Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXIV): Krisenkulte

31 10 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

So war es wohl mit Uga, und Rrt war auch dabei. Das Korn wuchs nicht, der Fisch schwamm zwar noch, aber größtenteils mit dem Bauch nach oben, und das Wetter war beschissen. Hr-t’i, die kleine Dicke mit der Warze, hatte ihren Job als Sonnenpriesterin gründlich verfehlt; die hastig ausgedachte Dämonologie, die die Gemeinde bei der Stange halten und den Nachschub an Opfergaben sichern sollte, war für die Tonne, und die Versuche, einen rächenden Wolf für die rebellierende Meute zu instrumentalisieren – der über Jahre als Antipode eingeführte Mondwolf, der in der Abenddämmerung die Sonnenscheibe verschlingt und sie am nächsten Morgen wieder hochkotzt – blieben so erfolglos, als hätte der HSV die Meisterschaft im Moostreten gegen die anderen Dinos versucht. Nichts von Zivilisation war zu sehen, doch das hinderte die Höhlenbewohner nicht, die bewarzte Pfäffin einfach links liegen zu lassen, um sich flugs einen Götzen zu gießen, das bronzene Kalb, das blöd in die Gegend glotzte und zum Humbahumba der Devoten mit Pauken samt Schalmei genau das zu tun, was Druckgussgötter werktags zu machen pflegen: nichts. Das war auch Mist, aber spurenweise ehrlich, entlastete die Psyche der Troglodyten und führte zum durchaus zukunftsfähigen Modell einer Religion neuen Typus. Geboren ward der Krisenkult.

Wann immer der Zustand, der sich irgendwann auch gegen größere Mengen an Alkaloiden durchsetzt und grausam die Wunden berührt – im Fachhandel als Realität erhältlich – wieder die Oberhand behält, zeigt sich die Tragfähigkeit institutionalisierter Stereotype, die metaphysische und magische Vorstellungen einer Gesellschaft zu Ritual und Wille gegossen haben, vielmehr: sie zeigt sich eben nicht. Das irdische Paradies findet nicht statt, die Konfrontation mit der verdrängten Furcht beflügelt wirre Vorstellungswelten, die sich durch allerhand Öffnungen ans Tageslicht helfen. Das säkulare Verlangen, den alltäglichen Tinneff von der Backe zu kriegen, gebiert im Sekundenschlaf der Vernunft seltsame Systeme. Für eine Religion wundert das nicht, wohl aber bei einer Spannungsintervention.

Denn wo sich der Hominide ansonsten kühl und planmäßig verhielte, schaltet er nun um auf weißes Rauschen. Schmeißen die Amerikaner hübsche Sachen vom Himmel, Konserven und Klamotten, so schnitzen sich die Melanesier nach deren Abzug Klötzchen zu Kopfhörern und Dachlatten zu Flugzeugen, locken mit Motorenbrummsimulation imaginäre Flugzeuge herbei, basteln lebensgroße Landebahnen als Tempelanlage und wundern sich, dass außer Vögeln nichts aus der Stratosphäre kippt. Die nativen Amerikaner selbst locken mit Gleisen und Büffelgestampf die Ahnen herbei, die pünktlich mit dem Zehn-Uhr-Zug kommen sollen. Im amazonischen Urwald drechseln sich die Experten Ghettoblaster im Maßstab 1:1, weil sie den Geist der kapitalistischen Rasse und seine angeblich zur Transzendenz fähigen Manen darin blubbern zu hören glaubten. Der geneigte Strukturalist ahnt es leise, alles völlig verseift.

Nicht wenige Brauchtumsvereine der organisierten Hirnendablagerung schwiemeln ihr Geschäftsmodell auf subtil bis plump geschürter Panik, dass der für die kommende Kalenderwoche angekündigte Weltuntergang je nach Wetterlage eventuell doch schon drei Tage früher kommen könnte – oder auch nicht, wen interessiert’s. Sie machen aus der Not ihrer Klientel eine Sekundärtugend, meistens eine, die mit viel Barem, Gutem, Schönem zu tun hat, das man dafür anschaffen kann. Die eschatologischen Kulte sprechen jeder Logik Hohn, vor allem ihrer eigenen. Wenigstens nehmen sie eine gründliche Entrückung für sich in Anspruch, Zombies auf Speed, Kurzstreckendenker wie das intellektuelle Geröll, das ihnen folgt.

Doch das Muster bleibt produktiv. Auch die jähzornige Anrufung der Ersatzgottheiten, Arbeit, Wachstum, Buchgeld, um sich gegen die letzten Reste von Wirklichkeit zu immunisieren, wie man im Dunkeln pfeift, damit dem Teufel die Ohren abfallen, auch dies ist hysterisches Gebet aus reiner Aussichtslosigkeit. Man erfindet neue Schemen und Schablonen, Symptome der Beknacktheit, wie sie das anberaumte Armageddon mit etwas Glück an den Rand definieren, um ein Quartal verzögern oder dem anderen Stamm in die Schuhe schieben, den eigentlich Schuldigen, weil die kleinere Ohren haben oder die falsche Muttersprache oder einen Kaiser oder keinen oder zwei. Nichts wirkt. Wie auch. Denn der Kult ist nur intellektuelles Glutamat und die zum Scheitern verurteilte Gewissheit, dass man durch ostentatives Geplärr Dinge wieder zum Leben erweckt – Bisonherden, Vollbeschäftigung – die längst im Stadium fortgeschrittener Verwesung sind. Zwar erst ganz zuletzt, aber: sie stirbt, die Hoffnung, und mit ihr der letzte Funke Zuversicht, dieser Scheiße heil zu entrinnen. Die kleine Dicke mit der Warze wäre heute Kanzlerin. Auch nur eine Messiasmarionette. Und der Marsch ins Verderben hätte nicht amüsanter sein können.





Social Freezing

30 10 2014

„Suuuper Idee! ganz tolle Sache, das ist mindestens an die, ach was: noch mehr ist das wert – suuuper, das versetzt den Vorstand in Ekstase, und dann das Controlling erst! Die sind ja für Abbau immer zu haben. Sonst würden sie nicht immer diese Hirnschlagopfer bei uns entsorgen.

