Wahlfangquote

10 09 2014

„Doch, das haben wir ganz genau besprochen. Aber ganz genau, noch viel intensiver als den letzten Koalitionsvertrag. Oder das mit der Atomkohle, ich weiß ja auch nicht, aber Gabriel habe gesagt, wir haben da Ahnung. Wir haben das ganz intensiv besprochen, parteiintern, wir waren so kurz davor, jemanden zu fragen, was ein Kompetenzteam ist!

Nein, ehrlich. Den Fehler mit der Agenda 2010, den machen wir nicht noch mal. Gut, den haben wir schon zu oft noch mal gemacht, aber darum geht’s jetzt ja nicht mehr. Also um die Agenda. Wir als Sozialdemokraten in der SPD wollen doch auch mal bürgernah sein. Der Bürger an sich, der dankt uns das zwar nicht, das kennt man ja mittlerweile, dass der Bürger sich kaum mehr für das Wohlergehen seiner Volksvertreter interessiert, aber wir als sozial eingestellte Verantwortungsträger, wir kümmern uns natürlich immer noch um die Menschen, Bürger wollte ich sagen, Bürger, weil uns ja einer wiederwählen muss. Man kann doch auch nicht alles selbst machen, oder?

Das mit den Wahlurnen am Pfandautomaten, das war auch nur so eine Idee. Was halt passiert, wenn wir als Sozialdemokraten das mal probieren mit diesem Denken. Man muss das doch nur mal ausrechnen: wie viele Bürger gehen wählen, und wie viele Bürger bringen Pfandflaschen weg? Und interessiert jetzt nicht die Schnittmenge, die kann immer noch ganz normal ins Wahllokal, aber wir sollten schon darauf achten, dass wir auch die Bürger ansprechen, die ansonsten nicht wählen gehen. Wir müssen gegen Demokratieverdrossene etwas tun. Nicht nur gegen die anderen Bürger.

Ja, das ist etwas schwieriger. Die Wahlkabinen müssen wir erst mal in den Getränkefachhandel bekommen – notfalls in die Supermärkte, und die sind dann wieder nicht sonntags ganztägig geöffnet, weil wir als SPD das für die Angestellten niemals hinnehmen würden. Sie müssen zugeben, das ist ein Dilemma. Aber wir brauchen eine Aufgabe, sonst würden uns die Bürger überhaupt nicht mehr wahrnehmen.

Direkt im Supermarkt würde ich das nicht gut finden. Stellen Sie sich mal vor, die Wahlkabine steht bei den Hygieneartikeln, die CSU quatscht auf den letzten Metern bei den Höschenwindeln noch die Wähler voll von wegen Mütterrente und so – die machen uns doch die ganze Wahlfangquote kaputt, das geht gar nicht!

Andere Idee: die Kollegen von der Union, die haben eine ganz gute Masche mit dem Fahrdienst aus den Seniorenheimen entwickelt. Abholen, ins Wahllokal rollen, Bleistift führen, wenn’s sich nicht vermeiden lässt in der Wahlkabine, danach noch ein Scheibchen Napfkuchen mit Bohnenkaffee, das kommt doch bei den Oldies an. Die sind doch auch mal dankbar, wenn sich einer um die kümmert – und Hand aufs Herz, so eine Landtagswahl kommt doch inzwischen öfter als Besuch von den Enkeln. Das muss man doch irgendwie auch geriatrisch ausnutzen können? Ich meine, wenn man sich heute mal anguckt, wie hoch die Demenzquote in den Anstalten ist, da geht doch noch was, oder? Die ganzen Omas schiebt man irgendwie durch den Hintereingang in die Bude rein, vor der Tür noch zwei Plakate, Hitler und Brandt, und fertig ist die Laube!

Hintereingang, natürlich. Wenn wir den Adolf vorne aufhängen, dann fragen sich die Leute, wer Beatrix von Storch die Schönheitsoperation geschenkt hat.

Man könnte die Urnen auch in der Krebsstation aufstellen. Nein, wir wollen keine Stimmen von Toten, wir sind doch nicht die NPD. Außerdem sind deren Wähler eh nur hirntot. Aber schauen Sie sich die Geschichte der SPD an – als letzte Hoffnung sind wir doch große Klasse, oder?

Unsere Generalsekretärin war ja für Wahlen in der Postfiliale. Das zeigt ihr differenziertes Denken – die befindet sich auch meist in einem Supermarkt, hat sonntags generell geschlossen, aber dafür ist man gewohnt, in der Schlange zu stehen, Stress mit unsinnigem Papierkram zu haben, und egal, was Sie da bezahlen, Sie werden von einem funktionalen Analphabeten in einer durchgeschwitzten Uniform angepöbelt, und nach Service sollten Sie am besten gar nicht erst fragen. Oder war das jetzt die Bahn?

Mobiles Wählen? Kann man machen, aber dann gründen die bestimmt wieder eine Firma und bauen eine App, mit der das billiger geht. Das sehen Sie ja jetzt schon, kaum hat die Bahn das Geld zusammen, um die Subventionen für einen Tiefbahnhof zu kriegen, da wollen die Busunternehmen plötzlich mit Bussen Menschen transportieren. Das erinnert mich manchmal an das Verhalten meiner eigenen Partei. Doch, ich bin gerne in der SPD. Das ist doch die Schwierigkeit.

Man muss den Bürger eben da abholen, wo man ihn in seiner Lebenswirklichkeit trifft, wo seine ganzen Belange, wirtschaftlich und sozial und die Arbeitswelt und die Familie, sein Engagement, was seine hauptsächliche Beschäftigung ist, auch in seiner Freizeit, und wo er die Auseinandersetzung mit dem Staat, und das meine ich jetzt auch sehr integrativ, man muss das ja gesamtgesellschaftlich, also nicht nur für die obere Mittelschicht, obwohl die natürlich auch – im JobCenter? Die Wahlkabine im JobCenter? Ja, das ist doch mal eine Überlegung wert. Für uns als SPD.“





Missionsarbeit

9 09 2014

„… könne nicht bestätigen, dass die in Bochum auftretenden christlichen Ordnungskräfte einen negativen Einfluss auf das jugendliche…“

„… ebenfalls zahlreiche Strafanzeigen wegen Amtsanmaßung und Nötigung erstattet worden seien. Es sei jedoch zu keinem Ermittlungsverfahren gekommen, da die selbst ernannte Bibel-Polizei keine ordnungsrechtlichen Befugnisse gehabt und somit auch keine wirksamen…“

