Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLI): Das TV-Magazin

1 08 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das waren noch Zeiten, als der Behausungsälteste seine Sippe an der regelmäßigen Informationsveranstaltung teilhaben ließ. Ein kritischer Abriss des Vogelflugs, wie er in den vergangenen drei Mondperioden das Aufkeimen essbarer Gräser und die Launen der Großen Göttin gezeigt hatte, mündete in eine Einschätzung der politischen Lage, die jene halbwegs friedlich Koexistenz mit den Wilden aus dem benachbarten Flusstal beschwor, bevor der Kulturteil ein Porträt von Nggr featurte, dem aufkommenden Star der Höhlenmalerei-Szene diesseits der Steppe, dem die Hominiden den Durchbruch in der zweidimensionalen Darstellung der Tetrapoden verdankten. Eine kultische Wettervorhersage rundete die Sache ab, und jeder wusste, dass man sie ernst nehmen konnte. Denn sie alle wussten auch, wer hinter der Veranstaltung steckte. Das Fernsehen war noch nicht angedacht, folglich hatte sich die Sammlergemeinschaft noch nicht davon blenden lassen.

Das durchschnittliche TV-Magazin ist heute nicht viel mehr als eine Resterampe aus Bauschaum und preziös angedachtem Gekasper, mäßig für ein schlichtes Publikum in feinen Zwirn gesteckt und hinter der Maske der Wohlanständigkeit, öfters auch der banalen Unterhaltung, als Farce zwischen zwei wichtigeren Programmschüben ausgeworfen. Komödie bleibt es nur insofern, als dass ein großer Anteil der Zuschauer den Akt knapp überlebt. Würde man die Senderlogos nicht in die obere Ecke des Geschehens krümmen, keinem fiel auf, dass er sich im Marktsegment vertan hat und gerade das falsche Schwatzibunti guckt. Schmerzhaft sind sie ja alle.

Natürlich täuscht das durchschnittliche Allerlei eine knallkompetente Nachrichtenaufbereitung journalistischer Art vor, doch das ist nichts als plump geschminktes Theater. Es handelt sich um Lautstärkeerzeugung, notfalls unter Missachtung aller medialen Standards, denn das Glotzvieh soll vor der Mattscheibe festgeklebt werden, bis die nächste Werbung sich in den Neocortex fräst. Eine Differenzierung der Rezipienten in intelligente und weniger intelligente Schichten ist dabei obsolet, sie erfolgt bereits bei der Wahl des Programms: drückt ein beliebiger Zuschauer einen beliebigen Knopf, so qualifiziert er sich als klinisch bekloppt. Auf dieser Basis funktionieren Medien. Alle, immer und ohne ausgleichende Gerechtigkeit.

Das TV-Magazin ist die Fortsetzung des Boulevard mit audiovisuellen Schmerzreizen. War das Klatschblatt noch eine mäßig schlechte Weiterentwicklung des Moritatengeplärrs, wie sie die Bänkelsänger vergangener Ständegesellschaften dem sozialen Untergeschoss vorheulten, so ist der postmoderne Infotainment-Aufguss auch nicht mehr als eine Tütensuppe: äußerlich prall und bunt trotz des trockenen Äußeren, und reißt man den industriell gefertigten Dreck einmal auf, so bleibt auch nicht viel mehr als heißes Wasser mit fadem Geschmack und verzweifelten Fettaugen.

Die verbindende Peinlichkeit sind die Außenstehenden, die im Namen des Senders die große weite Welt vor die Linse bringen sollen. Inzwischen kommen die Verlautbarungsfachkräfte dabei an, die Korrespondenten demonstrativ beim Vornamen zu nennen, sie aber weiterhin zu siezen – ein schmieriger Nachweis, das die Spießigkeit tief verschwiemelt in den Poren der Redaktion steckt und sich ein Mäntelchen aus Pseudolockerheit, bunter Welterfahrenheit und angetäuschter Professionalität über die dünne Brust geworfen hat, als hätten sie alle zusammen noch ein paar Tüten von der Fertigsuppe gehabt. Die Tüten, wohlgemerkt, nicht den Inhalt, denn auf den warten wir noch immer.

Währenddessen verseift das Gespräch in der rhetorischen Deponieware, weil der Moderator die Frontschürze fragt, wie sehr sie durch den Zahnwechsel des Kaisers von China in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ob sie überhaupt davon betroffen ist und nicht vielmehr in freudiger Erregung seinem alsbaldigen Verlust der Muttersprache entgegenfiebert, das alles bleibt unausgesprochen, vermutlich aus Gründen. So quast die gelenkige Meinung der eigenen Instanz in die Verlautbarung hinein, die nichts mehr zu sein hat als ein Hochkäuen vorgeschrotteten Gewölles. Freilich bleiben damit Konsistenz und inhaltliche Konzentration der telemedialen Suppe einheitlich, die Präsentation verharrt in der Inszenierung eines umständlichen Umrührens, bei dem feste Bestandteile nur störendes Beiwerk sind.

Längst sind wir nicht mehr zu retten, der geistige Hinterwandinfarkt ereilt uns auch dann, wenn wir der narkosefreien Großhirnverödung scheinbar durch Abstinenz von der Schippe hüpfen. Die Verdeppung ist nur Symptom für den Zustand auf öffentlichen Berieselungsfeldern, wo uns der Dreck mangels begehbarer Höhle immer trifft und nachhaltig kleben bleibt. Wir müssen den Dreck abschalten, anders geht es nicht. Unser Mitleid, wo der Spülicht sonst entsorgt würde, es ist ohne Resonanz noch Not. Ein Anfang, immerhin.