Gernulf Olzheimer kommentiert (CCL): Bahnfahren

25 07 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Des Menschen Wille, häufig eine seltsam strukturierte Angelegenheit voller Widersprüche und nichtlinearer Erscheinungsweisen, schrammt nicht selten direkt am Himmelreich vorbei und landet zielsicher in der Grütze, wie uns schon die ersten, noch zaghaften Versuche der frühen Hominiden zeigten. Zwei Sack Korn und im Schnitt anderthalb Kinder kriegte der frühe Ackermann auf seinen Ochsen. Das Vieh ging gemächlich, so dass man nach dem Transport die Gesamtlast noch gut verbrauchen konnte. Eile kannte der Bewohner von Steppe und Runddorf nicht, seine Uhr war der Jahreslauf, sein Sekundenzeiger der Sonnenstand. Die neumodischen Einwanderer, die schon zwei Jahrhunderte früher vom Baum heruntergekommen waren, überzogen das Tal mit einer Innovation, die nicht bei jedem gut ankam: Ochsenkarren. Vielen galt es als purer Schnickschnack, und doch, man konnte damit richtig etwas wegschaffen. Mehr Korn, mehr Kinder (die Monogamie hatte sich mehr und mehr durchgesetzt und die Erbfolge wurde immer schwieriger), notfalls die Alte, die wegen Kind und Kegel moserte. Es spitzte sich zu. Die Moderne würde nur noch eine Frage der Zeit sein, das begriff der Bekloppte im Nu. Ob er die Eisenbahn vorausgeahnt hat, wissen wir nicht, aber das Bahnfahren wird er sich ganz anders vorgestellt haben.

Eine amorphe Masse ist in Sitze geschwiemelt, die man sadistisch veranlagten Ergotherapeuten zur gepflegten Erheiterung vorführt. Alle halbe Stunde bleibt das Gefährt auf freier Strecke stehen, die Motoren gehen aus, während deutsche Rapmusik mit abgrundtief peinlichen Texten durch die Gänge puckert. Die Steckdosen gewinnen den Deutschen Mimikry-Wettbewerb in der Kategorie „Selbst schuld“. Spackvolle Müllbehältnisse lassen per Geruchsoutput eine leichte Ahnung von Ewigkeit durch die Großraumabteile wehen. Schmerzen hat hier niemand mehr, und die Hoffnung auf einen Anschluss nach Bebra auf Gleis 3 verkrümelt sich leise und hässlich. Zeitgemäße Namen wie ICE oder RegioExpress fallen sowieso nur dem ein, der professionell Kantinenspeisekarten betextet und aus anheimelnd zusammengewucherten Gemüseresten noch einen lockenden Arbeitstitel zu kitzeln vermag. Der Rest schweigt. Und das nicht ohne begleitendes Leiden.

Der Aufenthalt in einem Zug ist die perfekte Analogie zur handelsüblichen Vorstellung von der Hölle. Es ist verdammt heiß, verdammt eng, man ist von widerlichen Gestalten umgeben, es ist die reine Gegenwart der Unerträglichkeit, aber dafür weiß auch keiner, ob und wann dieser Mist je enden wird. Das Inferno mit einem Purgatorium namens Straßenbahn oder Überlandbus zu vergleichen ist nicht zielführend; wer könnte bei einem Zug jemals beherzt auf die Bremse treten, die Insassen an die Frischluft kippen und sie fröhlich ihrer Wege ziehen lassen? Wer sich in einen Waggon begeben hat, sollte mit seiner bisherigen Existenz wenigstens abgeschlossen haben, ob auch im Guten, hängt von Saison, Strecke und Fahrgastaufkommen ab.

Nur ein Schwarzes Loch könnte die Situation zwischen Gepäcknetz und Klapptischchen besser beschreiben. Obwohl alles scheinbar von endloser Dauer ist, passiert exakt gar nichts, da die Zeit sich im Innenraum des Ereignishorizonts blubbernd zusammenkrümmt und nichts aus dem ewig kreisenden Radius nach außen dringt. Das Ding ist von außen nicht weiter gefährlich – immer vorausgesetzt, man fühlt nicht den jähen Drang, es von innen anzusehen – und bringt dabei doch zahlreiche physikalische Paradoxa zustande, die ein an Newton geschulter Naturwissenschaftler nicht leckfrei in die eigene Birne gehievt kriegt. Wie lässt sich eine derartige Masse so in ein Raumkontinuum ballen, dass sich selbst Subquarks quantengleiche Koordinaten teilen müssten? Und wer ist dafür verantwortlich, dass ein Haufen Elementarteilchen einen energetischen Zustand annimmt, gegen den der absolute Stillstand wie eine Orgie auf dem Gaspedal aussähe? Fragen über Fragen. Die Antworten, wie immer, pfeifen im Fahrtwind.

Sicher kann man viele logische Überlegungen zum Bahnfahren anstellen. Es muss einen Grund dafür geben, dass der Zug immer da hält, wo man den weitesten Weg zur Treppe hat. Keiner weiß, warum die Reservierungen immer verschwinden; wo bleiben, weiß eh kein Schwein. Letztlich bleibt man immer im Schwarzen Loch hängen. Die Masse klumpt gnadenlos. Vergessen wir den Anschluss nach Bebra. Man wäre ja froh, käme dieser marode Klumpen Stahl überhaupt dort an.

Die Expedition zu den Sternen, ein beliebtes Gedankenexperiment, fußt auf der generellen Reproduzierbarkeit des Beknackten. Wir betreten feuertrunken das Raumschiff und lassen uns in die Weiten der Galaxie pusten, unsere Kindeskinder werden eines Tages – degenerierte Fachidioten zwar und keinesfalls eine Blaupause der Zivilisation – für uns die Lokale Gruppe bereisen. Der Kostenrahmen entspräche etwa einer Rückfahrkarte Bremen Hauptbahnhof – Durlesbach. Was uns rettet, wird die Tatsache sein, dass wir die genaue Verspätung nie erfahren werden.


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