Das ist natürlich eine geniale Sache, so eine Zeitschrift so ganz ohne verwertbare Inhalte. Das ist echt voll total Kultur und so: nichts reinstecken, aber alles rausholen. Finde ich echt suuuper, das. Und wenn wir das jetzt noch durch alle Bereiche durchdeklinieren, dann kann man das echt zum Modellfall machen. Ist doch das, das liegt ja wohl voll total auf der Hand: keine Redakteure mehr, dann hat man keine Personalkosten mehr, und dann hat man auch nie wieder Personalprobleme! Das ist so voll suuuper, das wird viel besser als erwartet!

Ach so. Gut, wir hatten das schon bedacht. Der eine da, dieser Typ aus dem, nee, nicht aus dem Controlling, der hatte einen Schulabschluss. War wohl ein Praktikant. Der meinte dann so, wenn wir alle Redakteure rauswerfen, haben wir auch keine Redaktion mehr. Haben wir natürlich als linke Hetzpropaganda von Gewerkschaftstypen abgetan. Aber irgendwie müssen wir das transparent machen. Falls die Aktionäre kritische Fragen stellen, muss man doch vorbereitet sein.

Wir haben die Lösung, aber sie ist viel einfacher als erwartet – sage ich jetzt nur, weil das der Vorstand bei solchen Sachen auch immer sagt: wir kaufen die Texte einfach. Ist doch suuuper, was? Finde ich jedenfalls. Finden wir alle. Und das wird voll der Gewinn, weil: wenn man die Texte kauft, dann bestimmt der Markt den Preis! Das doch so suuuper, das ist schon echt voll total suuuper, oder? Oder!?

Das wagen die nicht. Das würden die echt nicht wagen, auf einmal alle arbeitslos zu sein. Ich meine, soziale Verantwortung, das ist keine Einbahnstraße. Nur weil wir diese Arschlöcher alle auf die Straße setzen, werden die doch nicht plötzlich arbeitslos. Das wagen die doch nicht! Ich meine, es gibt doch für alles einen Markt – aber doch nicht für Arbeiter, oder? Die können doch nicht alle arbeitslos sein und dann plötzlich ins Callcenter gehen oder zu Schlecker. Geld ist doch nicht alles im Leben, das müssen die doch wissen!

Wir haben ja schon mal geguckt, aber wo dieser Internet-Oettinger die wieder heißmacht mit dem Urheberrecht, wir werden uns die Texte echt irgendwie besorgen müssen. Schülerpraktika? Kann man machen. Da müssten wir die Rechtsabteilung fragen. Die wird nicht gekündigt, keine Angst. Ohne die wären wir echt aufgeschmissen!

Klar, wir wollen die Vielfalt und Kreativität des modernen Lifestyles irgendwie auch widerspiegeln, und das möglichst auch in medialen Inhalten. Aber das sagt ja noch nichts über die Produktion, da sind wir im Prinzip ja erstmal ohne Vorgaben, oder? Gut, die erwartete Umsatzsteigerung sollten wir nicht unbedingt um fünfzig Prozent unterschreiten, aber das kriegen wir schon hin. Mehr als vierzig, oder sagen wir mal: fünfundvierzig werden es nicht. Vorerst.

Aber suuuper, das machen wir doch sofort! Das mit den Leserreportern ist natürlich eine suuuper Idee, das greifen wir bei uns doch sofort auf! Was die reportieren sollen? Mir doch wumpe, Hauptsache ist doch: kostenlos! Es kostet nichts, das ist der Punkt!

Vielleicht mal eine Kooperation mit so einem Rezeptblog. Beauty. Was die moderne, emanzipierte Frau heute so interessiert. Schminken, Kochen, Schuhe, Kinder. Was man ohne große Aufbereitung halt so hinkriegt, damit es schon jetzt so aussieht wie der Qualitätsjournalismus von morgen.

Aber dafür wird ja die Führungsebene unseres Magazins aufgestockt! Ist das nicht eine Nachricht? Suuuper! Wir schaffen Topjobs im Mediensektor, und damit das klar ist: es liegt nicht am Geld, denn was diese paar Tussen da in der Redaktion nicht mehr reingesteckt kriegen, das reicht doch noch lange nicht, um die Spitzenmanager zu bezahlen, die ab sofort unser Magazin ganz nach vorn in den Auflagenzahlen der – Quote? Sind Sie noch ganz frisch in der Birne!? Wir holen uns doch keine Frauen in die Chefetage, was sollen wir denn mit denen anfangen? Social Freezing? so viele Eier kann man ja gar nicht einfrieren, und am Ende kommt noch eine von den Muttis auf die Idee und adoptiert am Arbeitsvertrag vorbei so ein afrikanisches Baby! Da kriege ich doch die Krätze!

Das ist unerlässlich – wir sind schließlich eine deutsche Zeitschrift. Auf einen Schreiber kommen dann zahlenmäßig zweieinhalb Vorstände. Damit wir eine gute Work-Life-Balance haben. Falls sich einer von denen um die Schreiber kümmern will. Wir sind ja jetzt bei Bertelsmann so sozial, wir stellen das so lange frei, bis wir aus Versehen eine Stiftung dafür gegründet haben. Die kümmert sich dann darum, dass die Honorare der Schreiber kontinuierlich minimiert werden, damit mehr von den Schreibern von ihrem steigenden Einkommen leben können. Suuuper Sache, aber das wollte ich Ihnen eigentlich noch gar nicht… –

Ich!? Aber ich bin doch seit fast zwanzig Jahren bei Ihnen… Sie können mich nicht einfach… Das glaube ich jetzt nicht! Nur, weil ich damals freiwillig die Leitung für das Online-Ressort übernommen habe, wollen Sie mich…“





Der Kommissar

29 10 2014

„… ein EU-weites Gesetz durchsetzen wolle, mit dem die Urheberrechte im Internet…“

„… keine technischen Schwierigkeiten zu erwarten seien. Oettinger habe darauf hingewiesen, dass der Luftraum der EU ja auch exakt an den Grenzen der EU aufhöre, was definitiv rechtssicher und absolut millimetergenau zu überwachen…“

„… dass möglicherweise von Italienern erstellte Internetinhalte, die Nichtitaliener abrufen können, ordnungsgemäß vergütet würden. Die EU-Kommission wolle diese Schutzlücke alsbald…“

„… eine deutsche Suchmaschine erfinden solle, die nur auf Inhalte des deutschen Internets…“

„… speziell zwei Gesetze zu schaffen, die testweise italienische Internetinhalte urheberrechtlich schützen könnten, wenn sie a) von Dänen und b) von Bulgaren abgerufen würden, so dass es für italienische Internetinhalte nur noch zwei rechtssichere Regelungen…“

