Wahlfangquote

10 09 2014

„Doch, das haben wir ganz genau besprochen. Aber ganz genau, noch viel intensiver als den letzten Koalitionsvertrag. Oder das mit der Atomkohle, ich weiß ja auch nicht, aber Gabriel habe gesagt, wir haben da Ahnung. Wir haben das ganz intensiv besprochen, parteiintern, wir waren so kurz davor, jemanden zu fragen, was ein Kompetenzteam ist!

Nein, ehrlich. Den Fehler mit der Agenda 2010, den machen wir nicht noch mal. Gut, den haben wir schon zu oft noch mal gemacht, aber darum geht’s jetzt ja nicht mehr. Also um die Agenda. Wir als Sozialdemokraten in der SPD wollen doch auch mal bürgernah sein. Der Bürger an sich, der dankt uns das zwar nicht, das kennt man ja mittlerweile, dass der Bürger sich kaum mehr für das Wohlergehen seiner Volksvertreter interessiert, aber wir als sozial eingestellte Verantwortungsträger, wir kümmern uns natürlich immer noch um die Menschen, Bürger wollte ich sagen, Bürger, weil uns ja einer wiederwählen muss. Man kann doch auch nicht alles selbst machen, oder?

Das mit den Wahlurnen am Pfandautomaten, das war auch nur so eine Idee. Was halt passiert, wenn wir als Sozialdemokraten das mal probieren mit diesem Denken. Man muss das doch nur mal ausrechnen: wie viele Bürger gehen wählen, und wie viele Bürger bringen Pfandflaschen weg? Und interessiert jetzt nicht die Schnittmenge, die kann immer noch ganz normal ins Wahllokal, aber wir sollten schon darauf achten, dass wir auch die Bürger ansprechen, die ansonsten nicht wählen gehen. Wir müssen gegen Demokratieverdrossene etwas tun. Nicht nur gegen die anderen Bürger.

Ja, das ist etwas schwieriger. Die Wahlkabinen müssen wir erst mal in den Getränkefachhandel bekommen – notfalls in die Supermärkte, und die sind dann wieder nicht sonntags ganztägig geöffnet, weil wir als SPD das für die Angestellten niemals hinnehmen würden. Sie müssen zugeben, das ist ein Dilemma. Aber wir brauchen eine Aufgabe, sonst würden uns die Bürger überhaupt nicht mehr wahrnehmen.

Direkt im Supermarkt würde ich das nicht gut finden. Stellen Sie sich mal vor, die Wahlkabine steht bei den Hygieneartikeln, die CSU quatscht auf den letzten Metern bei den Höschenwindeln noch die Wähler voll von wegen Mütterrente und so – die machen uns doch die ganze Wahlfangquote kaputt, das geht gar nicht!

Andere Idee: die Kollegen von der Union, die haben eine ganz gute Masche mit dem Fahrdienst aus den Seniorenheimen entwickelt. Abholen, ins Wahllokal rollen, Bleistift führen, wenn’s sich nicht vermeiden lässt in der Wahlkabine, danach noch ein Scheibchen Napfkuchen mit Bohnenkaffee, das kommt doch bei den Oldies an. Die sind doch auch mal dankbar, wenn sich einer um die kümmert – und Hand aufs Herz, so eine Landtagswahl kommt doch inzwischen öfter als Besuch von den Enkeln. Das muss man doch irgendwie auch geriatrisch ausnutzen können? Ich meine, wenn man sich heute mal anguckt, wie hoch die Demenzquote in den Anstalten ist, da geht doch noch was, oder? Die ganzen Omas schiebt man irgendwie durch den Hintereingang in die Bude rein, vor der Tür noch zwei Plakate, Hitler und Brandt, und fertig ist die Laube!

Hintereingang, natürlich. Wenn wir den Adolf vorne aufhängen, dann fragen sich die Leute, wer Beatrix von Storch die Schönheitsoperation geschenkt hat.

Man könnte die Urnen auch in der Krebsstation aufstellen. Nein, wir wollen keine Stimmen von Toten, wir sind doch nicht die NPD. Außerdem sind deren Wähler eh nur hirntot. Aber schauen Sie sich die Geschichte der SPD an – als letzte Hoffnung sind wir doch große Klasse, oder?

Unsere Generalsekretärin war ja für Wahlen in der Postfiliale. Das zeigt ihr differenziertes Denken – die befindet sich auch meist in einem Supermarkt, hat sonntags generell geschlossen, aber dafür ist man gewohnt, in der Schlange zu stehen, Stress mit unsinnigem Papierkram zu haben, und egal, was Sie da bezahlen, Sie werden von einem funktionalen Analphabeten in einer durchgeschwitzten Uniform angepöbelt, und nach Service sollten Sie am besten gar nicht erst fragen. Oder war das jetzt die Bahn?

Mobiles Wählen? Kann man machen, aber dann gründen die bestimmt wieder eine Firma und bauen eine App, mit der das billiger geht. Das sehen Sie ja jetzt schon, kaum hat die Bahn das Geld zusammen, um die Subventionen für einen Tiefbahnhof zu kriegen, da wollen die Busunternehmen plötzlich mit Bussen Menschen transportieren. Das erinnert mich manchmal an das Verhalten meiner eigenen Partei. Doch, ich bin gerne in der SPD. Das ist doch die Schwierigkeit.

Man muss den Bürger eben da abholen, wo man ihn in seiner Lebenswirklichkeit trifft, wo seine ganzen Belange, wirtschaftlich und sozial und die Arbeitswelt und die Familie, sein Engagement, was seine hauptsächliche Beschäftigung ist, auch in seiner Freizeit, und wo er die Auseinandersetzung mit dem Staat, und das meine ich jetzt auch sehr integrativ, man muss das ja gesamtgesellschaftlich, also nicht nur für die obere Mittelschicht, obwohl die natürlich auch – im JobCenter? Die Wahlkabine im JobCenter? Ja, das ist doch mal eine Überlegung wert. Für uns als SPD.“

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