„… wolle sich das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt nicht zu der Sache äußern, solange nicht festgestellt worden sei, ob es sich um evangelisch-lutherische, römisch-katholische oder freikirchliche…“

„… stehe es natürlich in Deutschland jeder Glaubensgemeinschaft frei, die Mittel ihrer Missionsarbeit selbst zu wählen, was in diesem Fall auch tatsächlich…“

„… einerseits zum Fegefeuer, andererseits zu ewiger Gottesferne verdammt sei. Kardinal Woelki moniere diese theologisch inakzeptablen Widersprüche und verlange vor jeder kirchenrechtlichen Beurteilung zunächst eine klare Aussage über die Lehrinhalte der…“

„… weit von sich gewiesen habe. Faktisch existiere keine christlich-fundamentalistische Paralleljustiz, abgesehen von Paderborn habe es auch nie einen solchen…“

„… keinerlei Beanstandungen seitens des EKD- Ratsvorsitzenden gebe. Die Äußerungen gegenüber den Passanten seien nachprüfbar gemäß der Bibel, größtenteils wörtlich zitiert nach der Lutherübersetzung in der revidierten Fassung von 1984, was ganz im Sinne der…“

„… nicht vorschnell Kritik zu üben. Die Deutsche Bischofskonferenz empfehle zuvor eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Inhalten der Wächtertruppe, um sich konstruktiv mit den…“

„… dass das Absingen ausländischer Lieder wie Happy Birthday zwar nicht unmittelbar zur Verdammnis bis ins siebte Glied führe. Dennoch sei es ein durchaus bedenkenswerter Ansatz, auch auf diese Art für mehr Toleranz und Hinwendung zum deutschen geistlichen Liedgut…“

„… könne behördlicherseits keine strafbare Handlung festgestellt werden. Es sei auch für Laien klar erkennbar, dass die Warnwesten der christlichen Ordnungshüter nicht in der vorgeschriebenen liturgischen Farbe gehalten seien, so dass man nicht von einer bewussten Täuschungsabsicht der…“

„… den populären Slogan Maria statt Scharia durchaus benützen dürfe. Dieser stelle keine einseitige Hinwendung zum Katholizismus dar, sondern sei als religiöses Angebot zur Inklusion aller…“

„… dass der Verfassungsschutz sich für befangen erklärt habe. Da das Grundgesetz einen Gottesbezug habe, dürfe eine christliche Miliz nicht nach den üblichen Maßstäben für…“

„… sich Kauder und von der Leyen darin einig seien, dass die Bibel-Polizei ein mutiges Signal für den Rechtsstaat bedeute. Damit werde der demokratisch gesinnten Öffentlichkeit vermittelt, dass jede Glaubensgemeinschaft ein Recht habe, sich mit ihren eigenen Thesen der…“

„… erstens nicht geklärt, ob es sich tatsächlich um eine Zwangstaufe gehandelt habe, die in der…“

„… beispielsweise die Wiedereinführung der Todesstrafe für Ehebrecherinnen gefordert habe. De Maizière habe jedoch auch hier erklärt, dass es sich natürlich um einen symbolischen Anspruch auf alttestamentarische Bestrafung gehandelt habe, der im Rahmen der freien Meinungsäußerung ganz und gar…“

„… und zweitens berechtigterweise empört sei, wenn auf ein heiliges Sakrament mit derart ablehnenden…“

„… es sehr begrüße, wenn sich die Bibelwächter für ein Verbot von Alkohol und Tabakwaren einsetze. Dies sei ein sittliches Unterfangen, das dem guten Namen der deutschen Polizei durchaus zur Ehre…“

„… sei es eine populistisch verkürzte Ansicht, die Bibel-Polizei für religiösen Fanatismus verantwortlich zu machen. Eine Religion selbst sei nie schuld an der fundamentalistischen Auslegung, sie könne auch nie für verfassungsfeindliche Ansichten herangezogen werden, die in ihrem Namen…“

„… die vermeintlich andersgläubigen Personen mit dem Foliensticker ‚Ich bin eine Missgeburt Satans‘ zu versehen, da der dazu verwendete Sekundenkleber nur schwer aus dem Gesicht…“

„… biete die Aktion nach Ansicht des Erzbischöflichen Ordinariats Freiburg auch eine wichtige identitätsstiftende Aufgabe für die Gesellschaft. In Zeiten, in denen durch den erodierenden Glauben an Staat und Kirche gefährliche Ansichten von Freiheit entstünden, könne eine Bibel-Polizei labilen jungen Menschen wieder einen echten Halt…“

„… nach Ansicht der Staatsanwaltschaft nicht um eine tätliche Beleidigung gehandelt habe, da nach gängiger Rechtsauffassung Satan keine real existierende Person sei, was also nichts im…“

„… dass die deutsche Wirtschaft das generelle Verbot von Ladenöffnungen an Sonn- und Feiertagen als Kriegserklärung verstehe. Merkel habe den Einsatz der GSG 9 trotz seiner überraschenden Brutalität als angemessenes Mittel gebilligt, um auch weiterhin für alle Bürgerinnen und Bürger in der Bundesrepublik die…“





Voll-Beschäftigung

8 09 2014

„Und die kann man doch auch mal streichen, weil die haben ja genug zu tun.“ „Moment, das waren aber nicht die aus der Fortbildungsmaßnahme?“ „Doch, aber Bewerbungstraining gehört jetzt auch dazu.“ „Noch einen?“ „Gerne.“ „Na Kollegen, wie steht’s denn mit der Statistik? Alles am Werden?“ „Na sicher.“ „Unbedingt!“ „Sagen Sie mal, Sie trinken doch nicht etwa?“ „Nahaain!“ „Ach was!“

„Ist er weg?“ „Ja.“ „Mann, der kann sich aber auch anschleichen!“ „À propos, die Schwangeren könnten wir doch auch rausnehmen.“ „Und die Mütter mit Kindern bis zu drei Jahren.“ „Mit welcher Begründung?“ „Dass sie schon genug zu tun haben mit den Kindern, da gelten sie dann eben nicht als beschäftigungslos.“ „Cool!“ „Und wieder ein paar Tausend weniger.“ „Da wird sich die Geschäftsleitung aber freuen.“ „Noch einen?“ „Noch einen!“

