Kontra

9 10 2014

„Sie sind ein bisschen spät dran.“ Siebels kaute mit ungewohnt hoher Frequenz an seinem Zahnstocher, aber sonst war er die Ruhe selbst, wie er an seinem Automatenkaffee nuckelte. Malottke griente recht säuerlich aus der Maske herüber; Siepenstihl würdigte wie immer keinen auch nur eines Blickes. Wir waren ja beim Fernsehen, da gewöhnt man sich an alles.

„Ich weiß gar nicht, was ich hier soll.“ „Auffallen natürlich“, antwortete Siebels mit einer leicht gelangweilten Härte, die kaum eine Spur von Ironie zu verbergen suchte. „Sonst hätte ich auch einen von der Straße holen können.“ Es handelte sich tatsächlich um die kulturpolitische Diskussion, und ich hatte schon gehofft; einerseits hatte ich an einer solchen Veranstaltung schon teilgenommen, mein Gesicht war also nachhaltig verbrannt, andererseits war es nicht das politische Programm, das sie Siebels, dem Altmeister der TV-Produktion, niemals in die Finger gäben. So würde ich wohl auftreten müssen, aber warum? „Sie werden einen der Teilnehmer nicht rechtzeitig angerufen haben“, mutmaßte er. „Oder sie haben ihn angerufen, und als das Gespräch auf das Honorar kam, hat er wortlos aufgelegt. Ich kenne doch meine Intellektuellen.“ Und das erwartete er jetzt also von mir, dass ich seine Sendung rettete. Meine Laune stieg merklich. „Ich glaube“, meinte er, „schlimmer wird’s nicht. Sie machen das schon.“

Die Anmoderation war kaum verklungen, als die Diskussionsleiterin auch schon die erste Frage provokativ in Richtung des konservativen Ministers stellte. „Nun“, begann er, „wir müssen uns immer wieder vorhalten lassen, dass wir uns nur an den althergebrachten Positionen messen lassen wollen, aber ich sage: ist das denn so verkehrt? Brauchen wir nicht immer auch eine Selbstvergewisserung in der eigenen Moral? Hat die…“ „Schnickschnack!“ Siebels zuckte zusammen. Das hatte er sich so gedacht, einfach einen Anzugträger in die Sendung einschleusen und warten, bis die Auflaufprämie im Kasten ist. „Der Punkt ist doch, dass Sie und Ihre Koalitionspartner keine Gelegenheit ausgelassen haben, um Ihre Inkompetenz unter Beweis zu stellen.“ Malottke sagte vorerst gar nichts. Er musste noch die Mehrheitsmeinung abwarten, bis er sich auf eine Seite schlug.

Von Siepenstihl war nichts zu hören. Er hatte auf die Anfrage der Moderatorin denn auch nur eine ziemlich dürftige Antwort. „Vom Standpunkt der Familie aus ist es eine Frage der Chancengleichheit, wenn wir für uns eine Steuersenkung…“ „Das muss Sie ja freuen“, höhnte ich. „Zwei Millionen, und dann rechtskräftig verurteilt, und Sie wollen mir etwas über Steuergerechtigkeit erzählen?“ Er wollte gerade aufbrausen, verschluckte sich aber. „Man kann das auch ein bisschen sensibler anfangen“, nörgelte Malottke. Ich hatte nicht gewusst, dass seine Chancen auf ein Landtagsmandat derart im Argen lagen. Die Moderatorin transpirierte. Siebels schien sich zu beruhigen.

„Wir brauchen gerechte Lastenverteilung und die Wachstumsorientierung der Mittelschicht, um die Großkonzerne zu entlasten, aber wir müssen auch Lohnzurückhaltung üben.“ Malottke war in seinem Element. „Denn nur dann hat die Wirtschaft wieder genügend Spielräume, um auch die Löhne zu erhöhen.“ Irgendetwas knirschte da. Zu meiner eigenen Verwunderung stellte ich fest, dass es meine Zähne waren. „Aber die deutsche Familie“, greinte Siepenstihl, „muss ausreichend versorgt werden, sonst…“ „Sonst ist sie nicht mehr deutsch?“ Er starrte mich entgeistert an. „Oder zerlegen sich Ihre Sippenhaftungskräfte sonst in Wohlgefallen und der Niedergang setzt ein? weil der eigentlich nur für nichtdeutsche Familien gedacht war?“ Siebels rieb sich den Bauch.

„Wir hatten nicht immer Gelegenheit für einen Konsens“, brachte sich die Gastgeberin in Erinnerung. „Deshalb nun meine Frage, ob wir…“ „Nein“, antwortete ich schlankerhand, „warum auch. Die finanziellen Spielräume für eine solche Aktion, die ich nebenbei nicht verfassungskonform finde, sind ja nicht endlos dehnbar.“ Das war zu viel. Siepenstihl explodierte. „Das ist eine Missachtung der wirtschaftlichen Anstrengungen der Wirtschaft!“ Einstweilen schwieg Malottke, man hatte ihm den Text geklaut. „Die deutsche Familie“, schrie Siepenstihl, „und das sage ich hier in aller Deutlichkeit!“ „Das wäre doch ein gutes Stichwort für einen…“ „In einer Deutlichkeit, die an Härte Ihren Intellekt wohl weit übersteigt!“ „Und lassen Sie mich noch…“ „Gar nichts werde ich Sie lassen!“ „… verdeutlichen, dass ich einerseits ganz genau so eine…“ „Gar nichts!“ „… und dass ich das, was ich jetzt auch so meine, dennoch kritisieren muss, weil ich auf der anderen Seite für den Mittelstand und die Industrie…“ „Sie sollten, wenn Sie – gehen Sie doch nach drüben!“

„Hübsch“, sagte Siebels tonlos. „Ganz hübsch gemacht.“ Man hatte die zankenden Kontrahenten erst hinter der Kulisse getrennt, Malottke sagte nichts, während sein Widersacher die Garderobe in ihre Einzelteile zu zerlegen drohte. „Ach was.“ So viel hatte ich ja auch nicht zur Unterhaltung beigetragen. „Es ging übrigens um die Frage, ob man in den Kindergärten Fremdsprachenunterricht geben solle.“ Siebels knüllte seinen Pappbecher zusammen. „Wie gesagt, hübsch gemacht. Wenn Sie wollen, übermorgen diskutieren die beiden wieder. Studio D. Bereiten Sie sich bloß vor, dann wird’s bestimmt politisch.“

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