„… nicht kontrollieren könne, ob deutsche E-Mails im deutschen Internet an deutsche Empfänger gesandt würden, die zwar im deutschen Internet ihre E-Mails abriefen, tatsächlich aber Ausländer und teilweise aus Drittstaaten…“

„… werde die EU der Idee Oettingers von einem geistigen Binnenmarkt folgen und im Regierungsbezirk Arnsberg zugelassene Patente ausschließlich für den Regierungsbezirk Arnsberg…“

„… müsse eine Suchmaschine zwar nicht genau wissen, ob ein deutschsprachiger Inhalt von einem in Deutschland lebenden Deutschen, einem Schweizer in Österreich, einem Österreicher in…“

„… dadurch schwieriger würde, dass italienische Internetinhalte möglicherweise im nichtitalienischen Internet von Bulgaren oder Dänen…“

„… das Abrufen deutscher E-Mails zuvor mit einem Post-Ident-Verfahren zu verifizieren, das den Empfang der Daten binnen drei, höchstens zehn Werktagen…“

„… das Suchgebiet des deutschen Algorithmus einfach analog zu den Grenzen der Lufträume an den Steckverbindungen der Kabel, die an den Grenzen zwischen Deutschland und Österreich, Österreich und der Schweiz, der Schweiz und Luxemburg, Deutschland und…“

„… zusätzliche Gefahren für das nichtitalienische Internet, das außerhalb von Italien unter Umständen von Nichtitalienern mit nicht eindeutig italienischen Inhalten in…“

„… auch Wettbewerbsnachteile nach sich ziehen würde. Daher habe die EU-Kommission angeregt, den Versand von Briefen mit mindestens zehn, von Postkarten mit mindestens zwanzig, höchstens fünfzig Werktagen…“

„… stehe auch die Möglichkeit im Raum, internationale Konzerne zu verbieten, die Internetverbindungen zwischen den einzelnen EU-Staaten ohne Genehmigung des…“

„… ein gesetzlich verpflichtender Hinweis, dass es sich um nichtitalienische Inhalte handele, vor allem bei von spanischen Rechteinhabern in Malta für estnische Nutzer erstellte…“

„… sich Oettinger rasch von dem Attentat erholt habe. Die magentafarbene Tätowierung T-ODGEWEIHT auf seiner Stirn sei zwar noch gewöhnungsbedürftig, doch könne man sich…“

„… sobald französische Nichtitaliener ungarische Internetinhalte in einem spanischen Internet für Ungarn, Spanier oder nichtitalienische Franzosen…“

„… dass afrikanische Internet zu sperren, um Raubflüchtlingskopieneinwanderung zu unterbinden. Der Digitalkommissar habe zunächst vorgeschlagen, eine nach Nichtitalien führende Leitung zu suchen und den Stecker bei Lampedusa zu…“

„… zusätzlich erschwert, dass das deutsch-französische Programm auch spanisch-dänische Koproduktionen zeige, die von nichtitalienischen Nutzern im italienischen…“

„… die Ausstrahlung des deutschen Internets begrenzen müsse. Dies sei auch dem Westfernsehen gelungen, weshalb die DDR vierzig Jahre lang ohne jeden Kontakt zur Realität…“

„… nicht rechtlich geklärt sei, ob nichtspanische Nichtitaliener, die nichtitalienische Zugangsprovider zum Zugriff auf nichtitalienische Internetinhalt im nichtitalienischen Internet in Nichtitalien – desgleichen nichtportugiesische Nichtitaliener, die nichtitalienische Zugangsprovider zum Zugriff auf nichtitalienische Internetinhalt im nichtitalienischen…“

„… könne auch durch einen hohen Maschendrahtzaun verhindert werden. Daneben schlage der Ausschuss für Fischereiwirtschaft vor, die Datenübertragung durch Hupkonzerte, evangelische Gebete und…“

„… seien gerade Internetinhalte aus italienischen Quellen für nichtitalienische Nutzer im Nicht-Italien-Netz, das noch immer wettbewerbswidrig von nichtitalienischen Providern beherrscht werde, obwohl die nichtitalienischen Inhalte auf nichtitalienischen Seiten den Nichtitalienern nicht von italienischen Webhostern zur Verfügung gestellt…“

„… sich Oettinger mit einem Gesetzesvorstoß für das totale Internetverbot innerhalb der Grenzen der Europäischen Union einsetzen wolle. Die Kanzlerin habe ihrem ehemaligen Minister bereits das uneingeschränkte Vertrauen…“





Jeder gegen jeden

28 10 2014

„Also keine Demos mehr gegen Salafisten?“ „Das hat doch keiner verlangt.“ „Aber hier steht doch ganz klar, dass keine Demonstration von…“ „Lesen Sie doch bitte mal genauer.“ „… gewaltbereiten Hooligans gegen Salafisten zugelassen werden sollte?“ „Eben. Extremisten gegen Extremisten, das geht gar nicht.“

„Wenn jetzt also die Salafisten selbst eine Demonstration anmelden…“ „Kein Problem, solange sie noch nicht verboten sind.“ „… und dann beispielsweise gegen Dieter Nuhr…“ „Finden Sie das nicht ein bisschen lächerlich?“ „… oder irgendeinen anderen prominenten Islamfeind eine Kundgebung abhalten, dann ist das auch weiterhin gestattet?“ „Sicher. Wir haben schließlich Versammlungsfreiheit.“ „Und da dürfen sich diese Salafisten rein theoretisch…“ „Sogar praktisch dürfen die das.“ „… friedlich und ohne Waffen…“ „Wenn sie sich daran halten, dann ja.“ „… versammeln und unter freiem Himmel…“ „Das unterliegt zwar einigen gesetzlichen Einschränkungen, aber generell ist auch dies erlaubt.“ „… demonstrieren, wogegen sie wollen?“ „Nein.“ „Wieso nicht?“ „Wenn Salafisten dagegen demonstrieren, dass in Deutschland immer noch das Grundgesetz gilt, dann dürfen sie es nicht. Wenn Nazis dagegen demonstrieren wollen, ist das auch nicht erlaubt.“ „Moment, warum tun sie es dann immer wieder?“ „Sie sagen es vorher halt nicht so deutlich. Außerdem müssen Sie bedenken, wenn die erst mal am Demonstrieren sind, da kann man dann meistens nicht mehr viel machen.“ „Also wenn die schon einen Polizeibus umgeschmissen haben?“ „Da können Sie beten oder Helene Fischer dudeln. Wahrscheinlich ist Beten sogar sinnvoller.“