„Wir sollten uns nämlich langsam mal auf eine neue Statistik vorbereiten.“ „Also auf die, die wir selbst machen?“ „Eben. Bis zur nächsten Wahl braucht die Regierung eine stufenweise Annäherung an die Vollbeschäftigung.“ „Fachkräftemangel ist aber weiter integriert?“ „Aber sicher, an dem Konzept haben wir zu langer gesessen, um es jetzt plötzlich nicht mehr zu verwenden.“ „Man könnte die ganzen Arbeitslosen im Bereich Mangelberufe aus der Statistik streichen.“ „Genial! Dann haben wir auf einen Schlag unheimlich viele Arbeitslose weg!“ „Und es gibt endlich einen statistischen Beweis für den Fachkräftemangel. Noch einen?“ „Immer her damit!“

„Sagen Sie mal, haben Sie hier irgendwo die – ich rieche hier doch irgendwas? Hauchen Sie mich mal an!“ „Möchten Sie auch so ein Pfefferminz?“ „Also irgendwas ist hier.“ „Ist er weg?“ „Moment noch.“ „Also ich könnte noch einen vertragen.“ „Gehen wir doch mal an die Rentner.“ „Die sind doch gar nicht arbeitslos.“ „Nicht? So kann man sich täuschen.“ „Doch, hier: immer mehr Rentner arbeiten.“

„Und wenn wir jetzt die Behindertenwerkstätten auch noch mit einrechnen?“ „Moment mal, für die sind wir aber gar nicht zuständig.“ „Würde ich auch so sehen. Ist das bisher jemandem aufgefallen?“ „Nö.“ „Dann sind wir ab jetzt für die zuständig.“ „Und die werden von uns nicht mehr als arbeitslos eingestuft?“ „Das waren die nie, deshalb sind – waren wir für die ja auch nicht zuständig.“ „Und jetzt sind wir das?“ „Auf jeden Fall sind das ab jetzt wir.“ „Aber die sind doch offiziell erwerbsunfähig.“ „Deshalb sind wir für sie als Erwerbslose ja auch zuständig.“ „Und was zahlen wir denen?“ „Ja gar nichts. Die haben ja schließlich Arbeit, und deshalb zählen wir sie ab sofort auch mit zu den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.“ „Und was haben wir davon?“ „Gucken Sie sich mal die Statistik an.“ „Oha! Noch einen?“ „Her damit!“

„Dann könnten wir Jugendhilfeeinrichtungen auch mit einrechnen?“ „Wird da gearbeitet?“ „Klar, das erhöht die Quote.“ „Dann gelten die als arbeitende Bevölkerung.“ „Strafgefangene?“ „Arbeiten.“ „Nebenerwerbslandwirte?“ „Klar, die arbeiten.“ „Bundesbeamte?“ „Arbeitende… nee, das geht doch nicht.“ „Egal, bissel Schwund ist ja immer.“ „Noch einen?“ „Klar:“ „Der geht aber ganz schön in die Birne.“ „Klar, aber unser Fachgebiet ist ja auch Voll-Beschäftigung, hähä!“ „Hähähä!“

„Wir haben da noch die Bumstis.“ „Die was!?“ „Na diese Zivis.“ „Also die Bufdis?“ „Sag ich doch.“ „Aber die kriegen doch auch nur ein Taschengeld.“ „Richtig so, das ist doch schließlich eine freiwillige Leistung. Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder fürs Arbeiten immer gleich Geld haben wollte?“ „Aber wenn es doch nur ein Freiwilligendienst ist, dann sind die doch gar nicht sozialversicherungspflichtig angestellt.“ „Die wollen immer nur Geld haben – ekelhaft! Am Ende reicht denen der Mindestlohn nicht mehr aus, und das als Freiwillige! Abstoßend!“ „Hallo?“ „Ich finde das einfach zum – was?“ „Das ist der Bundesfreiwilligendienst, da gibt es keine Sozialversicherungspflicht.“ „Natürlich nicht, das wäre ja wohl auch noch schöner!“ „Aber die kann man doch nicht als sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer rechnen, wenn sie es gar nicht sind!“ „Arbeiten die?“ „So würde ich es nicht nennen, die sind doch eher…“ „Das ist eine volkswirtschaftlich äußerst wichtige Arbeit, also: arbeitend.“ „Moment, dann könnten wir doch auch gleich die Ein-Euro-Jobber in die…“ „Meine Güte, wie konnte ich die bloß vergessen!? Das hätte ja was werden können, das hätte ja was werden können! Neue Flasche?“ „Meinetwegen.“

„Dann bleibt uns – hupp! – nur noch eine Gruppe.“ „Aber die Rentner waren…“ „Nee, die Arbeitslosen.“ „Die sind dann aber nicht sozial, und beschäftigt, also pflichtbeschäftigt – meine Herrn, der haut jetzt vielleicht rein!“ „Die sind nicht beschäftigt, aber Pflicht ist, und wir sind auch nicht sozial.“ „Aber die tun die ganze Zeit irgendwas.“ „Notfalls schwarz.“ „Kann man das Gegenteil beweisen?“ „Ist das unsere Aufgabe? Kann man nicht einfach mal Vertrauen haben in dieser Gesellschaft?“ „Genau! Und darauf nehm ich noch einen.“ „Mir auch noch’n, ’n Doppelten aber, ich nehm auch noch’n.“ „Dann nehm ich auch noch’n.“ „Und die Arbeitslosen?“ „Gibt doch jetzt keine mehr.“ „Haben wir endlich Vollbeschäftigung.“ „Können wir mal, mal sehen, was diese Regierung, was die alle einfällt.“ „Donnerwetter. Da sollten wir jetzt aber auf jeden – “ „Da trink ich auch noch ein drauf.“ „Aber hallo!“ „So, fertig. Dann können wir morgen weitermachen.“ „Nee, nur gleich! Wir sind doch gerade so schön in Schwung, was?“ „Reicht der noch?“ „Im Kühlschrank ist noch ’ne Pulle.“ „Und wenn der Chef kommt?“ „Da sind noch Pfefferminz im Schreibtisch, oder?“ „Und was machen wir jetzt?“ „Ausrechnen, dass zu viel Ausländer in Deutschland sind.“





Literatur und Sozialpädagogik. Ein Vorschlag

7 09 2014

Man muss statt Prügeln nicht gleich Rosen schwingen,
statt Karzer keinen Schulausflug versprechen.
Die Mehrzahl der jugendlichen Verbrechen
entstehen fern doch von den Geistesdingen.

Man lese beispielsweise Stifters Schriften
zehn Stunden täglich, darin unerbittlich.
Vor allem wirkt derlei Lektüre sittlich
und ist geeignet, Hirne zu entgiften.

