Unvergesslich

19 08 2014

„Und Sie sind?“ Die Dame machte gar nicht den Eindruck von Geistesabwesenheit; vermutlich war sie nur den ganzen Vormittag schon so in ihre Arbeit vertieft gewesen, dass sie mich nicht mehr erkannte. Ich reichte ihr noch eine von meinen Visitenkarten. „Ah ja.“ Sie rückte die Brille zurecht. „Sie kamen mir gleich so bekannt vor.“

Das Institut im Alpenvorland war geräumig, dazu lag es unmittelbar an der Schnellstraße. „Wir müssen manchmal ganze Ortsgruppen behandeln“, bekannte die Leiterin, „dafür haben wir extra die Parkplätze ausgebaut – man kommt da ja gerne individuell, und die Limousinen mit Fahrer nehmen schon etwas Raum ein.“ Ich verstand. Man hatte mir schon bedeutet, dass sich bis hinab zum dritten stellvertretenden Hilfskassierer das Personal gerne den Habitus höherer Führungskräfte gab, solange es sie selbst nichts kostete. Sie lächelte verschmitzt. „Deshalb können wir uns diese gute Ausstattung ja auch leisten, Herr äh…“

Die Behandlungszimmer sahen aus wie in einer kosmetischen Praxis. „In gewisser Weise haben Sie durchaus recht“, bestätigte sie. „Nur betreiben wir diese Techniken mehr im psychisch-mentalen Bereich.“ Die Liegen waren bequem, das Licht ließ sich unmerklich dämpfen. Knapp oberhalb der Hörschwelle tönte ein vertrauter Laut durch die Flure. „Der Bayerische Defiliermarsch?“ Sie nickte. „Ein wenig müssen sich die Herrschaften schon heimisch fühlen, dann sind sie offener. Es erhöht den Therapieerfolg.“ Vermutlich waren auch die in Weiß und Blau gehaltenen Gardinen diesem Ziel geschuldet. „Unsere Auftraggeber wissen das zu schätzen, sie fühlen sich sehr wohl. Und sie können es auch erwarten, so oft, wie sie unsere Dienste in Anspruch nehmen.“ Ich blätterte nochmals den kleinen Prospekt durch, den ich mit der Post bekommen hatte. „Sie programmieren Gedächtnis und Erinnerungsvermögen?“ Sie nickte wieder. „In gewisser Weise, ja. Allerdings nicht so, wie Sie sich das denken.“

Zwei Pfleger waren gerade damit beschäftigt, einem Minister bei den Entspannungsübungen zu assistieren. „Das Bier ist auf Kosten des Hauses“, informierte mich die Prinzipalin. „Man säuft sich hier den Verstand weg?“ Sie lächelte säuerlich. „Abgesehen davon, das selten viel davon vorhanden ist, dafür reicht Bier nicht aus. Und die meisten sind Mengen gewohnt, bei denen ich an meine therapeutischen Grenzen käme.“ Ich sah auf das Klemmbrett an der Tür. „Die Justizministerin?“ Ich hatte richtig gelesen. „Sie sehen hier eine Nachsorgeuntersuchung. Sie erinnern sich an die Affäre Mollath? Wir beseitigen die letzten Spuren. Die meisten Kabinettsmitglieder können sich schon nicht mehr an den Namen der ehemaligen Kollegin erinnern.“

Schräg gegenüber lief sich ein Staatssekretär warm. Ein Staatssekretär? „Wer will das wissen?“ Eine weitere Visitenkarte half ihr ein. „Bedaure, ich muss so viel verdrängen, da sind Sie irgendwie dazwischengerutscht.“ Er keuchte ein bisschen auf dem Laufband, wenngleich sich seine Anstrengung in Grenzen hielt. „Er bereitet sich ja auch erst vor“, beruhigte sie mich. „Das ist eine Routineaufgabe, wir leisten turnusmäßig eine Grundreinigung, und die richtige Krisenintervention kommt immer nur auf Anfrage.“ „Er bereitet sich vor, obwohl es noch keine Krise gibt?“ Vermutlich hatte ich es nicht richtig verstanden. „Doch, Sie haben es schon richtig verstanden. Wir handeln momentan noch den Preis und die Personalkapazitäten aus, damit wir beim Eintreten der Krise das Management unverzüglich anlaufen lassen können.“ Den Notizen auf dem Schreibblock entnahm ich, dass es sich um eine ehemalige Sozialministerin handelte, die im Moment noch das volle Vertrauen der Regierung besaß. „Alles eine Frage der Zeit“, wandte die Leiterin ein, „alles eine Frage der Zeit. Es kann sich um ein paar Wochen handeln oder um Stunden, dann müssen die politisch Verantwortlichen so tun, als übernähmen sie die politische Verantwortung.“ Die Hausdame im Trainingszimmer drückte auf eine Fernbedienung; geräuschlos glitten blau-weiße Jalousien vor die mattierten Fenster. „Recht kostspielig“, bemerkte ich. Sie nickte abermals. „Wir haben gut verdient an diesem Guttenberg.“

Zwei Visitenkarten später hatten wir die Behandlungsräume hinter uns gelassen und saßen in ihrem Büro. „Unsere Personaldecke wird dünn“, befand sie. „Früher oder später werden sie uns anrufen, und dann muss eine ganze Partei eine ihrer Funktionärinnen vergessen. Komplett aus dem Gedächtnis streichen, nicht nur verdrängen – vergessen.“ „Also eine Intensivbehandlung mit der Landesregierung, die sich nicht mehr erinnern soll, ihre Ministerin jemals verteidigt zu haben, als die Affäre anfing?“ Sie nickte. „Und es muss sehr schnell gehen. Je eher die Führungskader aus voller Überzeugung sagen können, dass sie ihr schon immer zutiefst misstraut haben, desto besser.“ Ich kalkulierte und reichte ihr den Bogen über den Tisch. Sie schüttelte den Kopf. Heftig. „Das Doppelte“, sagte sie bestimmt, „mindestens das Doppelte, Herr äh…“ Ich stutzte. „Wir müssen ja irgendwann im nächsten Jahr auch diese ganze Mautgeschichte stemmen.“


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