Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLIV): Askese

22 08 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Sonne ging auf über der kleinen Landzunge am Tümpel, wo Nggr seine Höhle hatte. Leise stieg er durch das morgenfeuchte Gras, kaute noch an seinem Morgenmammut, und der Gedanke an die frisch vergorene Säbelzahnziegenmilch ließ ihn den Tag mit Freude beginnen. Eine Kaverne weiter hievte sich Uga fluchend von der harten Bettstatt, die den Namen nicht wirklich verdient hatte. Trüb linste er in die dunstige Frühe, immer eingedenk, dass er – abgerechnet das nörgelnde Weib und je nach Tagesform acht bis elf essende Nachkommen – außer einer Handvoll Regenwasser bis zum Sonnenuntergang nicht mehr viel würde verzehren dürfen. Ein durchreisender Bartträger, dessen Kopfwunden von längerer Rekonvaleszenz zeugten, hatte die Wohngruppe von den Segnungen des Verzichts zu begeistern gewusst, genauer: Ugas Gattin hatte sich entschieden, der Sache einen Versuch zu widmen, natürlich in Gestalt des Haushaltsvorstandes, dem nun die Kasteiung oblag, um zu sehen, was es mit der Sache auf sich hatte. Einer der ersten, wenn nicht der durchschlagende Erfolg der Askese.

Askese ist lediglich der ideologisch motivierte Versuch einer ideologisch interessierten Gruppe, den Anhängern der eigenen Denke zu diktieren, was man nicht als lebenswert zu sehen habe. Zwar haben sich die Religionsderivate dieser eiernden Landmasse noch nicht einigen können, was zwar Teil der Schöpfung, aber doch auch irgendwie schlecht, böse und schlimm sein müsse, doch die Verhandlungen laufen noch. Immerhin haben sich Faktoren wie „Spaß“, „Genuss“ und „Selbstverwirklichung“ als konstituierend für den permanenten Verzicht herausgeschwiemelt. Wenige metaphysische Systeme kamen bisher auf den Gedanken, den Unterworfenen das Atmen oder den Gebrauch der rechten Hand zu verbieten – wenngleich alles andere längst etabliert zu sein scheint im Garten der Unlüste.

Was das transkulturell relevante Erbe der Menschheit betrifft, hat die heutige Population die Werte der Entsagung schon gut verinnerlicht. Freiwilliger Verzicht auf Körperpflege und ausreichenden Schlaf, Verzicht der Kommunikation zur stabileren Selbstidentifikation, körperliche Schmerzen, wie sie beim Anbringen diverser Metallteile im Gesichtsterrain physiologisch unabdingbar sind, alles leistet die nachwachsende Hominidenschicht ohne Klage, und sie passt sich damit nahtlos in die bestehenden Verhältnisse ein.

Der Grund jedoch, warum sich der rezente Beknackte nicht die Birne rasiert, in eine Kutte eindreht und schweigend seines Ablebens harrt, ist schlagend. Er wird als Produktivkraft der postmodernen Gesellschaft gebraucht, die ohne eine ordentliche Verzichtsethik gar nicht denkbar wäre. Freilich hat sich zur Arbeits- eine Verzichtsteilung gesellt, die da sagt: jedem seins, die einen arbeiten, dafür nehmen ihnen die anderen den Verzicht nicht mehr weg. Der also Verstörte wird degradiert zum Getöseproduzenten im eigenen Vorgarten, er darf ein bisschen Autonomie turnen, bis man die Truhe zuklappt.

Der Held ohne Geschäftsbereich, geworfen in sein kleines Leben, sucht sich die Reservate, in denen er noch authentisch sein darf. Er erfindet Bier ohne Alkohol, raucht leicht, entzieht der Ernährung waghalsig Fett und Zucker (und gleicht sie durch ein Gepopel karzinogener Ersatzflüssigkeiten aus) und feiert sich selbst in seiner funktionstüchtigen Kastrationsangst als lebensfrohes Beispiel einer Art, die täglich dem Untergang entrinnt. Sinnlos ist seine Bestrebung, sich Zeit abzusparen, die er dann in Freizeitklamotten gequetscht wieder verwartet, um in die Tempel der kollektiven Erholung zu gelangen, aber immerhin: er hat zwei Minuten aus dem eng getakteten Tag eines Hamsters geholt, ohne sein Pensum an Geballer zu schmälern. Mehr und mehr holt sich der Bekloppte Zeit und damit Effektivität aus der täglichen Verrichtung, und sei es dabei, wie er die Insassen eines Krankenhauses wäscht und wickelt – immer mehr Effektivität macht immer weniger Zeit macht immer weniger Effektivität, die Zauberformel der Leistungsmagie neoliberaler Bumsbirnen. Sie haben die klassische Definition von Entsagung durchgezogen. Ihre Jünger, vor allem die, die es nicht freiwillig sind, müssen daran glauben, dass es hilft. Und sie sollten vor allem wissen, wem.

Die meisten Bescheuerten bereuen am Ende ihrer Inkarnation nicht, zu wenig Zeit in sinnlosen Meetings gehockt zu haben. Das allgegenwärtige Korrektiv einer sich wild gebärdenden Vernunft gibt nicht viel her, wofür sich das tägliche Aufstehen noch lohnte. Allenfalls gewinnt der gebeutelte Querkämmer eine unbezwingbare Gleichgültigkeit gegenüber den Fährnissen des Alltags, mindert seine permanenten Ängste und verliert langfristig die Furcht, den plärrenden Eliten die Mistgabel vor der Nase aufzupflanzen. Ein Leben ohne Sorge wäre der Gewinn, und es ist noch niemand auf den Gedanken gekommen, diesen Verzicht als nötig anzumahnen. Warum wohl.