Man lese, wie ein reines Nichts geschildert
und wortreich biedermeierlich betrachtet.
So fühlt der Leser sich zwar sanft umnachtet,
doch keinesfalls am Ende auch verwildert.

Zehn Stunden Stifter. Brav sind alle Schafe,
wie sie sich durchs Romanwerk beißend quälen,
um dann den dumpfen Muff nachzuerzählen.
Das ist dabei die allergrößte Strafe.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCVIII)

6 09 2014

Es joggt Jeremiah in Clark
voll Wut. Was ihn trifft bis ins Mark,
sind Runde um Runde
die kläffenden Hunde.
Im Wald, wohlgemerkt, nicht im Park.

Es Jewgeni jobbte Jewgeni in Skwyra
schon zwei Wochen als Fremdenführer,
was kein End mit Glück nahm,
weil keiner zurückkam –
er war eher Fremdenverlierer.

Es malte sich Rohan in Trent,
weil er seine Nummer nicht kennt,
sie auf seine Hände.
Er merkte behende,
der Stift hält. Und zwar permanent.

Jean sperrte in Abengourou
schon morgens die Bäckerei zu.
Da er nachts nicht backte
und früh nichts verpackte,
war’s logisch – er ging dann zur Ruh.

Man sah Amy laufen in Dante.
Bisher fand man sie intelligent wie
die meisten. Bei Regen
sich nackt zu bewegen
war eins, aber sonst: warum rennt die?

Wenn Raschid in Umm al-Qaiwain
zum Mahl lud, dann schenkte er ein.
Man sah ihn bei diesen
meist Schnäpse genießen,
er trank (streng nach Vorschrift) nie Wein.

Just hatte sich Ernest in Egan
gedacht, das Parkett mal zu pflegen.
Doch macht dies dem Rücken
viel Schmerz auch beim Bücken.
Jetzt lässt er sich gleich neues legen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLVI): Geschlechterstereotype

5 09 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was hatte die Evolution doch für putzige Einfälle. Die Amöbe, die in jedem Schmodder siedelt, Kontinent nach Kontinent erobert und bis in die Tiefen der belebten Sphäre Verbreitung findet, sie vermehrt sich nach Bedarf. Einer der Klumpen, der scheint’s genug für zwei zum Fraß findet, tailliert sich bis zum Anschlag und teilt sich, um als doppeltes Klöpschen weiter zu schwappen durch seine kleine, ungenügend gefeudelte Welt. So kennt sie weder Sterblichkeit noch Individualität, kein Amöbenmännchen wäscht am Samstag im Unterhemd seinen Kieselstein, kein Amöbenweibchen hat kurz vor der Zellteilung noch mal Retikulumschmerzen, und sollte irgendeine Familienfeier anstehen, kann das gemeine Plasma sich gepflegt in die Gegend verschwiemeln, weil eines wie die anderen ausschaut und seine Abwesenheit von niemandem bemerkt würde. Womit auch, die Dinger hören nichts und sind visuell eher im Nachtschatten der Intelligenz zu Hause. Wie gut, dass sie ihren Nachwuchs nicht in die Amöbentagesstätte bringen müssen. Da ginge der ganze Murks ja schon los.

Der Hominide hat’s nicht ganz so gut getroffen, er muss sich schon bei der Geburt für Rosa oder Blau entscheiden, genauer: Hellblau, noch genauer: Hellblau oder Pink. Liebevolle Apartheid umgibt den Säugling von der ersten Sekunde seines zum ästhetischen Scheitern verurteilten Daseins. Wer als Eltern Strampler in Gelb, Weiß oder Mint wählt, outet sich als anarchokommunistisch, mindestens aber sind solche Erziehungsberechtigten gefährliche Querulanten, die das unschuldige Balg vermutlich zum Massenmörder heranzüchten – Weiß, das ist im Kinderalter schnell mal braun, und wir wissen ja alle, wer auch gerne Braun getragen hat.

Die Schwachsinnsbulimie beginnt erst mit den Klamotten, wo sie sich bis zum Vorschulalter in den Flausch veritablen Hirnschimmels vorarbeitet, rosa Rüschenblüschen vs. krass karierte Cowboyklamotten, als würde Kollege Fasching ganzjährig durch die Kleiderständer jodeln. Die Typenentwürfe Prinzesschen und Macker, ansatzweise magersüchtig bzw. testosterongesteuert in der Kopfnote, sind der komplette Horizont der Gender-Marketing-Strategie, der nachwachsenden Generation mit Schmackes in die Rübe geblasen, damit keiner mehr – womit auch – denkt.

Sollte diese Großraumverstörung nicht reichen, sie setzt sich ja im lustigen Spielwaren-Quiz ‚Puppe oder Feuerwehrauto‘ fort. Natürlich spielen drei Jahre alte Buben, wie die Küchenpsychologie gerne voneinander abpinnt, nicht mehr gerne mit Puppen; bis dahin haben Kita und Konsum den Knaben auch schon derart versaut, dass er sich gar nicht mehr traut, den Fußball gegen sexistische Plastebömmel im 90-60-90-Design zu tauschen. Ist das Muster einmal internalisiert, kann man jeden kognitiv naturbelassenen Dreck nachschieben. Der Sortimenter um die Ecke liefert mit Vergnügen Jungs- und Mädelsbücher, in denen Astronauten und Elfen als Brechreizbeschleuniger an der Schraube drehen, die Film, Funk und Fernsehen in trauter Eintracht weiter ins Vergnügen bohren.

Sicher, Marktlücken wollen gefunden sein, doch warum ausgerechnet mit Mädchenbier und lila Chips, Schokoladeneiern mit chromosomalem Target, Haushaltspapier fürs saugende Muttchen – wann endlich quarrt die Werbung von der allein erziehenden Vorstandsvorsitzenden, die ihre beiden Töchter unbedingt in einem PS-starken SUV zum Rugby karrt? Wahrscheinlich tränkt auch sie heimlich ihre Putzis mit Beuteltee in Geschmacksrichtung Feenausdünstung, weil die Sorte mit den Monstern latent unterprivilegiert aussieht. Immerhin riecht das Zeug nicht nach getoasteten Veilchen.