„Aber wenn jetzt ganz normale Bürger…“ „Was bezeichnen Sie denn als ganz normale Bürger?“ „Naja, die damals gegen den Stuttgarter Bahnhof demonstriert haben, das waren doch ganz normale Leute.“ „Und warum ist es dann zu solchen Eskalationen gekommen?“ „Keine Ahnung.“ „Weil eine Seite sich halt extremistisch verhalten hat.“ „Ja, das würde ich auch so sehen.“

„Dann haben Sie das Prinzip jetzt verstanden?“ „Es darf nur maximal eine Seite extremistisch sein, ansonsten wird die Versammlung gleich im Vorweg verboten.“ „Richtig.“ „Und wenn die Linken…“ „Meine Güte, Sie können einem ja den letzten Nerv rauben!“ „… jetzt gegen die Salafisten…“ „Dann ist eine Seite extremistisch, fertig, aus.“ „Eben haben Sie doch noch gesagt, wenn die Salafisten ganz friedlich demonstrieren…“ „Sie haben das gesagt, nicht ich!“ „… dann ist das alles kein Problem und sie…“ „Das glauben Sie doch selber nicht!“ „… verhalten sich verfassungskonform.“ „Ich bitte Sie, das ist doch Kokolores – Salafisten und friedlich demonstrieren? Wer hat Ihnen denn das Märchen erzählt? Haben Sie wohl in Tausendundeiner Nacht gelesen, was?“ „Das sind doch gar nicht die Salafisten, die da demonstrieren, das sind doch die Linken.“ „Da haben wir’s doch: Linke. Die sollen ja ab und zu auch schon mal antisemitische Töne angeschlagen haben.“ „Das hat doch mit den Salafisten nichts zu tun.“ „Wer solche Parolen haben könnte, der hat auch noch ganz andere, merken Sie sich das!“

„In dem Fall sind doch aber die Salafisten gar nicht…“ „Die haben hier gar nichts zu melden, merken Sie sich das!“ „… in der aktiven Rolle, weil die Linken demonstrieren.“ „Ja und? Stellen Sie sich mal vor, Sie sind ein Ausländer.“ „Hm, ja. Okay.“ „Und da marschiert so ein Trupp Nazis auf, so richtig übles Schlägerpack, dumme Arschlöcher, die am liebsten ihren Hitler sofort zurückhaben wollten.“ „Und?“ „Erzählen Sie mir doch nichts, da würden Sie sich in Nullkommanichts radikalisieren, oder? Oder!?“

„Dann haben wir die potenzielle Extremisierung als Versammlungshindernis verfassungsrechtlich abgesichert?“ „Keine Ahnung, aber für die Polizei wäre das eine enorme Arbeitserleichterung, und für die Innenministerien auch.“ „Und die Gerichte?“ „Ach so, ja. Fragen Sie das mal, wenn die gerade Zeit haben.“

„Irgendwie bin ich mir trotzdem gerade nicht ganz sicher.“ „Was die verfassungsrechtlichen Gründe angeht?“ „Nein, die finden sich schon. Ist doch immer so.“ „Und was ist es dann?“ „Wenn jetzt diese Hooligans nicht mehr als gewaltbereite Fußballfans auftreten, sondern wieder ganz normal als Nazis, wie ist das denn dann?“ „Wie immer halt, eine Einzelfallentscheidung.“ „Aber das kann doch nicht sein, wenn die jetzt beispielsweise gegen die Linken…“ „Dann ist doch alles klar.“ „Weil die Nazis immer extremistisch sind?“ „Weil bei den Linken immer Gewaltpotenzial vorhanden ist, wenn man sie als Nazi angreift. Deshalb sollte man die gar nicht mitlaufen lassen. Denken Sie doch mal an die innere Sicherheit, Mann!“

„Also ich versteh’s nicht.“ „Wir trainieren das jetzt mal.“ „Na gut.“ „Normale Bürger gegen Salafisten?“ „Erlaubt.“ „Richtig! Salafisten gegen evangelikale Fundamentalisten?“ „Verboten.“ „Auch richtig! Und warum?“ „Religiöse Fanatiker, die das Grundgesetz abschaffen wollen.“ „Stimmt, und die Salafisten dürfen gegen die nicht demonstrieren.“ „Langsam habe ich es kapiert.“ „Linke gegen Bauvorhaben?“ „Hm, wird erst erlaubt und dann zusammengeknüppelt?“ „Eine Möglichkeit, kann man aber genauso gut verbieten. Salafisten gegen de Maizière.“ „Erlaubt.“ „Verdammt noch mal, hören Sie doch mal zu! Extremisten nur auf einer Seite, wann lernen Sie das endlich!?“





Grüße von Morpheus

27 10 2014

„Meine Frau hält es einfach nicht mehr aus, und da wäre eine neue doch für alle die beste Lösung.“ Er war fest entschlossen, hatte den ersten Schritt auch schon getan, und doch: ohne mich wollte er nicht mehr gehen. „Zweimal war ich im Matratzenladen“, seufzte Herr Breschke, „aber keinmal hat mich die Verkäuferin auch nur gefragt. Wie soll ich denn da die richtige Matratze finden?“

„Laut Prospekt müsste es Härtegrad 1 sein, weil es fürs Gästezimmer ist, aber meine Frau hat ja ein eigenes Bett, und ich habe bisher immer auf der Couch gelegen, die ist eben deutlich härter, und unsere Matratzen im Schlafzimmer sind auch recht weich, und deshalb – ach, ich weiß es doch auch nicht!“ Gemeinsam stapften wir die Platanenallee hinunter durch das feuchte Herbstlaub. „Wir wollen mal sehen“, besänftigte ich den Pensionär. Er regte sich zwar schnell auf, doch er beruhigte sich auch schnell wieder. Falls er sich nicht wieder aufregen musste. „Sprechen Sie mit ihr“, bat Breschke. „Die Mittagsruhe ist in Gefahr.“

