Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLVI): Geschlechterstereotype

5 09 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was hatte die Evolution doch für putzige Einfälle. Die Amöbe, die in jedem Schmodder siedelt, Kontinent nach Kontinent erobert und bis in die Tiefen der belebten Sphäre Verbreitung findet, sie vermehrt sich nach Bedarf. Einer der Klumpen, der scheint’s genug für zwei zum Fraß findet, tailliert sich bis zum Anschlag und teilt sich, um als doppeltes Klöpschen weiter zu schwappen durch seine kleine, ungenügend gefeudelte Welt. So kennt sie weder Sterblichkeit noch Individualität, kein Amöbenmännchen wäscht am Samstag im Unterhemd seinen Kieselstein, kein Amöbenweibchen hat kurz vor der Zellteilung noch mal Retikulumschmerzen, und sollte irgendeine Familienfeier anstehen, kann das gemeine Plasma sich gepflegt in die Gegend verschwiemeln, weil eines wie die anderen ausschaut und seine Abwesenheit von niemandem bemerkt würde. Womit auch, die Dinger hören nichts und sind visuell eher im Nachtschatten der Intelligenz zu Hause. Wie gut, dass sie ihren Nachwuchs nicht in die Amöbentagesstätte bringen müssen. Da ginge der ganze Murks ja schon los.

Der Hominide hat’s nicht ganz so gut getroffen, er muss sich schon bei der Geburt für Rosa oder Blau entscheiden, genauer: Hellblau, noch genauer: Hellblau oder Pink. Liebevolle Apartheid umgibt den Säugling von der ersten Sekunde seines zum ästhetischen Scheitern verurteilten Daseins. Wer als Eltern Strampler in Gelb, Weiß oder Mint wählt, outet sich als anarchokommunistisch, mindestens aber sind solche Erziehungsberechtigten gefährliche Querulanten, die das unschuldige Balg vermutlich zum Massenmörder heranzüchten – Weiß, das ist im Kinderalter schnell mal braun, und wir wissen ja alle, wer auch gerne Braun getragen hat.

Die Schwachsinnsbulimie beginnt erst mit den Klamotten, wo sie sich bis zum Vorschulalter in den Flausch veritablen Hirnschimmels vorarbeitet, rosa Rüschenblüschen vs. krass karierte Cowboyklamotten, als würde Kollege Fasching ganzjährig durch die Kleiderständer jodeln. Die Typenentwürfe Prinzesschen und Macker, ansatzweise magersüchtig bzw. testosterongesteuert in der Kopfnote, sind der komplette Horizont der Gender-Marketing-Strategie, der nachwachsenden Generation mit Schmackes in die Rübe geblasen, damit keiner mehr – womit auch – denkt.

Sollte diese Großraumverstörung nicht reichen, sie setzt sich ja im lustigen Spielwaren-Quiz ‚Puppe oder Feuerwehrauto‘ fort. Natürlich spielen drei Jahre alte Buben, wie die Küchenpsychologie gerne voneinander abpinnt, nicht mehr gerne mit Puppen; bis dahin haben Kita und Konsum den Knaben auch schon derart versaut, dass er sich gar nicht mehr traut, den Fußball gegen sexistische Plastebömmel im 90-60-90-Design zu tauschen. Ist das Muster einmal internalisiert, kann man jeden kognitiv naturbelassenen Dreck nachschieben. Der Sortimenter um die Ecke liefert mit Vergnügen Jungs- und Mädelsbücher, in denen Astronauten und Elfen als Brechreizbeschleuniger an der Schraube drehen, die Film, Funk und Fernsehen in trauter Eintracht weiter ins Vergnügen bohren.

Sicher, Marktlücken wollen gefunden sein, doch warum ausgerechnet mit Mädchenbier und lila Chips, Schokoladeneiern mit chromosomalem Target, Haushaltspapier fürs saugende Muttchen – wann endlich quarrt die Werbung von der allein erziehenden Vorstandsvorsitzenden, die ihre beiden Töchter unbedingt in einem PS-starken SUV zum Rugby karrt? Wahrscheinlich tränkt auch sie heimlich ihre Putzis mit Beuteltee in Geschmacksrichtung Feenausdünstung, weil die Sorte mit den Monstern latent unterprivilegiert aussieht. Immerhin riecht das Zeug nicht nach getoasteten Veilchen.

Dass der Boden unter den zur Tradition verkalkenden Klassen noch glitschig ist, zeigt ein einziger Blick zum Beginn des letzten Jahrhunderts. Die industriell in den Frontallappen genagelte Rot-Blau-Schablone war durchaus schon vorhanden, funktionierte aber genau anders herum. Lichtes Blau galt als emotional ausgleichend, sanft und ruhig, mithin die beste Wahl für angehende Frauen, während Babymännchen Rosa kriegten, einen belebend, kräftigend wirkenden Ton, der zur aktiven Teilnahme an der Welt anreizt. Bestimmt hat die Verdübelung des westlichen Intellekts – Afrika hat sich nachweislich noch nicht dem Frotteediktat angeschlossen, aber vielleicht zoffen sich da auch nur Grün und Orange – hier genug zur Zerrüttung der Menschheit gelernt, wie sie von einer Katastrophe zur nächsten torkelt, vom Girls’ Day bis zur überwundenen Flachkräftemangel in den Werbemühlen dieser Republik. In ihren dumpfen Träumen mutieren sie alle zu Amöben, frei von jeglicher Verantwortung, die Realität mit allen Scheinfüßchen wegstoßend und immer auf der Suche nach Unsterblichkeit, falls es doch noch schiefgeht. Und jede Wette, sie tragen Braun.


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