Dass der Boden unter den zur Tradition verkalkenden Klassen noch glitschig ist, zeigt ein einziger Blick zum Beginn des letzten Jahrhunderts. Die industriell in den Frontallappen genagelte Rot-Blau-Schablone war durchaus schon vorhanden, funktionierte aber genau anders herum. Lichtes Blau galt als emotional ausgleichend, sanft und ruhig, mithin die beste Wahl für angehende Frauen, während Babymännchen Rosa kriegten, einen belebend, kräftigend wirkenden Ton, der zur aktiven Teilnahme an der Welt anreizt. Bestimmt hat die Verdübelung des westlichen Intellekts – Afrika hat sich nachweislich noch nicht dem Frotteediktat angeschlossen, aber vielleicht zoffen sich da auch nur Grün und Orange – hier genug zur Zerrüttung der Menschheit gelernt, wie sie von einer Katastrophe zur nächsten torkelt, vom Girls’ Day bis zur überwundenen Flachkräftemangel in den Werbemühlen dieser Republik. In ihren dumpfen Träumen mutieren sie alle zu Amöben, frei von jeglicher Verantwortung, die Realität mit allen Scheinfüßchen wegstoßend und immer auf der Suche nach Unsterblichkeit, falls es doch noch schiefgeht. Und jede Wette, sie tragen Braun.





Olympisches Dorf

4 09 2014

„Haben Sie denn wenigstens einen Flughafen?“ „Jungchen, wollen wir witzig werden? Hat denn Berlin einen?“ „Aber wenn Sie keinen…“ „Und wenn Sie denken, bis dahin haben die das Ding auf die Reihe gekriegt: das können wir ja schon lange.“ „Aber liebe gnädige Frau, das ist…“ „Und falls Sie fragen, wir haben keine philharmonische Ruine in der Landschaft stehen. Gar nicht nötig.“ „Gut, aber ich kann das trotzdem so nicht aufnehmen.“ „Ah, verstehe. Oberhalb Ihrer Kompetenzstufe.“ „Bitte verstehen Sie mich doch – Olympische Spiele! Was sollen wir denn dem Komitee sagen? Soltau?“

„Also bis jetzt war das ja alles mau. Argumente sind Ihnen wohl ausgegangen?“ „Verstehen Sie mich doch – um die Olympischen Spiele auszurichten bedarf es großer infrastruktureller…“ „Kennen wir, sagt mein Mann ja auf der Sitzung auch immer. Am Ende wird’s dann immer etwas ungemütlich, weil ein paar Bauunternehmer das mit der Umsatzsteuer nicht genau genommen haben.“ „Aber das hier sind große Anstrengungen, und ich will Ihrem niedersächsischen Städtchen ja nun nicht zu nahe treten, aber…“ „Halt mal die Luft an, Du Kekstüte! Das Geraffel, das die in Berlin seit zehn Jahren nicht auf die Reihe gekriegt haben, das ziehen wir in sechs Monaten hoch! Hier kennt jeder den anderen, hier wird nicht versehentlich einer zum Bauleiter, der gar keine Ausbildung hat!“ „Gut und schön, aber alleine der Flächenbedarf ist doch schon…“ „Deshalb nehmen Sie lieber zugebaute Stadtstaaten, oder? Wenn wir erst mal anfangen, dann wackelt die Heide, Kumpello!“ „Aber Sie haben doch gar nicht…“ „Ach, haben wir nicht? Tetendorf, Oeningen, Leitzingen, Molde, da passt überall noch eine Schwimmhalle oder ein Reitplatz rein.“ „Das mag ja alles sein, nur bedenken Sie, die Wege für die Sportler müssen doch…“ „Die sollen mal fixing bisschen Trimmtrab zwischendurch machen, oder brauchen die für die paar hundert Meter auch noch eigene Buslinien? Sind das Sportler oder sind das Mäuschen, hä!?“

„Liebe, verehrte Frau, ich will Ihr Engagement gar nicht gering schätzen, nur ist…“ „Spar das Geschmuse, Jungchen. Der Verein hat seine Schmiergelder schon ausgegeben.“ „Ach wo! Es ist nur, wir müssen nur um das Wohl der Athleten besorgt sein, und ich glaube kaum, dass Ihre örtlichen Betriebe…“ „Jetzt halt mal die Luft an, Du Schnösel! Die paar Buletten, die kriegt unser Schlachter um die Ecke locker hin. Auf Wunsch auch ohne Fleisch.“ „Mag ja sein, aber unsere…“ „Eure internationalen Werbepartner wollen ihren eigenen Sägemehlpapp verkaufen? Dann frage ich mich, wozu wir überhaupt die Verpflegung alleine aufziehen müssen?“ „Aber wir müssen doch die Auflagen der internationalen…“ „Ihr müsst, wir nicht. Ihr wollt was von uns, klar?“

„Trotzdem glaube ich nicht, dass wir das hinkriegen.“ „Müssen Sie auch gar nicht. Wir schaffen das schon ganz gut alleine.“ „Also nichts gegen Soltau, aber Sie haben doch überhaupt keine Erfahrung mit solchen Veranstaltungen.“ „Und die Winterspiele in einem Seebadeort, das war natürlich eine Routinesache, was?“ „Nein, aber…“ „Das hat auch nur deshalb so gut geklappt, weil alle so geflasht waren, etwas technisch total Neues auf die Beine zu stellen, wie?“ „Nein, Sie müssen nicht denken, dass wir jetzt eine generelle Ablehnung gegenüber kleineren Städten haben, aber vielleicht sind die personellen Ressourcen ganz einfach…“ „Was ist das denn wieder für ein Dummfug? Jungchen, ist da einer zu Hause? Wissen wir eigentlich, wie groß London ist? dann können wir uns die Zimmermädchen und die Parkplatzwächter rein theoretisch aus Hamburg und Hannover reinholen. Kann es sein, dass wir ganz einfach nur jede Menge Probleme machen wollen, damit wir selbst nicht arbeiten müssen? kann das sein!?“

„Sie müssen doch aber zugeben, es braucht auch in den Metropolen natürlich viele Neubauten, und der Platzbedarf muss ökologisch…“ „Was wollt Ihr Dumpfbacken denn nun eigentlich? Ökobau oder Wirtschaftsaufschwung? Oder beides? Entscheidet Euch gefälligst mal für eine Marschrichtung, wir kriegen das sowieso hin – aber nur, wenn Ihr uns nicht mit Eurem Gejammer den letzten Nerv raubt.“ „Ich wollte ja bloß…“ „Jaja, und dann war wieder keiner schuld. Typisch Funktionär.“