Es handelte sich offiziell um ein Gästezimmer, das jedoch mangels Gästen nie seiner eigentlichen Bestimmung gemäß genutzt wurde – Breschkes Tochter, die als Übernachtungsgast vorgesehen war, wohnte eine knappe halbe Stunde Fußweg entfernt, so dass sie jederzeit ihre Eltern besuchen konnte, was sie zwar nicht tat, aber das machte diesen Raum nicht weniger überflüssig. Ein vor gut vierzig Jahren als annehmbar modern geltender Schrank sowie ein merklich verblichener Cocktailsessel mit gelblichem Kunststoffschonbezug komplettierten das Ensemble um das einfache Liegemöbel, das bis dato eine Auflage hatte, die nun jedoch aus reiner Materialübermüdung gefährliche Warnlaute von sich gab, sobald Frau Breschke sich daraufsetzte, um Blumentöpfe einen nach dem anderen abzustauben. Des Gatten nachmittägliche Pause vor der Gartenarbeit, die er inzwischen größtenteils schnarchend verbrachte – den Mittagsschlaf, nicht die Gartenarbeit – hatte den Ausschlag gegeben; der täglich einen mittelgroßen Fichtenwald sägende Schläfer musste weg, musste hinter verschlossene Türen, nur nicht auf die Wohnzimmercouch, wenn Frau Breschke Rosen der Liebe schaute oder mit ihren Bridgekameradinnen telefonierte. „Eine Viertelstunde Liegen“, klagte er, „und Sie können Ihre Schulter nicht mehr bewegen. Das ist furchtbar, wir brauchen unbedingt eine neue!“

Das Fachgeschäft war gut besucht, so dass wir eine Weile warten mussten. „Das ist sie“, flüsterte Breschke heiser und ging hinter meinem Rücken in Deckung. Eine junge Verkäuferin mit durchaus festem, elastischem Schritt kam auf uns zu. Sie musste gut ausgeschlafen sein. „Sie hatten sich bereits umgeschaut?“ „Nein“, gab ich höflich zurück, „aber wenn ich gewusst hätte, dass dies Ihre komplette Beratung ist, hätte ich es schon getan.“ Anscheinend war ich durchsichtig, denn die Blicke trafen eindeutig Herrn Breschke,der sich hinter mir wand. „Sie suchen also eine Matratze“, befand die Fachfrau. Ich nickte. „Ich würde Ihnen das Modell Schlummerlust empfehlen, Taschenfederkern mit atmungsaktiver Versteppung und waschbar und geeignet für Allergiker.“ „Das ist gut“, freute ich mich, „ich reagiere sehr heftig auf Kiwis und Blumenkohl.“ Sie war irritiert. „Ich bin Allergiker“, präzisierte ich, „und wenn ich das umgehen könnte, indem ich den Blumenkohl im Bett esse, wäre mir das auch recht.“ Sie verzog ihr Gesicht zu etwas, was einer Interpretation bedurfte und sich doch einer solchen hartnäckig zu verweigern schien. „Macht nicht“, tröstete ich sie, „die ist eh zu weich. Zeigen Sie mir mal eine aus dem härteren Sortiment.“

Das Produkt Süße Träume war zwar nur als Ausstellungsstück in Härtegrad Watte vorhanden, aber innerhalb einer Woche lieferbar. „Eine Mehrzonenmatratze mit Taschentonnenkern“, belehrte mich die Verkäuferin. Ich schaute auf das Schild. „Tonnentasche“, korrigierte ich, „und das wäre dann eine Matratze mit Tonnentaschenkern, der auf Zonen verteilt ist?“ Sie musste gerade eine Antwort gefunden haben, aber sie hatte nicht mit mir gerechnet. „Die da drüben hat sieben Zonen, ist das nicht ein bisschen viel? Ich meine, so eine Zeitzone dauert ja eine Stunde, und wenn man nur mal kurz mittags die Füße hochlegen will, Sie verstehen?“

Langsam verlor sie ein bisschen die Nerven, aber das machte nichts. Wenigstens nicht mir. „Bewegen Sie sich denn viel im Bett?“ Ich runzelte die Stirn. „Das hängt davon ab, was ich gerade mache.“ Die Verkäuferin schnappte zurück. „Wenn ich beispielsweise gerade Blumenkohl esse, kann es schon mal vorkommen, dass ich mich bewege.“ „Und Sie transpirieren auch stark?“ „Möchten Sie es ausprobieren? Ich hätte heute Abend noch Zeit.“ Sie suchte nach dem Matratzenkatalog, um den doppelt vergüteten Qualitätsfederkern mit mehrfach verstärkter Mittelzone zu finden, bekam aber nur die atmungsaktive Komfortkaltschaumliegestatt Duo Vital zu fassen. „Kaltschaum“, grübelte ich, „und dann im Winter – nein, das ist ja nichts.“ „Wo ist eigentlich Ihr Begleiter?“ Ich blickte um mich herum. Nichts. Sie fasste panisch einen der vorbeieilenden Kollegen am Ärmel. „Kunde“, japste sie, „Kunde weg! Wo? Kunde!“ „Ich habe ihn nicht“, ächzte der, entwand sich ihrem Griff und vergrub sich zwischen Kissen und Schaumstoffauflagen. „Wo ist er“, wimmerte sie, „wo?“ Da vernahm ich ein leises Schnaufen. „Hier entlang“, führte ich die Verkäuferin, und richtig lag dort, selig im Schlummer, Herr Breschke. „Modell Super Siesta“, keuchte sie. „Mit Komfortzonen für Schulter- und Beckenbereich.“ Ich nickte. „Sehr gute Wahl. Die nehmen wir.“





God’s Own Country

26 10 2014

Es reicht, an einer Schule mehrfarbige Schuhe zu tragen. Die US-amerikanische Polizei übt auch Minderjährigen gegenüber und bei lächerlichen Vergehen inzwischen eine rigide Politik von Verhaftung und Gewahrsam aus. Damit der Bürger gründlich lernt, dass er ein Stück Dreck ist, sind inzwischen ungefähr ein Drittel von ihnen beim Federal Bureau of Investigation aktenkundig. Man wird geboren und ist schuldig, oder wie die Theologie es nennt: Erbsünde. Es handelt sich wohl doch um God’s Own Country. Genauere Hinweise, welche Theokratie aktuell welche andere als Theokratie bezeichnen und dafür von der Landkarte bomben darf, wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • kutschenhersteller postkutsche: Fischgeschäft Fischstäbchen?
  • st. firminus-kirche nationalismus: Ihr passendes Predigtangebot erfragen Sie bitte beim Erzbischöflichen Ordinariat.
  • häkelschwan: Ist dann aber nicht rosa.
  • chlorvergiftung globuli: Findet jedoch auf niedermolekularer Ebene statt.
  • hamsterkiste: Das Gemüse von letzter Woche?
  • bastelvorlage solarium: Nehmen Sie Alufolie. Viel Alufolie.
  • damencatchen in deutschland: Formerly known as CDU-Bundesvorstand.
  • betaisierter mann: Vermutlich Kohl.




