Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLVII): Neid

12 09 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es ist nicht der fettere Mammutschinken, der Uga immerzu grollen lässt, wenn er in die Höhle des Schwagers blickt. Es ist auch nicht das anmutig geschwungene Beilchen, mit dem der Jüngere Birken weghackt, als wär’s gar nichts. Die Sonne, die jeden Morgen einen kurzen Augenblick früher den Eingang der Butze streift, die versaut ihm den Rest des Tages. Warum, sagt Uga sich in finsteren Nächten neben dem schnarchenden Weib, warum fresse ich nicht den verdammten Schinken, haue ihm das Drecksbeil über die Rübe und schiebe seine ganze Mischpoke aus dem Loch? Eine der unedlen Regungen ist es, die ihn ergreift, und gerade durch sie wird er zu dem, der er ist. Seine untragbare Art, nicht das zu schätzen, was er kriegt, sondern das zu hassen, was nicht für ihn bestimmt ist, macht ihn zum Blödföhn der Schöpfung. Neid, jene inverse Anerkennung der Fülle, ist nicht viel mehr als eine tief empfundene Schwäche: der nagende Verdacht, den Mangel, ob zufällig oder nicht, vielleicht doch verdient zu haben.

Voll sind Geschichte und Mythen von den Aggregatzuständen der Eifersucht. Früh lernt der Nachwuchs an Schneewittchens mieser Mutter, dass Selbstsucht in ein nicht standesgemäßes Ableben mündet. Der Schlaf der Zufriedenheit gebiert Magengeschwüre, nur kein Mitleid. Geht der innere Halt flöten, so braucht der Beknackte keine Freunde mehr, denn Feinde hat er dann genug. Und es ist nicht die Aufklärung, die vor der Implosion des Denkens schützt. Beileibe nicht.

Eine ganze Wirtschaftsform, der Kapitalismus, der sich in Anflügen für eine Gesellschaftsordnung hält, ist aus diesem Abfall geronnen. Besitz, mit anderen Worten: Geraffel, das der Dummbatz nur braucht, um dem Nachbarn die Laune zu verderben, wird zum Lebenselixier der Bekloppten, die sich eine menschenwürdige Existenz kaum noch vorstellen könnten ohne vergoldete Spucktüten, während die anderen nur die hohle Hand haben. Auch blinkende Hosen, die Ich sagen können, einst werden sie dem mental Vergilbten über den Kopf gezogen, und wenn nicht, dann äschert man ihn halt darin ein – er merkt es eh nicht mehr. Nichts würde den Scheelsüchtigen tiefer erbittern als ein völlig gleichgültiger Nebenmann, dem der Zwölfzylinder vor dem Reihenhaus gepflegt am Sitzmuskel vorbeiginge. Ein vergnügter Balkonblumengießer, der den auf pump gekauften Nerz der Miss Günstig erst mitleidig bemerkt, wenn er ihr von den Füßen fault. Neid ist zum großen Teil doch nur die Angst, man könnte so viel wert sein wie alle anderen. Aber nicht mehr.

Wird der konstruktive Neid – eine interessante calvinistische Verschwiemelung für den Versuch, eine Todsünde zur Tugend umzutaufen – als Triebfeder des Individuums verkauft, so triggert er sich zunächst selbst und führt geradewegs in die Sackgasse der Reformation. Vernachlässigen wir die Theorie der Prädestination, so ist die Jagd nach materiellem Streben das höchste Gut, was zielsicher in die Hölle führt, weil die schlichte Lebensführung jede Art von Luxus als moralisch minderwertig ansieht und verurteilt. Der fürchtige Mensch ist nicht zu beneiden, und ist er es doch, dann ist er es erst recht nicht.

Der Sinn der schizoiden Erlösungslehre liegt also darin, so viel Wohlstand zu erwirtschaften, dass er bei den weniger Begüterten Neid erweckt, eine Sünde von verlässlicher Widerlichkeit, so dass die Armen durchaus nicht grundlos arm sind, da moralisch verwerflich, und die Reichen nicht ohne Anlass reich und also berechtigt, auf die Armen herabzublicken. So konstruiert die Wirtschaft, die der Armen sicher bedarf, um überhaupt Reichtum zu generieren, en passant den gesellschaftlichen Oberbau, in dem die Phase der soziokulturellen Exklusion sich für besser hält, nur weil sie schäumend aufschwimmt. Nur die Zivilisation kann verhindern, dass das Recht des Stärkeren gilt; dabei sollte sie es gerade hier nicht tun.

Und natürlich funktioniert der ganze Schmodder auch andersrum. Die Luxusuhr am Handgelenk des arrivierten Prolls ruft nicht halb soviel grünes Gift in den Eingeweiden eines Arbeitslosen hervor wie die Gabe des Sozialhilfebeziehers, jeden Morgen in Ruhefrühstücken zu können, einen Topmanager zu enthemmtem Zähneknirschen führte. Destruktiver Neid ist die Blaupause für ein ethisches Massaker, das sich als Modell einer destruktiven Ordnung nicht erst seit Jahrzehnten Bahn bricht, sondern nur als quasireligiöse Erlösung feiert, und das mit dem sittlich zweifelhaften Verhalten der Altvorderen. Wenn auch der andere absäuft, dann sägt der Bekloppte gern den eigenen Kahn an. Es ist nicht der eigene Wohlstand, der das Leben schön macht, es ist das Bewusstsein, dass es sehr viel braucht, um sich das bisschen Dasein nachhaltig zu versauen. Wie angenehm, dass es so unangenehm ist. Wäre es der Ehre nicht zu viel, man könnte neidisch werden.


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2 responses

12 09 2014
lamiacucina

Neid ist, nach W. Busch, die aufrichtigste Form der Anerkennung.

12 09 2014
bee

Er ist wie die Zuneigung eines Hundes: nicht zu kaufen.

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