„Natürlich muss dann auch ein Konzept vorliegen, wie die Bauten nach den Spielen genutzt werden.“ „Was stellen Sie sich denn so vor? das Leichtathletikstadion für Kunstflug und die Schwimmhalle zum Turnen?“ „Nein, ich dachte eher ans Olympische Dorf.“ „Da haben Sie recht, preiswerten Wohnraum kann man sich heutzutage ja gar nicht mehr leisten. Da muss Ihren Sponsoren natürlich sofort was einfallen.“ „Jetzt seien Sie doch nicht gleich so empfindlich!“ „Wer ist denn hier empfindlich? Vorgestern wollen Sie noch, dass jeder Kandidat so ein Stadion hat wie in Berlin, und gestern meinen Sie, das Ding muss eh neu gebaut werden. Was denn jetzt? Pommes und einen unterirdischen Bahnhof dazu?“

„Okay, Sie haben gewonnen.“ „Na, wer sagt’s denn? warum nicht gleich so?“ „Das ist die Liste mit den erforderlichen Unterlagen, und hier ist unsere Anschrift für eventuelle Rückfragen.“ „Schönen Dank auch. Ach, wo wir hier gerade so nett am Plaudern sind, diese Fußball-WM da in Katar – da geht doch noch was, oder?“





Braunkohle

3 09 2014

„… dass das Verbotsverfahren gegen die NPD ausgesetzt werde. Bei den Wahlen zum Sächsischen Landtag habe die rechtsradikale Partei gezeigt, dass sie nicht mehr die Relevanz für eine…“

„… habe der ehemalige Parteichef Apfel erklärt, in seiner Gaststätte höchstens zwei Teilzeitstellen für Saisonkräfte zu…“

„… die Mittel für einen Verbotsantrag bereits verplant worden seien. Die CDU habe stattdessen vorgeschlagen, die Gelder für ein Verbot der Linken zu…“

„… habe die sächsische CDU das Ausscheiden der NPD aus der Landespolitik ebenfalls bedauert. Dies sei ein weiterer Verlust für die Demokratie in Ostdeutschland, da so die Wahlbeteiligung beim nächsten Urnengang nochmals geringer als im…“

„… würden die Extremisten auf eine Neuauszählung der Stimmen bestehen. Bis zur Abschaffung des Rechtsstaates durch sie selbst seien sie sicher, dass dessen Wahlrecht auch für sie eine grundsätzliche…“

„… auch nicht als Helfer im Druckgewerbe qualifiziert seien. Außerdem werde dies in Polen sowohl preiswerter als auch wesentlich besser…“

„… die Personalsituation sehr schwierig werde. Pastörs habe zwar sämtlichen Gerüchten energisch widersprochen, die Partei sei derzeit führerlos, könne aber auch keine eindeutige…“

„… dass der Spitzenkandidat Holger Szymanski versucht habe, sich die Marke BRD GmbH schützen zu lassen, um für die künftigen Kommentare im Weltnetz jeweils kostenpflichtige Abmahnungen…“

„… den Verbleib der Braunen in der Landespolitik gefordert habe. So wolle die Union die Alternative für Deutschland nicht als Nachfolger der NPD akzeptieren, da ihr von den bisherigen Nazis sowohl eine bessere Abgrenzung als auch…“

„… ohne die Einnahmen aus der sächsischen Landtagsfraktion quasi mittellos…“

„… gegen die unionsinterne Kritik verteidigt. Auch in der CDU, so Strobl, werde stets nach Tagesform entschieden, ob man das Grundgesetz gezielt bekämpfe oder nur aus Gefälligkeit für Lobbyisten mit nachlässigen…“

„… dass auch Mitglieder gewaltbereiter Motorrad-Gangs sich für Vorstandsposten innerhalb der Partei eignen könnten. Der Bundesvorstand begrüße dies außerordentlich, da sich damit völlig neue Finanzierungsmodelle für den…“

„… sofort abschlägig beschieden habe. Die AfD sei allerdings gegen eine Zusammenlegung der Landesverbände gewesen, da sie bei dieser Fusion auch die Schulden ihrer politischen Partner hätte übernehmen müssen, was beim jetzigen Stand der Goldeuro-Verkaufsaktion noch nicht ganz…“

„… beobachtet worden sei, dass die braunen Abgeordneten nicht nur ihre Möbel, sondern auch Steckdosen und Türklinken…“

„… einen Teil der offenen Finanzen dadurch zu klären bereit sei, indem hauptberufliche Kräfte ein bedingungsloses Grundeinkommen vom BND…“

„… habe Fraktionssprecher Thomsen gegenüber der Presse von Unregelmäßigkeiten berichtet. Nicht alle Parteimitglieder hätten wie verabredet vor den Wahllokalen einen Fünf-Euro-Schein für jede abgegebene Stimme an die…“

„… seien die Tagebücher von Goebbels aufgetaucht, die Szymanski dem stern gegen eine Summe von…“

„… dass die Partei rechtmäßig Gelder aus öffentlicher Hand erhalten müsse, da auch in anderen Bundesländern einer Förderung der Braunkohle…“

„… vermisse die Landtagsverwaltung aus den Räumlichkeiten der Nationaldemokraten auch ein Klappfenster sowie mehrere…“

„… schlage die NPD vor, ihren Verbleib im Landtag mit Hilfe eines Volksentscheides zu…“

„… ob auf Landesebene eine Kooperation mit den Freidemokraten denkbar sei. Die NPD wolle sich nicht politisch mit ihnen verbünden, hoffe aber, sich mehrere Parteispender als Leihgabe…“

„… dass ungefähr 10.000 rechte Wähler diesmal zu Hause geblieben seien. Szymanski habe dies auf die Wetterlage geschoben, die eindeutig Teil einer jüdisch-kommunistischen Klimaverschwörung…“

„… mit einem sogenannten ‚Schrott-Kaufhaus‘ bekannt geworden sei. Die NPD eigne sich allerdings nicht, um als eigenes Produkt auf der Resterampe einen…“

„… eine politische Umorientierung kein Tabu sein dürfe. Nach dem parlamentarischen Ende der FDP gebe es nun niemanden mehr, der sich als hauptberuflicher Mehrheitsbeschaffer für die CDU betätigen wolle. Dies, so Voigt, sei eine Marktlücke, die auch von der AfD nicht bundesweit…“

„… sich de Maizière mit den Rechten solidarisiert habe. Ohne diese tragenden Kräfte des Nationalismus, so der Bundesinnenminister, müsse man einen starken Abbau von Arbeitsplätzen fürchten, was bereits jetzt beim Verfassungsschutz und den…“

„… könne sich Szymanski auch vorstellen, rückwirkend gegen die Fünf-Prozent-Hürde Klage einzureichen. Seine Partei sei generell rückwärts gewandt, daher sei dies ein legitimes…“





Return on Investment

2 09 2014

„Was würden Sie denn investieren? So wenig? Sie dürfen nicht vergessen, wir waren eine supertolle Regierungspartei in einer der großartigsten – nein, das verwechseln Sie jetzt. Die FDP ist gerade am Arsch. Wir sind die neue Partei. Uns können Sie dafür gar nicht verantwortlich machen.

