Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLX): Kulturalismus

3 10 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da haben wir den Salat: in einem Fiebertraum dellt sich Nggr die Omme an der Höhlenwand ein und redet fortan nur noch dummes Zeug: Kutschen ohne Säbelzahnpferde werden knatternd über die Savanne ziehen, ein Ding namens Fernsehen zeigt allabendlich Knalldeppen beim Madenfraß, und die Gemeinschaften dies- wie jenseits der Landzunge werden von blauhäutigen Monstern überrollt, die ihnen Pilze, Weiber und das Ansehen der Ahnen wegnehmen werden. Aufruhr. Demo. Bei der nächsten Gelegenheit werden drei Sippen um die Ecke gebracht, die vermutlich blau sind, man sieht es nur nicht. Eine Partei gründet sich, die schlechte Witterung, den Zorn des Waldgottes und den Mangel an Zuckerbeeren den Blauen anlastet. Nggr lässt sich einen Oberlippenbart wachsen, beißt in die Auslegeware und redet wirres Zeug, wie man es nicht anders erwartet hatte. Alles gut. Es wird schon vergehen, wenn die Neuzeit anbricht. Irgendwann.

Oder auch nicht. Blauhäutige sind nicht mehr in den Wunschvorstellungen geifernder Nationalisten, aber ihr Kulturalismus ist geblieben. Nicht der andere Mensch ist schlecht, er darf gerne in unserer Nachbarschaft leben, nur eben in seinem eigenen Staat, den wir ausbeuten und erodieren lassen, und ansonsten stellen wir ihn in unseren Schulbüchern und Fernsehkrimis gerne als das blaue, schielende und schweißtriefende Subjekt dar, das man zum Wohle der Gesellschaft gerne zusammenschlagen dürfe. Dass die völkische Jugend, immer dabei, wenn es blutig zu werden verspricht, noch nie einen Blauen gesehen hat, nicht einmal auf Bildern, tut da nichts zur Sache. Hauptsache, sie können ihre eigene Herkunft, für die sie nichts getan haben, zum Mittelpunkt der Paralleluniversums aufblasen. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Tatsächlich ist der kulturelle Fundamentalismus – ihn als Rassismus ohne Rassen zu bezeichnen ist ein hübscher Denkfehler, weil auch für völkische Intelligenzflüchtlinge keine Rasse existiert, sondern nur ein Genotyp, auch wenn das angesichts dieser Homo-sapiens-Parodien latentes Lächeln zeitigt – eine Vollpanne selbst ad usum Adolphini. Kultur ist nicht vornehmer als Begriff, wie frühe Adorniten noch meinten, sie ist nur tatsächlich gewachsen, und das größtenteils auf gemeinsamem Mist. Wo sich der Lummerländer aus grauer Väter Vorzeit die Nationalkultur zurechtschwiemelt, einschließlich der Vorstellung, jenseits der Grenzen habe es nie Möbel, Erbsen und Streichquartett gegeben, wirrt nur eine Chimäre durch seine Synapsensuppe; das Gerümpel einer Großepoche geht in den Sturzflug über, und der Kampf der Kulturen ist eröffnet.

Kulturell orientierter Rassismus ist scheint’s die Königsdisziplin, mit der sich offenporig konstruierte Bestandteile der Spezies als verzichtbar deklarieren. Nicht nur dekodieren sie sich selbst per Ausschlussverfahren als ethnische Außenwelt – „Nur die deutsche Bratwurst ist eine wahre Bratwurst, und wenn die Bratwurst woanders erfunden wurde, ist das nur der Beweis, dass Gott die deutsche Herrenrasse erkoren hat, den Kuffnucken zu zeigen, wie Bratwurst geht!“ – sie brauchen auch einen Kampf der Kulturen, um zu zeigen, dass sie angreifbar sind. Seit Generationen predigen die Anhänger von Kaiser und Kanzlette, dass die Welt nur aus Neid gegen Deutschland sei, als hätten Arbeiter und Bauern keine wichtigere Motivation, sich die Existenz zu versauen. Man braucht viel Feind, wenn es mit der gefühlten Ehre nicht mehr weit her ist. Leider lassen sich die Errungenschaften einer Kultur nicht gleichermaßen auf den Personalbestand einer Ethnie abbilden: ein Teil liebt Beethovens späte Streichquartette, ein Teil weiß nicht, wer Beethoven ist. Für wenig Überraschungen sorgen Kulturbotschafter von rechts, die Beethoven persönlich kennen wollen oder ihn für einen Zweitligaspieler aus Herne halten.

So wundert es keinen, wenn es gerade in den Bundesländern mit verschwindend geringem Anteil an Bewohnern mit Migrationshintergrund das lauteste Geplärr um Überfremdung gibt, wie ja auch Japan seine chronischen Antisemiten hat – ein Volk, in dem jeder millionste Einwohner jüdischen Glaubens und kein japanischer Staatsbürger ist. Es braucht die Blauhäutigen, um sich selbst nicht in Frage zu stellen, und gäbe es sie nicht, man hätte sie zur Vorsicht nicht erfunden, denn dann müssten sich die Dumpfdüsen der nationalen Parteien noch wildere Geschichten ausdenken als bösartiges Brunnenvergiften oder blaue Säuglingsschwestern, die die Kinder aus den Brutkästen holen und in Tinte tauchen. Was aber, wenn Spengler Recht hätte oder die Waldorfschüler oder die vielen Theoretiker, die sich ohne Vollpension und Wanderschuhe mehr als einmal außerhalb unserer Kultur aufgehalten haben? Was, wenn wir tatsächlich untergingen? Die Bratwurst, unleugbar südlicher Provenienz, wäre wohl fürs Erste gerettet. Hoffen wir, dass sie nie zu uns sprechen wird. Wir würden sie nicht verstehen. Und für sie wäre es möglicherweise ein Kulturschock.

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s