Stressregulierung

17 09 2014

„Richten Sie das Ihrem Chef aus, und schöne Grüße.“ Hurtz wühlte in seinem Papierstapel. „Ich würde gerne meine eigenen Richtlinien auf meinen Arbeitsplatz anwenden“, knurrte er, „aber wir sind noch im Aufbau. Und da wir seit Jahren nicht mehr mit der Unterstützung der Gewerkschaften rechnen können, müssen wir es eben alleine schaffen.“ Er schwitzte. Als Anti-Stress-Beauftragter der Bundesregierung hat man nun mal kein einfaches Leben.

„Alleine die dauernde Erreichbarkeit!“ Er hakte ein paar Listen ab. „Sie senden also an die Betriebe ein standardisiertes Schreiben, dass sich die Angestellten am Feierabend nicht mehr um die E-Mails kümmern müssen?“ Er nickte. „Damit wäre doch schon viel gewonnen.“ Ich warf einen Blick auf die Liste. „Aber das sind Produktionshelfer in einer Dosensuppenfabrik.“ Hurtz strahlte. „Super, nicht wahr? Wir haben sichergestellt, dass sich die Geschäftsleitung nach Feierabend nicht mehr per E-Mail bei Ihnen meldet. Sie müssen keine Meetings mehr vorbereiten, keine Quartalszahlen mehr asap rüberschicken, und wir haben das jetzt schwarz auf weiß.“ Sein gewinnendes Lächeln überzeugte mich: eine Regierung, die solche Verordnungen erlässt, hat wirklich ein Problem.

Eine Sachbearbeiterin reichte einen Stapel Papier rein. „Ah, die Luftqualität – wir haben da ganz genau nachgemessen.“ Es handelte sich um Proben aus der Kabine, wie die gelben Zettel es auswiesen. „Sie messen den Luftdruck in einem Passagierflugzeug?“ Hurtz blickte verständnislos. „Der Gesetzgeber macht da keinen Unterschied, wir haben auch auf die ungesunden Temperaturen in unmittelbarer Nähe eines Hochofens hingewiesen. Das hätte die Gewerkschaft längst mal tun sollen, aber Sie wissen ja, die kümmern sich um nichts mehr, seitdem wir ihnen gesagt haben, dass das auch nichts bringt.“ Das interne Strategiepapier sah vor, Arbeitnehmer zur Hälfte im Kühlhaus und zur anderen Hälfte in der Gießerei zu beschäftigen. „Dann haben wir im statistischen Mittel eine angemessene Temperatur, und mehr können wir arbeitsrechtlich sowieso nicht durchsetzen.“ Er bekam fast etwas Unterwürfiges, wie er seine Hände knetete; das musste ihm nun wirklich unangenehm sein. „Immerhin, wir sind nur der Gesetzgeber und nicht die Wirtschaft. Denken Sie nur an die…“ „Arbeitsplätze?“ „… Börsenkurse, wollte ich sagen. Die Börsenkurse.“

Wie ich dem dunkelrosa Formular entnahm, musste die Anzahl der Schreibtische in einem Großraumbüro künftig je nach Branche berechnet werden. Das sah nicht nur sehr kompliziert aus, in der Berechnung gab es auch Ungereimtheiten. „Das gleicht sich mit den vielen Ausnahmeregelungen dann wieder aus“, befand Hurtz. „Beispielsweise haben wir hier den Flächenschlüssel für Call-Center, der ist natürlich ganz anders als in einem Versicherungsunternehmen.“ „Wo genau ist der Unterschied?“ Er blätterte vor. „Im Call-Center erwarten Sie es nicht anders.“

Das Maßnahmenpaket des Beauftragten war durchaus differenziert zu nennen; Teile davon sorgten für massiven Unfrieden in den Betrieben, andere verpufften gleich. „Man muss ja auch mal definieren, was die Leute so unter Stress verstehen, und da haben wir uns eine gemeinsame Lösung einfallen lassen.“ Ich musste unwillkürlich das Gesicht verzogen haben. „Jedenfalls ist das eine sehr flexible Sache, weil die Unternehmen selbst festlegen können, was sie als Stress empfinden.“ „Die Unternehmen?“ Hurtz hatte sich nicht versprochen, ich hatte mich nur verhört. „Genau, die Unternehmer. Das ist doch nicht realistisch, dass an jedem Arbeitsplatz derselbe Grad von Stress auftritt.“ „Denken Sie nur an die vielen Manager, die verzweifelt ihre Abfindungen retten, wenn sie den Laden vor die Wand gefahren haben.“ Er stimmte mir zu. „Was ist das schon im Vergleich mit einem Beruf, wo Sie jeden Tag eine ruhige Kugel schieben. Müllmann beispielsweise. Oder Krankenschwester.“

„Wie gehen Sie konkret vor?“ Hurtz wusste es bestimmt, konnte es nur nicht konkret benennen. „Es sind manchmal schon Kleinigkeiten, die bedeutsame Veränderungen hervorrufen. So haben wir beispielsweise erforscht, ob ein firmeninternes ‚Du‘ nicht zu maßgeblichen Veränderungen führen könnte.“ Ich nickte mitfühlend. Mir fielen jede Menge Firmen ein, in denen das den Stress enorm in die Höhe treiben würde. „Außerdem“, und Hurtz blätterte wieder, „aber ich glaube, das hatten wir schon. Die Müllmänner müssen nach ihrer Arbeitszeit keine E-Mails mehr beantworten.“ „Ist bisher denn wenigstens geregelt, wie viele sie während ihrer Arbeitszeit lesen müssen?“ Er wusste es nicht. Aber er wusste es wenigstens ganz genau nicht. Das war schon besser als von der Regierung geplant.

„Als nächsten Schritt“, meinte Hurtz, „definiert die Verordnung selbstverständlich eine ausreichend rechtssichere Fassung von Arbeitszeit. Sonst müsste am Ende der Feierabend noch als Vorbereitung auf die Arbeit gelten, und dann könnte man jederzeit wieder E-Mails…“ „Was“, und ich schlug mit der Hand auf den Tisch, dass er sich erschrak, „was tun Sie selbst dagegen? Was?“ Hurtz lehnte sich zurück. Ja, er lächelte sogar. „Wir haben der Nahles Hausverbot erteilt. Inzwischen geht’s ganz gut.“


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