Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLVIII): Berater als Beruf

19 09 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Am Anfang war die Sache ja noch erträglich, abgesehen davon, dass es nirgends Internet gab, weil man die Schrift noch nicht erfunden hatte, folglich auch den elektrischen Strom nicht, geschweige denn Gleitsichtbrille, Schneebesen, faltbare Tischdecken oder Tische für jene. Wer nun also eine mutmaßlich essbare Frucht fand, musste schnell eine belastbare Antwort zur Verwendung des Dings beibringen, oder es war mutmaßlich bald nicht mehr essbar. Man erfand also Schrift und Gleitsichtbrillen, doch noch immer grinst Pilzen eine Grauzone des Wissens drein – wer sagt einem, was satt, was lustig, was tot macht? Der Hominide neigt zur Überreaktion, weshalb er zunächst den Berater erfindet und ihm dann auch noch erlaubt, den Mist hauptberuflich zu betreiben. Wir sind unterdessen nicht schlauer geworden.

Landauf, landab lauert ein Rudel Hyänen unter der nächsten Brücke, das sich mit unsortiertem Wortdurchfall in die innersten Angelegenheiten des Probleminhabers schwiemelt. Sie lassen ihm keine andere Wahl, als elend in seiner Zwangslage zu versuppen. Schließlich ist die der Umstand, dass sich die Totes-Tier-mit-Leichenflecken-Abnager an ihrer Beute gütlich tun können, denn sie haben weniger Gutmenschenmitleid als ein Arzt, der sich den Drittporsche verbaselt, weil er seine Patienten unangenehm früh ausheilen lässt. Notfalls darf das Opfer noch zucken. Dann sieht man wenigstens sein Problem noch.

Der klassische Berater, der qua ansatzweise genossener Ausbildung oder wenigstens durch en passant erworbener Innenschau die Materie von ihrem Ruf zu unterscheiden wusste, konnte immerhin noch die ehrlich arbeitende Schicht mit halbwegs akkreditiertem Faktenwissen ausbeuten. Wer bei der Serienreife des USB-Steckers noch nicht raffte, in welcher Polung man das Ding ins Gerät bömmelt – und aus hardwarenahen Verlusten an Wasch-, Schreib- und Mähmaschinen schon genug gestraft war – der holte sich den IT-Berater ins Haus. Ein erstaunlich gut frisierter, erstaunlich junger Vollprofi in einer erstaunlich dicken Benzinschleuder kachelte heran, hebelte seinen Rollkoffer auf den Parkplatz, überzeugte nach einer dreistündigen Powerpoint-Gehirnvollwäsche, dass die 5¼″-Tischdeckchen der hauseigenen Marke viel superer seien als die Wahl des letzten Experten, und verließ das Firmengelände mit dem höhnischen Grinsen eines Missionars, der einen indigenen Stamm in triebgestörte, aber bibelfeste Arschlöcher verwandelt und nebenbei die Tochter des Königs mit einer widerlichen Hautkrankheit infiziert hat. Niemand braucht diesen Schmadder, kein geistig gesunder Zeitgenosse holt ihn sich freiwillig ins Haus. Das Zeug taucht irgendwo auf, scheißt klug und erfreut sich an den Unmöglichkeiten eines allgegenwärtigen Immunsystems.

Sie wirken wie analytische Genies, weil sie einem Ertrinkenden, zu dem sie gerufen wurden, weil der gerade ertrinkt, meist schon kurz nach dem Ableben mitteilen können, dass er möglicherweise ertrunken sei. Ihre Kompetenz untermauern sie dadurch, dass die Kernbotschaft im Halbsatz einer Fußnote auf Seite 812 steht. Der Rest in halt verbaler Bauschaum, aber was erwartet man auch von jemandem, der es beruflich nicht einmal bis zum Schuhputzer geschafft hat.

Überhaupt, verbal. Wie Research entpriorisieren und den Added Value auf die GSP runterbrechen diese Flusenlutscherfressen anmacht. Wenn sie nur meanwhile ein supertight getaktetes Skip Level Meeting performen können. Wäre es nicht Tierquälerei, man müsste Amöben einkreuzen. Aber auch damit sind sie nicht mehr zu retten. Das Schlüsselmoment dieser Volksverdeppung liefert das Ausweichen der Berufs-Berater zunächst in die Versicherungs- und Bankenvorhölle, bis sie bei Besteck, Damenoberbekleidung und Möbeln in die Bodenregionen des Kundenfangs einsickerten. Das Sprachbild zeigt eine geradezu perfekte neoliberale Verquasung aus Wirklichkeit und Drogentraum: nur noch der Käufer ist schuld, wenn er sich eine Lebensversicherung für Scheintote aufschwatzen lässt, nur noch der Konsument muss den Arsch hinhalten, wenn die Hose kneift. Der Berater hat nur beraten, und ist der Kunde bedient, so ist er beraten und verkauft.

Doch die Zeiten bessern sich. Inzwischen kann ein Berater die Miete seiner Pressspanplattenbude nur noch aufbringen, wenn die Wirtschaft um ihn herum eh schon brummt; braucht sie dagegen einen kräftigen Anschub oder Problemlösungskompetenz, setzt das Management noch immer auf überprüfbare Methoden wie Pendeln, Frösche im Glas oder das Knochenorakel. Angenehm, dass so manche Hoffnung, das Volksvermögen durch Kasperade in die eigenen Taschen zu lotsen, im Hosenladen endet. Da ist’s ja, am Ende des Tages, sogar noch erträglich.

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