Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLII): Das subjektive Glück

8 08 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das war mal ein Morgen. Es hatte nachts nicht geregnet, das Gras war trocken, der Beerensaft ließ ein leichtes Prickeln auf der Zunge tanzen (und die Halluzinationen hielten sich noch in Grenzen), die Beutelratte löste sich schon aus dem Fell und die Sonne ging majestätisch über der kleinen Landzunge zwischen dem Bach und der Felswand auf. Rrt war entspannt. Alle Kinder hatten überlebt. Die Eigentumshöhle spendete Schatten, und ein sachter Wind setzte ein. Die Flugsaurier zwitscherten. Ja, er war glücklich. Er wusste es nur nicht.

Glück, so speichert es der Hominide in seinem kollektiven Emotionalschmadder ab, ist immer das, was über die bisher bekannten Zustände hinausgeht. Mit dem Einsetzen der Zivilisation und den ihr immanenten Möglichkeiten, die Erinnerung über mehr als eine Generation festzuhalten, sehen die geringen Steigerungsfähigkeiten meist ärmlicher aus, als sie je waren. Es rafft Spätmittelaltermann und -weib noch immer die Krätze dahin: Mist. Die Kühe geben nicht mehr Milch. Der Tag ist nicht messbar länger geworden. Die Außentemperaturen entziehen sich aus Bosheit der Regulierungswut der herrschenden Klasse. Was für ein Elend.

Natürlich war es eine grandiose Triebfeder für die aufstrebenden Beknackten, unter ihresgleichen die ersten zu sein und die Grundfunktionen so zu sichern, dass sie verfügbar waren. Doch kaum hatte der Zufallszwilling Tiere gezähmt und das Korn zur quantifizierbaren Größe erhoben, da wurde er trübsinnig. Wenn der Dinkel schon wie berechnet wuchs, warum dann nur so langsam? Und warum mit dieser miserablen Ausbeute? Gab es nicht Getreide mit besserer Schädlingsresistenz? Feldfrüchte, die dem Ungeziefer selbsttätig eins auf die Omme kloppen, wenn das Zeug sich die Halme reinpfeifen will? Alles noch nicht erfunden? Dreck.

Aus dem Hirnplüsch der Visionäre schwiemelte sich auch manch Gutes, zugegeben: dass wir zum Mond fliegen und lebend wieder zurückkehren können, verdanken wir der beständig dümpfelnden Hochglanztristesse der Gedankenmacher, die das Glück der Menschheit im Ganzen sahen, statt nur den Bequemlichkeitsgrad der eigenen Matratze zu verbessern. Ihr Ehrgeiz blendet auch, und es ist noch zu fragen, wen. Aber wenigstens fragen sie nicht einmal nach dem ominösen Glück und ob es für sie schon in der Abwesenheit des Unangenehmen liege.

Wie furchtbar muss die Erfüllung eines Traums sein, wenn man sie nicht einmal planen kann. Sie wird zur gern genutzten Folie für Scharlatane jeglicher Couleur, die dem Deppen sinnlose Seligkeit auf Rezept vorgaukeln, als Sekte oder Partei, wo auch immer der Preisunterschied liegen mag, und dann nichts liefern als die Entkernung der Kalotte, damit nichts beim Nicken stört. So geht Glück, weil es keins ist.

Denn nicht einmal das Gegebene kann den Glücklichen, so er einmal halbwegs glücklich war, im Glückszustand lassen. Der Reiz des Veränderlichen fehlt, wenn ein guter Jahrgang auf einen anderen guten Jahrgang folgt, wenn das Geschäft blüht und gedeiht ohne Rezession noch Konkurrenz, wenn ein Leben lang die Hunde treu sind und die störenden Nebenprodukte des gesellschaftlichen Zusammenhang, Schlagermusik und Börsenkurse, keinen Einfluss auf die eigene Existenz haben. Nichts bewegt sich, es wird alles mehr und mehr fraglich, langweiliger, wertloser. Gäbe es eine Ewigkeit, ihre Insassen würden den Laden früher oder später in die Luft jagen, damit der elende Mist endlich vorbei wäre. Wer jeden Tag Kaviar kriegt, bettelt irgendwann um den Tod.

Fernöstliche Kampftechniken des Geistes, von europiden Managern mit Religion verwechselt und deshalb nur halb in einer Bedienungsanleitung für die eigene Larmoyanz nachgelesen, lehren uns die komplette Nutzlosigkeit des Anhaftens an der Materie – wir haben diese Erkenntnis seit dem Spätmittelalter erfolgreich verdrängt und setzen seither konsequent auf den Optimierungswahn als beklopptestes Outing, dass der Sekundenschlaf der Vernunft ganze Arbeit geleistet hat – und eine nonchalante Verachtung des Fortschritts. Was uns als Glück erscheint, immer mehr zu besitzen, über immer mehr zu verfügen, birgt inwendig doch nur die Angst, dass einem alles irgendwann entgleitet, entflieht, weg ist und pures Unglück hinterlässt. War man nicht vorher, auf dem Posten des Chefaufsehers und mit Mittelklassekleinwagen aus zweiter Hand, nicht auch glücklich, wenigstens im Vergleich zu den zehn Jahren, in denen man um diese Position hatte buckeln müssen? Es zählt, was man aktuell hat, und dies ist nur das subjektive Glück, oder die subjektive Abwesenheit desselben, da auch der Aufsichtsratsposten eines mittleren Großunternehmers immer noch meilenweit von der Weltherrschaft entfernt ist. Zeitweise geht ein sachter Wind über die Felder des eigenen Anwesens und man meint die Flugsaurier zwitschern zu hören, doch vergebens ist alles. Denn lassen sich die Außentemperaturen regeln? Eben.