Ja, wir sind schon irgendwie liberal, aber das ist doch jetzt kein Diskussionspunkt für Sie, oder? In dieser Parteienlandschaft liberal zu sein ist immer auch ein irgendwie geartetes Irgendwie. Uns ist das sowieso egal, aber das ist doch nicht der Punkt. Wir wollen uns von der ramponierten Marke lossagen. Das hier ist ein parteipolitischer Relaunch des deutschen Liberalismus. Nur halt ohne Partei. Und das mit der Politik machen wir auch irgendwann später, okay?

Klar, das ist schon eine Schlagzeile wert, aber da stimmt auch wieder nur die Hälfte. Da steht, dass die alten Kräfte jetzt eine linksliberale Partei gründen wollen. Also zunächst mal ist das nicht links, das macht ja momentan schon die Kanzlerin. Und da sie auch manchmal sozial und ab und zu demokratisch ist, brauchen wir das Terrain nicht auch noch zu besetzen. Von Partei ist auch nicht die Rede, zumindest nicht bis zur Gründung. Sie haben das doch für diese AfD auch so gemacht: bis zum Parteitag war das eine Interessengemeinschaft für die Wirtschaft, oder? Dann können wir das doch so auch handhaben. Ist Ihnen sicher auch lieber.

Zunächst mal ist das ja eine Frage der Finanzen. Und da dachten wir natürlich an Sie, weil Sie als Wirtschaftsmacht in Deutschland schon vor langer Zeit – ach so, ja. Vor langer Zeit. Dann kam also Westerwelle. Na, das ist Ihre persönliche Meinung. Uns würde das von einer Spende für den Aufschwung des deutschen Freiheitsgedankens nicht abhalten, wollte ich Ihnen nur mal gesagt haben. So als Bundesbürger zu Bundesbürger. Auch wenn Sie das momentan gar nicht interessiert.

Sie zeichnen jetzt eine Spende für unser neues Projekt – das machen unsere Steuerberater, die kriegen das schon hin, die haben schon den ganzen Laden von Lambsdorff geregelt – und dann haben wir bis zur nächsten Bundestagswahl eine neue politische Kraft, die sich für die Belange der liberalen Bundesbürger, oder was wir dann, oder vielleicht haben Sie auch etwas beizusteuern? Da sind wir recht offen, das ist alles eine Frage der Kosten. Also des Preises. Beziehungsweise – ich mache Ihnen ein Angebot, Sie zeichnen jetzt eine Option auf ein Gesetz in einem Bereich Ihrer Wahl, Kündigungsschutz, Banken, Versicherungen, und dann werden wir Sie sofort nach der Wahl – Energie? Tut mir Leid, da müssen Sie sich direkt an die SPD wenden, die sind inzwischen näher dran als die Kanzlerin. Wenn Sie nicht zufällig selbst Aufsichtsratsvorsitzender sein sollten, haben Sie gegen Gabriel so gut wie keine Chance mehr.

Weil Deutschland eine neue liberale Partei – auf jeden Fall fehlt hier eine Antwort auf das, was wir als nicht liberal verstehen. Dies Land muss wieder neue Impulse für ein vernünftiges, mitfühlendes Wirtschaftswachstum haben. Sehen Sie Lindners Frisur? Das wollen wir für Deutschland!

Wir wissen doch nicht, wer sich da engagieren will. Angefragt haben wir bei den Fachkräften. Niebel, Rösler, Döring. Die Personaldecke war noch nie berauschend bei uns, aber das ist nun mal ein Fehler der anderen liberalen Partei. Dafür können Sie uns nicht verantwortlich machen.

Also hören Sie mal, Freiheit heißt doch heute, Selbstbestimmung und Kontrolle über die eigenen unmittelbaren Lebensbedingungen zu behalten! Diese ganze absolutistische Bürokratie, diese international agierenden Monopole – wenn die Amerikaner einen ausspionieren, dann möchte ich doch vorher Endbenutzerlizenzvereinbarung lesen, das mache ich doch bei meinen Updates auch! Wir sind doch moderne Menschen, an denen kann man doch nicht so einfach vorbeiregieren, oder?

Deshalb dachten wir uns das auch als Aktiengesellschaft, damit Sie genau so viel kaufen, wie Sie später an Investitionsvolumen rauskriegen wollen. Return on Investment, man kann ja die Marktgesetze nicht einfach außer Kraft setzen, nur weil man linksliberal statt freidemokratisch ist. Gut, von allen demokratischen Anflügen frei sind wir jetzt immer noch, aber das können wir später dann ins Parteiprogramm schreiben.

Sehen Sie das mal so gesamtdemokratisch, oder irgendwie so. Bisher waren es drei Prozent, und da die Summe immer mehr ist als die einzelnen Teile, sind unsere Chancen ungleich höher. Das muss Ihnen doch einleuchten. An der Börse geht’s ja ähnlich logisch zu. Wir sind dann zur nächsten Bundestagswahl 2107 personell und inhaltlich so aufgestellt, dass wir genau die Interessen der bisher nicht berücksichtigten liberalen Unternehmen, die durch irgendwie liberale Bürger, oder wollen Sie das nicht? Stellen Sie sich doch nicht so an, bisher haben wir das doch auch hingekriegt. Sie als Unternehmer brauchen halt Wähler, die uns legitimieren. Das hat doch schon einmal geklappt, und dann haben wir ja auch nicht gemacht, was wir vorhaben wollten, also wo ist das Problem? Nein, Sie müssen sich da nicht festlegen. Machen wir ja auch nie.

Okay, mein letztes Angebot. Sie kaufen dann prozentweise. Sie würden nach unserem Wahlsieg anteilig für die Abgeordneten im Bundestag eine jeweilige –

Drei Prozent!? Ach leck mich doch!“





Dingsheim an der Bumse

1 09 2014

Hülsenbeck war die Sache sichtlich unangenehm. Anne war es ebenso unangenehm, dass die Sache für Hülsenbeck unangenehm war. Ich legte meinen Mantel zusammen und gab ihn an der Garderobe ab. Die besten Voraussetzungen, um einen wirklich angenehmen Abend zu verbringen.