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCXV)

25 10 2014

Jadwiga, die kaufte in Zittel
fürs Putzen sich je einen Kittel,
Handschuhe, ein Häubchen –
da blieb wohl kein Stäubchen?
Zum Putzgerät fehlten die Mittel.

Als Meritxell damals ins Prats
den Brief bekam, da war Rabatz.
Man setzte die Steuer
herauf. Halb so teuer
wurd alles. Das war für die Katz.

Es ließ sich Tadeusz in Strehlen
gern goldene Uhren empfehlen.
Doch tat er stets gehen,
um nichts zu erstehen –
er kam später wieder zum Stehlen.

Calisto, der ahnte in Bite,
dass er bald ins Schlingern geriete.
Sein Geld ging zur Schenke,
solange man denke.
Das reichte nicht mehr für die Miete.

Es wartete Andrzej in Scharre
auf Szymon. „Je öfter ich harre,
wird es immer später.
Er fährt hundert Meter,
und schon schmiert sie ab, seine Karre!“

Man wusste, dass Colby in Brant
zur Feuerwehr zählt, und man kennt
den Zug jener Helden:
beim Fehlalarm-Melden
sind’s alle. Nicht Colby. Der pennt.

Eugeniusz, der pflegte in Reppen
im Hausflur am Abend zu steppen,
und zwar ob des Halles,
wobei eines Falles
gewahr er war dicht bei den Treppen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXIII): Angeln

24 10 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Für bepelzte Vierbeiner muss das Pleistozän ganz okay gewesen sein. Kein Singvogel hat je etwas Negatives über diese Epoche berichtet. Dass jedoch der Hominide, und speziell das Geschlecht mit der Behaarungsattrappe im Gesicht, sich vor lauter Begeisterung in den ersten Kulturschock gestürzt hätte, kann man nicht sagen. Es war wohl auch nicht zu erwarten gewesen, so, wie er halt ab Werk veranlagt ist: da Zeitlichen, der Ablauf vom Morgengrauen bis zum Abendrot, ist noch immer in der embryonalen Seele verhaftet und wird als quasi organisch verzahnte Funktion des Stammhirns betrachtet. Der Frühmensch hockt in der dazu nicht gedachten Gegend und geht seiner bevorzugten Beschäftigung nach. Er guckt dann mal. Das entspannt die im Schädel kreiselnde Murmel ein bisschen und ist geeignet, den Tagesablauf wesentlich zu vereinfachen – falls man nicht im Schlaf von umherstreifenden Säbelzahntigern gerissen wird. Andere Kulturen hätten vielleicht die eine oder andere kopernikanische Wende, zumindest eine Reformation abgewartet, die Seinsphilosophie daraus konstruiert, was auch immer, nur der Troglodyt nicht. Er guckt. Wo immer er am Wasser guckt, und das lässt sich auch lange vor der hydraulischen Gesellschaft spielend erledigen, erfindet er eine neue Lebensform. Den Angler. Man hätte es wissen können.

Da sitzt an den Hafenbecken, lungert an Fluss und Teich, gammelt an jedem verfügbaren Rinnsal ein Depp mit ulkigem Hut voller bunter Bömmel herum, hält ein Stückchen Schnur in die Brühe und wartet darauf, dass nichts mehr geschieht – die Vorstellung, dass sich Elementarteilchen seit dem Urknall ohne behördliche Genehmigung bewegen, verursacht ihm Magenbluten. Wenn schon, dann Widerstand. Wenn man schon etwas zur Kunstform erheben muss, dann wenigstens den Stumpfsinn, und so sieht er auch aus, der aus der und in die Vegetation glotzende Bräskopf, die Inkarnation des farblosen Rauschens, wie er den Charme einer mittelgroßen Dachlatte versprüht. Angeln ist die angenehmste Form der sozialen Interaktion, die auf keinen Fall etwas mit Menschen zu tun hat, nicht unbedingt sozial zu sein braucht und mit etwas Glück keine Ähnlichkeit mit Interaktion hat. Der Angler existiert, wie seine Umgebung existiert. Wer sich vom Hintergrund abhebt, hat verloren.

Dabei ist das allgemein gepriesene Gefühl von Naturnähe, das sich der Angler als Legitimation für seine Flachwasserbeobachtung hinschwiemelt, nur ein billiges Etikett. Offensichtlich ist er gegen jede Zufuhr von Sauerstoff eh hochallergisch, denn warum sonst sollte er sich in Modder, Brackwasser oder aufgestauten Pfützen nach Flossern umtun, die ihm nicht wegschwimmen können, lebende Leichen mit Kiemen und Rückenflosse, nur für kulinarische Analphabeten als Eiweißquelle zu verwerten, und auch das nur, weil der Wurmbefall längst zwischen den Gräten haust. Wer Angst vor Tannen und Eichhörnchen hat und seinen maximalen Kick aus dem Adrenalinstoß zieht, die eine zwei Fingerbreit zu weit von der Sofaecke abgestellte Bierflasche hervorruft, der wird das Survivalerlebnis an Lache und Strom zu schätzen wissen. Falls er nicht zwischendurch vornüber in die ewigen Laichgründe kippt.

Mit ausgeklügelter Langatmigkeit popelt der Querkämmer mit der Rute im Anschlag die Dellen aus dem Quantenschaum: nichts soll sich bewegen, und wenn schon, dann in vorhersagbar lahmer Gleichförmigkeit. Wer auch immer den Angelschein erfunden hat, er muss in der Gemeinde der meditativ das Wasser umrührenden Standbilder im Weichbild der Flusssiedlungen die Verehrung eines Nationalheiligen genießen. Kathedralen werden nach ihm benannt, nie endende Feiertage, Bußgeld- und Prüfungsfragenkataloge, die ein Priester mit monotoner Stimme in konzentrischen Kreisen herunterleiert, während sich die Mesonen, hätten sie Finger, alle von ihnen in die Ohren stopfen würden, um der Unerträglichkeit des Seins zu entgehen. Einmal nicht die Kampfbremse an der Stationärrolle gezogen, und zack! gibt’s eine aufs Maul. Artgerecht natürlich. Der Angelscheinheilige wacht schon darüber, denn was wäre der Bekloppte ohne eine Hausordnung, die alle andern auf sein Niveau zieht.

