Humsti

26 08 2014

Er sah vollkommen normal aus, durchschnittlich groß, durchschnittlich dünn, sorgfältig rasiert, gescheitelt, schlicht, doch geschmackvoll gekleidet, und blau. Vollkommen blau. „Wir wollten ihn erst in Grün bestellen“, bekannte Schürfleder. „Aber das hatten sie nicht mehr vorrätig, und dann die ganzen Implikationen – wahrscheinlich ist es so besser.“

Er war also blau – blaue Haut, blaue Haare, das Hemd blau und den Anzug blau, blaue Schuhe mit blauen Schnürsenkeln. „Und natürlich blauäugig“, flüsterte Schürfleder ein bisschen verschämt. Aber das hatte er sich nicht aussuchen dürfen. „Es ist ja Deutschland hier. Und der Humsti in mehr als einer Farbe, ich weiß nicht.“ Nun sah die Lösung auf alle nationalen Probleme wenigstens konsistent aus. „Wenn ich nicht wüsste, was das sein soll, würde ich sagen, er sei gelungen.“ Er nickte. „Es war auch nicht unsere Idee“, verteidigte er sich. „Das ist es doch nie.“ Auch das stimmte, und es war gut, dass er nicht auch noch darauf eine Antwort haben wollte.

„Der Humsti hilft uns aus der Patsche.“ Die Schaufensterpuppe – eigentlich war das eine glatte Beleidigung, denn er war eine lebensgroße Silikonfigur und so täuschend ähnlich, als würde er jeden Augenblick zu atmen beginnen – schwieg und ließ es geschehen. Schürfleder fegte vorsichtig ein paar Flusen von seiner Schulter. „Die Zeiten sind so, dass wir eine einfache Lösung brauchen, und das ist er.“ „Sie wollen mir weismachen, dass es nicht ohne einen nationalen Sündenbock geht?“ Er betrachtete die blauen Schuhspitzen, die nicht zu ihm selbst gehörten. „Natürlich wäre es ein besserer Prozess, die Bevölkerung aufzuklären über soziale und geopolitische Kausalitäten, aber Sie wissen ja, wie das ist. Man braucht so viel Zeit dazu.“ „Sie fürchten, dass die Leute es nicht begreifen?“ „Wir haben Angst, dass sie es erst verstehen, wenn die Opposition den Erfolg davontragen würde. Das geht doch nicht.“

Falls sich jemand die Mühe gemacht haben sollte, Humsti unsympathisch erscheinen zu lassen, so war dem kein Erfolg beschieden. Nicht einmal eine Hakennase hatten sich die Designer erlaubt. „Er ist einer aus unserer Mitte“, beschwichtigte er, „das macht es leichter, tief im Innern menschliche Gefühle für ihn zu entwickeln.“ „Menschliche Gefühle also“, gab ich zurück. „In der Informationsbroschüre steht, der Humsti sei der Grund für den internationalen Terrorismus, ein unzivilisiertes Wesen und neige gewohnheitsmäßig zum Sozialmissbrauch. Warum sollte ich humane Regungen für diesen Typus haben?“ Er richtete sich ruckartig auf, ein sicheres Zeichen dafür, dass er auswendig Gelerntes von sich geben würde. „Als an Glaubenswerten orientierte Regierungspartei sind wir sehr interessiert an der Toleranz gegenüber allen anderen Völkern, verteidigen jedoch auch den Rechtsstaat gegen jede Art von Missbrauch dieser Toleranz.“ Hektisch rückte er seine Krawatte zurecht.

Die Bilder in dem Faltblättchen waren nicht einmal schlecht. Dennoch durchlitt Schürfleder einen furchtbaren Schweißausbruch. „Sie müssen es verstehen“, wimmerte er, „die Problematik ist doch inzwischen derart komplex, dass wir gar nicht mehr wissen, was wir zuerst ignorieren sollen.“ „Der Humsti ist verantwortlich für die Arbeitslosigkeit“, mutmaßte ich. Er nickte. „Er nimmt den Deutschen die Jobs weg, und er ruht sich gleichzeitig in der sozialen Hängematte aus und lebt von den Steuern der ehrlichen Arbeitnehmer.“ Kein Wunder, dass er blau war; ein normales Wesen hätte das gleichzeitig gar nicht leisten können. Mich wunderte nur, dass die Relikte der Liberalen ihn deshalb noch nicht als Vorbild an Flexibilität und Leistungsbereitschaft entdeckt hatten. Vielleicht war er nicht kriminell genug.

„Er ist der Schlüssel zur Überbevölkerung“, sagte Schürfleder, „schließlich weiß jeder von den Medien sozialisierte Landsmann, dass die Wahlkampfreden der Regierung absolut Recht haben, wenn sie anprangern, dass überall nur blaue Leute um uns herum sind.“ Ich musste zugeben, dieser Logik konnte ich mich nicht entziehen. „Das sorgt ja erst für den Geburtenrückgang in der echten Bevölkerung, er ist demnach auch verantwortlich dafür, dass Deutschland sich abschafft.“ „Verstehe“, murmelte ich. „Symbolpolitische Ersatzflüssigkeit also.“ Er nickte. „Er ist halt blau.“

Der Humsti hatte es sich angehört, aus verständlichen Gründen jedoch nicht kommentiert. „Und doch“, wandte Schürfleder tapfer ein, „und doch halte ich die Erfindung des Humsti für eine große zivilisatorische Überlegung.“ Er schwieg einen Augenblick, bevor er fortfuhr. „Stellen Sie sich die Gräuel der Vergangenheit vor – Pogrome, Brand- und Mordanschläge, man hat Menschen durch die Straßen gejagt, weil sie eine andere Hautfarbe hatten, weil sie in einer anderen Religion sozialisiert worden waren, und vielleicht waren sie nur Flüchtlinge. Oder arbeitslos. Oder einfach im Weg.“ Da stand der Humsti, blau und sprachlos. „Meinen Sie, man wird so schnell auf der Straße jemanden mit ihnen verwechseln?“ „Und wenn Sie Ihren Wählern die Wahrheit sagen würden?“ Er lächelte hilflos. „Klar, das wäre die Lösung. Aber wissen Sie, wie lange das dauern würde?“