„Ich weiß auch nicht, woran es liegt.“ Anne war wie immer die Ruhe selbst, während sie sich die Knöpfe an ihrem schwarzen Jäckchen abdrehte. „Diese schlechten Manieren, dieses unleidliche Gesicht, ich weiß nicht, warum er überhaupt mitgekommen ist.“ Ich warf einen kurzen Blick auf den Sitz meiner Krawatte. „Weil es ihn nichts kostet. Und seien wir mal ehrlich, es ist doch gut, wenn er seinen Charakter gar nicht erst zu verbergen sucht.“ Max Hülsenbeck, seiner eigenen Einschätzung nach einer der besten Staatsanwälte im weiten Umkreis – man hatte ihn sicher seit Jahren nicht befördert, um so eine begnadete Fachkraft nicht zu verlieren – wirkte etwas nervös. „Schön, dass Sie meine Einladung angenommen haben.“ Er biss sich auf die Lippe. „Das heißt, Sie sind ja nur die Begleitung meiner Begleiterin. Also benehmen Sie sich entsprechend.“

Vor zwei Wochen hatte Anne euphorisch verkündet, sie und Max würden in eine hübsche Maisonettewohnung am Mühlbachgrund ziehen; zwei Tage später ließ sie auf seine Kosten den Kurierdienst ein Paar Socken zu ihm transportieren mit der rechtsverbindlichen Auskunft, sie nie wieder zu behelligen. Inzwischen ist ein längerer Winterurlaub in den Seealpen geplant. Mit etwas Glück lebt einer von ihnen dann noch, und ich würde nicht auf Hülsenbeck tippen. Dieser jedoch witterte angesichts der Verlobung der Tochter von Staatsanwalt a. D. Husenkirchen seine Chance, vielmehr: er überzeugte Anne davon, dass er überhaupt eine haben würde. Durch einen kleinen Lapsus war Anne einerseits als meine Begleitung, andererseits als Freundin des Hauses doppelt eingeladen. Als über den Dienst hinaus korrekter Jurist, der Husenkirchen nun mal ist, stand eine Wiederaufnahme des Einladungsverfahrens nicht zur Debatte; Hildegard hatte keine Zeit, Anne wollte die Einladung nicht verfallen lassen, so ließ sie sich überreden, Max mitzunehmen. „Er muss nur ein paar Leute treffen“, sagte sie beschwichtigend. „Möglicherweise hilft das seiner Karriere auf die Sprünge.“ Ich war nicht dagegen. Es würde ihm nicht helfen, konnte aber auch nicht schaden. Zumindest nicht, dass ein paar Leute ihn träfen, die bisher nur von ihm gehört hatten.

Die Runde der illustren Strafrechtler stieß gerade auf das Wohl des jungen Paares an. Husenkirchen begrüßte Anne korrekt, während Hülsenbeck bei der Tochter schon zum Handkuss ansetzte. „Blamier mich nicht“, zischte Anne. Er sah sich irritiert um. „Vermutlich wird er sich erst den Schwiegersohn vornehmen“, witzelte ich. Anne betrachtete konzentriert das Parkett.

Die Stimmung wollte nicht recht steigen. Max drängelte sich hinter mich und bat eine Spur zu laut, dem Gerichtspräsidenten vorgestellt zu werden. Ich drehte mich langsam um. „Warten Sie, bis Sie an der Reihe sind.“ Gesellschaftliche Konventionen schienen nicht sein Terrain zu sein. Landrichter Uthgenannt, der dem Standardscherz über seien Familiennamen eine neue Variation hinzufügte, bemerkte es mit einem Anflug von Missbilligung, hatte aber wohl gleichzeitig Mitleid. Er reichte Max ein Glas, das dieser bereitwillig ansetzte.

Uthgenannt brach schließlich das Eis. „Sagen Sie“, soufflierte er, „Sie sind doch ein weit gereister Mann, auch was die Weine angeht – gibt es in Ihrer Nähe nicht dieses kleine Fischlokal, wo man von der Terrasse in den Burggraben hinunterblickt?“ „Sie meinen Bad Salzschlürf“, unterbrach ihn ein vorlauter Assessor. Ehe ich eingreifen konnte, straffte sich Hülsenbecks Brust. „Richtig“, nickte er, „an Bad Salzschlürf habe ich nämlich die besten Erinnerungen, Sie müssen wissen, dass mein Vater in der Gegend geboren wurde.“ „Ich wusste gar nicht“, erstaunte sich Husenkirchen, doch Max war bereits in voller Fahrt. „Wir stammen ja in zehn Generationen aus dem Rheinland, nur meine Eltern sind in den Norden gezogen.“ Er blickte mich mit gekünstelter Kameraderie an. „So haben wir uns ja auch kennen gelernt.“ Ich nickte. „Ein Seminar in Bad Mahlentee.“ Uthnenannt suchte etwas in seinem Kopf, ich wusste ungefähr, was es sein könnte. „Eine famose Gegend zum Segelfliegen, und Golf spielen kann man da auch ganz passabel.“

Anne war im Gespräch mit Husenkirchens Tochter. Sie zeigte auf etwas in der Nähe von Max’ Hinterkopf. Sicher kniff sie nur aus Zerstreutheit ein Auge zu.

„Dann ist da diese spätgotische Kleinbasilika“, überlegte ich, „wie hieß die noch?“ Max schaute angestrengt. „Die Sankt-Dingens-Kirche, wenn ich mich nicht täusche?“ „Bestimmt“, plapperte er, „ein sehr imposanter Bau, mindestens aus dem 15. Jahrhundert.“ Uthgenannt und der Assessor knirschten hörbar mit den Zähnen. „Ein wundervolles Licht, wenn ich mich recht erinnere. Sie waren auch mehrmals da?“ Hülsenbeck war mehrmals da gewesen. „Es war im Sommer, als die vergoldete Mutter Gottes ausgestellt wurde, eine Stiftung der hiesigen Schraubenmanufaktur.“ „Wundervoll“, bestätigte er. „Einzigartig!“

„Wo ist übrigens Max“, fragte Anne, während sie der Gattin des Assessors unter dem Siegel der Verschwiegenheit verriet, dass Husenkirchens künftiger Schwiegersohn entsetzlich schnarchte. „Er wird doch nicht schon gegangen sein?“ Ich reichte ihr ein Glas Champagner. Anne war aber auch furchtbar nervös. „Hat er mich blamiert?“ „Dich?“ Ich lächelte. „Nicht, dass ich wüsste.“