Wobei es noch niedriger geht. Der angeblich sportliche Angler simuliert eine Art Stierkampf für Waschlappen, in dem er sich zum Herrenmenschen der feudalen Klasse aufschwingt, vergleichbar dem Jäger, der sich von den Domestiken die Hirsche ankarren und vor die Wumme treiben lässt, um in seiner verpfuschten Inkarnation überhaupt mal zum Schuss zu kommen. Hätten die anderen Arten ihre Chance rechtzeitig ergriffen, sie würden den Deppen am anderen Ende des Keschers ohne zu zögern wieder in die Ursuppe kloppen. Die Natur würde den Abbauprozess locker verkraften. Für die paar Jahre.





Jägermeister

23 10 2014

„… das Bundesverwaltungsgericht entschieden habe, dass der Jäger seine Waffenbesitzkarte endgültig verloren habe, da er seine Schusswaffe im alkoholisierten Zustand…“

„… sich der scheidende BKA-Präsident Ziercke sehr zufrieden gezeigt habe. Das Urteil sei geeignet, die Gewalt im Straßenverkehr erheblich einzudämmen, da immer mehr Autofahrer unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen am Lenkrad säßen. Nach der Leipziger Entscheidung müssten sie nun auf das Mitführen von Waffen verzichten, was eine merkliche Entspannung bei Kontrollen…“

„… habe eine Blitzumfrage unter deutschen Kneipenwirten zutage gebracht, dass der Ausdruck sich abschießen eine ganz neue Bedeutung…“

„… mit Bedauern zur Kenntnis genommen, dass das auch für Jäger im Freistaat Bayern…“

„… sich Steinmeier sehr zufrieden gezeigt, dass die Waffenlieferungen an die salafistischen Herrscher in Saudi-Arabien für mehr Stabilität im Nahen Osten sorgen würden. Da in muslimischen Ländern generell weniger getrunken werde, sei der Umgang mit Waffen und Munition viel mehr von Verantwortung geprägt und könne auch im internationalen Kontext…“

„… eine unerträgliche Bevormundung des Bürgers durch die EU-hörige Mainstream-Gutmenschenjustiz. Lucke wolle nach der Machtergreifung sofort das Rauchen im deutschen Forst erlauben und die…“

„… ab sofort auf eine kleine Schnapsflasche verzichtet werde, die man jeder Lieferung an Privatkunden beilege. Heckler & Koch werde fortan wieder Schokoladenpatronen…“

„… habe das Bundesjustizministerium darauf hingewiesen, dass man mit einer Schusswaffe unter Alkoholeinfluss lediglich einen Totschlag begehen müsse, strafmildernde Umstände statt der…“

„… der Kriminologe Christian Pfeiffer auch darauf hingewiesen habe, dass unter dem Einfluss von Rauschmitteln immer wieder sogenannte Killerspiele gespielt würden, in deren Folge sich verantwortungslose Jugendliche Schusswaffen besorgten und mit ihnen gezielt auf…“

„… werde das Unternehmen auf das Inkrafttreten des Freihandelsabkommens warten. Der Investorenschutz sei das Mittel der Wahl, um potenzielle Umsatzeinbußen, die durch einen verminderten Absatz von Jägermeister in der Bundesrepublik…“

„… darauf hingewiesen habe, dass der Kläger im waffenrechtlichen Sinne unzuverlässig sei, weil er eine Waffe im alkoholisierten Zustand zu Jagdzwecken benutzt habe. Nicht eruiert worden sei allerdings, ob er bei einem Raubüberfall eine rechtskonforme…“

„… einen halben Liter Rotwein auf ein einziges Tier. Dies sei nach Auskunft des Küchenchefs der Jagdgaststätte Hubertusstüberl eher eine viel zu knapp bemessene Menge an…“

„… nach Ansicht von Psychologen im betrunkenen Zustand für Polizisten halten und ihre Schusswaffe dementsprechend als einen…“

„… immerhin mit einem einzigen Schuss einen Rehbock erlegt habe. Der Anwalt des Waidmannes habe dies als Nachweis betrachtet, dass das Führen einer Waffe mit erhöhter Blutalkoholkonzentration nicht nur nicht beeinträchtigt, sondern sogar…“

„… warne der Jagdverband vor Stichproben im Revier. Die Gefahr für Polizisten sei zu groß, besonders wenn Jäger sich durch Zufuhr von Heißgetränken…“

„… mit Waffen und Munition nicht vorsichtig oder sachgemäß umgehen könne. Der Kläger habe daraufhin mitgeteilt, dass er die notwendige Vorsicht überhaupt erst nach zwei Gläsern…“

„… bereits eine Warnadresse des ADAC an die Bundesregierung. Sollte der Gesetzgeber die Null-Promille-Grenze für den von Steuern, Abgaben und der Straßenverkehrsordnung zum Paria der Nation degradierten Kraftfahrzeugführer wieder in die Diskussion bringen, werde der Verband sofort mit einem Warnstreik…“

„… die Parlamentarier beruhigt habe. Von der Leyen sei davon überzeugt, dass von der Bundeswehr keine Gefahr ausgehe, da dort noch nie mit Jagdwaffen…“

„… der beschuldigte Jäger in einer Einlassung vor dem Gericht geäußert habe, er habe überhaupt nur geschossen, weil er zwei Rehböcke gesehen habe. Danach müsse er vor Schreck ein ganzes Glas Wodka auf dem Hochsitz…“

„… entschieden widersprochen habe. Da eine durch den Alkohol geminderte Reaktionsgeschwindigkeit auftrete, werde die Schusswaffe bestimmt nicht spontan abgefeuert und sei somit viel weniger gefährlich für den…“

„… nicht überzeugend. Die Bundeswehr stehe weiterhin in der Kritik, da die deutsche Armee nach Aussage vieler Insider nur im Vollsuff zu ertragen sei und sich…“

„… setze die waffenrechtliche Zuverlässigkeit die Fähigkeit und die Bereitschaft voraus, das Risiko der Schädigung Dritter strikt zu vermeiden. Es sei daher zu überlegen, ob dies nicht durch ein generelles Verbot von Waffen in Privatbesitz…“

„… sich mehrere Jäger anonym zu Wort gemeldet haben wollen. Offenbar sei nur unter dem Einfluss starker Spirituosen der Gedanke erträglich, auf Tiere zu schießen und ihre Kadaver danach…“





Beraten und verkauft

22 10 2014

„Und Sie sind?“ „Der IT-Berater der Bundesregierung.“ „Oh, spannend. Und was machen Sie da so?“ „Eigentlich nichts. Die sind ja größtenteils beratungsresistent.“

