Ordnung ist das halbe Leben

14 08 2014

Er war etwas verwirrt. „Normalerweise lege ich die Heckenschere immer in den Keller zurück“, klagte Herr Breschke. „Das heißt, diesmal habe ich sie ja auch in den Keller gebracht, aber ich finde sie nicht wieder.“ Das Problem war unübersehbar, wie er den ganzen Garten durchmaß und suchte. Und das schon seit zwei Tagen, genauer gesagt: seit seine Frau verreist war.

„Ich muss sie versehentlich in den Abfall geworfen haben.“ „Lassen Sie uns zunächst mal im Keller nachsehen“, beschloss ich. „Meistens findet sich etwas Verlegtes schnell wieder, wenn man den letzten Gebrauch sorgfältig genug rekonstruiert.“ Er blickte traurig vor sich hin. Unbeirrt stieg ich die wenigen ausgetretenen Stufen hinab und öffnete die Tür zu dem kleinen Kellerraum, in dem die Gartengeräte verstaut waren. Ein Rasenmäher stand an der Wand, auf dem Regal lagerten Dosen und Töpfe mit Holzschutzfarben und prähistorischem Fensterkitt, ein Stapel Müllsäcke und darauf die Schere. „Es findet sich eben doch alles wieder“, meinte ich besänftigend. Doch das war es nicht.

„Es ist nämlich wegen des Portemonnaies.“ Der pensionierte Finanzbeamte wahrte mühsam die Fassung. „Ich muss es in der braunen Jacke, als ich meine Frau zum Bahnhof, aber ich suche es schon den ganzen Vormittag, und jetzt weiß ich auch nicht.“ „Ich habe Sie gesehen“, bestätigte ich, „aber Sie trugen vorgestern einen hellen Mantel. Wir sollten ihn suchen, meinen Sie nicht?“ Bismarck war von einer seltsamen Ruhe, als traute er sich gar nicht in den Garten; aufmerksam, gleichsam bereit zur Flucht kauerte er auf der Veranda, er, der ansonsten seinem Herrn ohne jede Scheu zwischen den Beinen herumlief und seine Leine um alles wickelte, was im Weg stand, Gartenzwerge, Tulpenbeete, notfalls ich selbst. Der dümmste Dackel im weiten Umkreis ließ höchste Vorsicht walten. Das bedeutete nichts Gutes. „Ich würde Sie ja noch auf eine Tasse Tee hereinbitten“, murmelte Breschke. Es war ihm unangenehm, und so sagte ich vorsichtshalber zu. Er wand sich. „Es ist nur – es sieht ein bisschen unaufgeräumt aus.“

Es war ein bisschen unaufgeräumt. Quer durch den Flur bis ins Wohnzimmer zog sich die Spur aus Zeitungsseiten, Wirtschaft, Sport, Lokales, eine Sonntagsbeilage über Rosenzucht und eine über den Umgang mit Nachbarn nebst Werbung für die örtliche Rechtsanwaltskammer. Eine Teetasse stand auf dem Beistelltisch, eine auf der Küchenanrichte, eine weitere auf dem Fernseher. Auf der Stuhllehne hinge Breschkes braune Cordjacke, allerdings unter dem sorgfältig zusammengelegten Sommermantel. „Sehen Sie“, sagte er in seinem vorwurfsvollsten Ton, „wie soll ich sie da auch finden?“

Horst Breschke hatte wohl den Überblick verloren. „Kann es sein“, fragte ich sanft, „dass Ihre Frau sonst immer alles für Sie wegräumt?“ Er dachte einen Augenblick lang nach. „Vorgestern habe ich meine Krawatte in den Kleiderschrank gehängt.“ „Diese hier?“ Ich hielt ihm das seidene Stoffstück hin, das sich auf der Sessellehne befand. „Nein“, antwortete er. „Ich hatte eine gelbe um, als wir auf dem Bahnhof waren, und die hier ist ja eindeutig blau.“ Ich seufzte leise und stellte die Tassen auf das Teebrett.

Unterdessen hatte Herr Breschke mir mitgeteilt, dass er die Zeitungen später würde beenden wollen, seine Lesebrille stecke noch in seiner Strickjacke, die jedoch habe er seit mehreren Tagen nicht gesehen. „Die Sonntagsbeilage ist von gestern“, gab ich zurück, „Sie können sie also höchstens einen Tag lang vermisst haben.“ „Die Jacke? Nein, die trage ich sowieso nur abends, oder im Haus, aber meistens bei der Gartenarbeit.“ Er blickte traurig auf den Beistelltisch, auf dem neben einer Schale und einer Streichholzdose auch das besagte Etui mit der Lesebrille lag. „Es ist vermutlich doch meine Frau.“ Er war für eine knappe Woche Strohwitwer, und es ärgerte ihn maßlos. „Sie fährt ständig alleine weg“, klagte er. „Ich entsinne mich noch“, grübelte ich, „als Ihr Tochter die Flugreise nach Spanien für zwei Personen gewonnen hatte.“ Er nickte heftig. „Genau, damals auch schon!“ „Aber das war vor zweiundzwanzig Jahren“, korrigierte ich ihn. Er schwieg einen Augenblick. „Sie verreist immer im Sommer, und ihre Cousine wird alle paar Monate fünfundsiebzig, und ich finde nichts mehr wieder!“

Die Küche machte einen gut aufgeräumten Eindruck. Dass der Cognac im Kühlschrank stand, war sicher der gerade durchziehenden Gewitterfront geschuldet, aber das Vollkornbrot in der Obstschale störte das Ensemble nicht nur ästhetisch. „Ich würde Ihnen ja, wie gesagt, gerne einen Tee anbieten, nur – “ Das Döschen stand im Flur neben dem Telefon. Wo sonst hätte es auch stehen sollen. „Sie werden sich etwas einfallen lassen“, beschloss ich. „Legen Sie Ihre Sachen so ab, dass Sie sie jederzeit wiederfinden. Und sei es nur für die paar Tage, bis Ihre Frau wieder hier ist.“ Er kratzte sich am Kopf. Leise Zweifel sprachen aus seinem Gesicht. „Lassen Sie nur“, beruhigte ich ihn, „ich habe da schon eine Idee.“

Frau Breschke kaufte Pflaumen, es würde an diesem Sonntag Kuchen geben. „Es war ja ganz in Ordnung“, bestätigte sie, „er hat auch alles sofort wiedergefunden, sogar seine Fernsehbrille. Und ich gebe zu, es hatte etwas Praktisches.“ Ich lächelte. „Es lag ja alles zusammen, und ich musste nur noch einen großen Haufen wegräumen.“ Bismarck stand kerzengerade neben ihr. Wie gut, dass seine Leine wieder da war.