu trieb, die roten Beeren zu lutschen. Eine schmeckte unangenehm säuerlich, zwei führten zu leichten Schwindelgefühlen, mit einer ganzen Handvoll sah man, wie die Schmetterlinge in Zeitlupe tanzten. Die anderen waren davon zuerst nicht so begeistert, den das Zeug machte einen fürs Pleistozän ungewohnt derben Schädel, und man musste schon sehr genau aufpassen, dass man in den folgenden Tagen nicht versehentlich auf einen Säbelzahntiger trat. Andererseits entwickelte sich rasch die Gewohnheit, nach erfolgreicher Jagd ein paar Dinger in trauter Runde einzuwerfen oder sie sich bei Besuch in der Höhle reinzupfeifen, vornehmlich die großen, dunklen Früchte, wie sie Nggs Weib in der recycelten Nashornhirnschale kredenzte. Aus der dem einsamen Sabbern unterm Bärenfell wurde ein allgemein akzeptiertes Ritual, zunächst frei von gesellschaftlichen Zwängen und spirituellem Überbau. Der Rausch hielt, was er versprach.

Bis der Überbau irgendwann gesellschaftlich wurde, denn da hakten die bigotten Popelpriester mit Vergnügen ein. Nichts gegen Beerenkauen und eine Nase Kräutertee, aber nur für den zeremoniell zementierten Gebrauch, nur für geweihtes Personal und ähnliche Aluhütchenspieler. Der säkulare Zonk hatte die Pfoten vom Stoff zu lassen, er durfte sich allenfalls am lallenden Kuttenbrunzer ergötzen. Die Geschichte der Drogenverbote ist eine Rolle der mühsamen Konstruktion und Hege elitärer Warnschranken. Eine Rotte Schmarotzer aus dem militärisch-industriell-religiösen Komplex erklärt alles zum Feind, was sich gerne mal in der Freizeit in den Rausch abmeldet, erklärt die drogenfreie Gesellschaft zum Standard und bembelt sich selbst bei jeder Gelegenheit selbst die Birne zu, um zu verdrängen, dass sie eine vollkommen fehlerhafte Begleiterscheinung der Evolution sind. Dabei ist es gleichgültig, was sie verbieten. Denn es ist nur eine Frage der Herkunft, womit man sich das Hirn abklemmt. Diverse Sträucher, deren Grünzeug gekaut und geraucht lustige Geräusche im Riechzentrum verursachen, wachsen nur am Fuße bestimmter Berge auf gewissen Inseln, während andere Pilze sich nur weitab in anderen Tälern verbreiten. Die Tatsache, dass ein Großteil der Bekloppten gammelnden Fruchtzucker als Alkaloidspender nutzt, sagt noch nichts über deren natürliche Dominanz aus, geschweige über ein Recht, den Jahrgangschampagner aus Jouys-lès-Reims einem biologisch-dynamisch angebauten Kath jemenitischer Provenienz vorzuziehen. Sie verbieten nicht die Droge, sie verbieten den Rausch, der zwei unangenehme Effekte zeitigt, zunächst die innere Freiheit und die Kreativität.

Wer sich die guten alten Pflanzenbestandteile in die Blutbahn schwiemelt, schätzt meist deren sedierende Wirkung, die am Ende eines Werktages am Fließband die Gesamtsituation in deutlich hübschere Farben tauchen. Der freidrehende Verstand wird für eine Weile in den Schlaf geschickt und regeneriert seine Widerstandskräfte, um notfalls im Traum dem Vorarbeiter den Frontzahnbereich kalt zu verformen. Anarchische Kräfte sind oft kleiner als im Rückspiegel zu sehen, aber mit der korrekten Dosis Koks auf der Schleimhaut ist die notwendige Paranoia einsatzbereit, um die geistig nicht gesegneten Günstlinge der Gesellschaftsverhältnisse in Bewegung zu versetzen.

Der zweite Grund ist die daraus resultierende Unbrauchbarkeit abgelenkter Produktivkräfte für den Wirtschaftskreislauf. Wer kifft, baut keine Panzer. Genau so ist auch die schizoide Verstörung der Pseudoeliten zu erklären, die ihre saufenden Chefärzte und Sicherheitspolitiker im Crystalpalast locker wegschnieft, einen Straßenkehrer auf Dope aber umgehend einknastet – zur Warnung für die noch immer nicht genesene Herde, deren Löcken wider den Stachel mit Druck begegnet sein will.

Die Verteufelung des Rausches vornehmlich durch Ichlinge aus der in der Umlaufbahn des Sozialentzugs ist nur ein Disziplinierungsmittel, denn noch kann die Kaste der Kalkhirne weder den Schnaps noch die experimentelle Chemie wasserdicht verbieten, ohne sich selbst die Freizeit zu veröden. Und das ist auch der Schmerz, der den Schuss ins Knie liebevoll begleitet: den Rausch in seiner massenkompatiblen Form zu legalisieren hieße, die Macht des Edelproletariats offiziell in Frage zu stellen. Sie könnten das Bewusstsein des Angestelltenheeres nicht mehr schweigend steuern. Und sicher hätten sie mehr als ihr szenetypisches Päckchen daran zu tragen.

Ausgeschlossen scheint, dass sich Mechaniker und Handelsgehilfen einen Romanée-Conti hinters Zäpfchen gießen. Jedenfalls nicht ohne deutliche Hinwendung zum Spirituellen in der Gemeinschaft. Und einen Grund muss es ja schließlich geben, am Wochenende einen trockenen Roten zu nippen. Solange man danach beim Frühschoppen nicht wieder auf die Vorstandsvorsitzenden unter den Bänken tritt.


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