„Sie haben diese tollen Produkte wie De-Mail erfunden?“ „Wir haben die Regierung nur beraten.“ „Hätten Sie die dann nicht so beraten können, dass Sie davon abraten?“ „Das ist ja eins der Probleme. Sie haben Berater, hören aber nicht auf sie.“ „Und warum haben sie dann überhaupt welche?“ „Warum hat Deutschland eine Verteidigungsministerin?“ „Weil in der Rüstungsindustrie zu wenig Verwaltungsjuristen arbeiten?“ „Guter Punkt. Aber mit uns ist das etwas anders. Wir müssen ja von der Materie etwas verstehen.“ „Weil die Regierung das von ihren Beratern erwartet?“ „Damit sie davon nichts verstehen muss.“ „Aber dann merken die doch nichts mehr, wenn Sie die beraten.“ „Deshalb hören sie auch nicht zu, wenn wir – ach, vergessen Sie’s einfach.“

„Und woran arbeiten Sie derzeit?“ „Wir haben diverse Projekte und so.“ „Also nichts Festes?“ „Eher nicht. Wir stellen nur manchmal fest, dass wir irgendwo nicht weiterkommen, und wenn wir bei einer Sache lange genug festgefressen sind, dann erklären wir den Ist-Zustand zum aktuellen Arbeitsergebnis.“ „Wie so eine richtige Denkfabrik, ja?“ „Nee, weder das eine, noch das andere.“ „Aber…“ „Wir sind eher wie so eine Küche, aber die eine Hälfte kann nicht kochen, die andere will nicht kellnern.“ „Und was kommt dabei raus?“ „Ein Ergebnis, das dem Niveau der Bundesregierung entspricht.“

„Geben Sie doch mal ein konkretes Beispiel, damit man sich auch etwas unter Ihrer Arbeit vorstellen kann.“ „Da hätten wir dann beispielsweise ein deutsches Internet, das nur für die Regierung zuständig ist.“ „Also ein Internet, das man nur in Deutschland benutzen kann.“ „Richtig.“ „Das ist doch Blödsinn.“ „Absolut korrekt.“ „Und das sagen Sie einfach so?“ „Warum denn nicht? Ihre Feststellung entspricht doch genau den Tatsachen, da gibt’s doch keinen Grund für eine Diskussion.“ „Aber erlauben Sie mal, das ist doch kein bisschen vernünftig. Das kann man doch als Berater nicht machen.“ „Oh, das hatte ich nicht gewusst.“ „Sie sollen doch die Projekte realisieren, die Ihr Auftraggeber Ihnen vorgibt, oder?“ „Richtig. Genau das mache ich ja.“ „Sie wollen mir jetzt allen Ernstes weismachen, die Bundesregierung habe ein deutsches Internet in Auftrag gegeben?“ „Das ist so nicht richtig.“ „Aha, dachte ich’s mir doch, dass Sie…“ „Es war nicht die gesamte Regierung. Federführend waren beispielsweise die Herren de Maizière und Pofalla.“ „Ich bitte Sie – ein Internet nur für Deutschland! Erstens ist das technisch absolut nicht möglich, zweitens ist es vollkommen sinnlos, und drittens…“ „Drittens?“ „Egal, das reicht doch, oder? Das ist absurd!“ „Haben Sie eine ungefähre Vorstellung dessen, wie die Autobahnmaut entstanden ist?“

„Was ist denn dran an den Gerüchten, dass der Geheimdienst alle Bürger überwacht?“ „Dazu kann ich nichts sagen, ich arbeite ja ausschließlich im Auftrag der Regierung.“ „Und das heißt?“ „Die Bundesregierung hat derzeit überhaupt keine Ahnung, wie es zu diesen Aktionen kommen konnte. Aber ich kann Sie wenigstens im Auftrag der Regierung beruhigen. Die Daten sind sicher.“ „Sie machen sich lustig über mich!“ „Nein, wir haben eine Kontrollfunktion erfunden im Auftrag der Regierung. Die Daten sind absolut sicher.“ „Wie können Sie das behaupten?“ „Sie wurden ja lediglich kopiert, deshalb sind die Originale alle noch da.“ „Und das Ergebnis?“ „Für Deutschland oder nur für die Regierung?“ „Für beide.“ „Ich würde sagen: beraten. Und verkauft.“

„Gibt es denn überhaupt ein Projekt, das Sie mal ganz bis zu Ende gebracht haben?“ „Warten Sie mal – das Adressbüchlein.“ „Ein Adressbüchlein? Ah, verstehe, Internetadressen.“ „IP-Adressen.“ „Und wozu dient das?“ „Die Kanzlerin wollte sich ein paar IP-Adressen aufschreiben, hat sie gesagt.“ „Und Sie haben ihr erklärt, was das ist?“ „Kann gut sein, aber ich erinnere mich, wie gesagt, nicht, ob sie auch…“ „… zugehört hat?“ „… ein einziges Wort verstanden hat davon. Für sie sind diese ganzen Sachen ja Neuland, und deshalb hat sie auch nicht nachgefragt.“ „Dann hat sie es also doch verstanden?“ „Wohl eher nicht, aber um nachzufragen, muss man es doch wohl ein kleines bisschen verstanden haben.“ „Und Sie?“ „Keine Ahnung, ich glaube, wir haben das Projekt danach für zeitweilig beendet erklärt. Wie die Liste mit den E-Mail-Adressen, von denen sie nur die deutschen haben wollte.“ „Für das deutsche Internet?“ „Nein, aber wenn von denen Nachrichten geschrieben werden, muss das ja auf Deutsch sein – sind halt deutsche Adressen – und von denen muss man dann auch keine Daten mehr ins Ausland schicken.“ „Dann ist ihr Eintreten für mehr Datenschutz doch nicht so verkehrt.“ „Nee, die Amis hören halt nur das deutsche Internet ab, da muss man’s dann nicht mehr extra kopieren.“

„Haben Sie auch Zukunftsprojekte?“ „Mehrere. Momentan arbeiten wir an einer Regierungs-App. Wollen Sie mal sehen?“ „Gerne, zeigen Sie mal.“ „Na?“ „Wie jetzt, ist das alles?“ „Sieht doch super aus.“ „Macht aber überhaupt nichts.“ „Also die Auftraggeber sind sehr zufrieden. Wissen Sie was? Ich habe so den Eindruck, diesmal könnten sie etwas kapiert haben.“