Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXI): Der gesunde Menschenverstand

10 10 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Hocken drei Knalltüten in der Kneipe – üblicherweise beginnen die Deppenwitze mit einer verkürzten Lunte, bevor es knallt, in der gelehrten Republik nehmen auch Parteigründungen hier ihren Ausgang, wobei noch nicht gesagt ist, was für schlechtere Unterhaltung sorgt. Der zum Gebrauch des gleichnamigen Niveaus erfundene Stammtisch ist hier angesiedelt, der von jeglichem Schmerz befreite Rundumschlag, der zuerst und immer mal wieder die Birne trifft, damit das Stroh nicht an der Innenseite festklebt, jene bierselige Wissenschaft, die von anderthalb Promille bis kurz vor dicht geht, wenn Lampen ausgeknipst werden und der gangbare Rest gleich mit – dieses Geknirsch aus Dümmlichkeit und Größenwahn, wenn man zugleich die Allgemeine Relativitätstheorie zu verstehen und sie widerlegen zu können meint, weil man sich genügend Enzian in die Rübe gebembelt hat, um alle Parallelen verschwiemeln zu lassen in einen großen Denkbrei, der kaum menschlich ist, selten gesund, und das glasklare Gegenteil von Verstand im weiteren Sinne.

Der gesunde Menschenverstand dient nicht der Analyse, er dient nicht einmal der Argumentation – als wäre eines ohne das andere denkbar, aber mal will der Schnapsindustrie ja keine Arbeitsplätze madig machen – er ist nur eine weitere Möglichkeit zur Agitation, den Krücken des Populismus immer eine billige Stütze, wenn gerade kein Mensch von Geist in Riechweite ist. Menschenverstand, der sich selbst in dieser Kombination doppelt, muss folglich eine besondere ethische Abschottung für sich in Anspruch nehmen, als sei jeder Kritiker per se nicht einmal Mensch, nicht einmal mit den normalen Mitteln des Hominiden ausgestattet, und das meist, weil er mit den Mitteln des Verstandes Ideologien, die ein Gesundmenschenversteher mit Bordmitteln ablehnt, für sich in Anspruch nimmt (oder umgekehrt, wen interessiert’s). Dass aber er, der normativ einteilende Dekorationsmaler des seicht verblassenden Objektivismus, sich nicht einmal die Mühe gibt, die bucklige Verwandtschaft dieser Mesalliance von der Klippe zu treten, ist purer Leichtsinn.

Der gesunde, und sei er auch nur irgendwas, ist schon auf den ersten Atemzügen der verpfuschten Existenz nichts anderes als der humpelnde Bruder des Volksempfindens, heißt: der Scheißdreck, den sich die bekennenden Braunblunzen aus der Kalotte kloppen. Was sich derart gegen die Varianz des Urteils abschottet, überhöht sich zum quasireligiös geturnten Vorurteil – wie würde so ein Weltbild auch überstehen, gösse man es nicht vor Gebrauch in Beton.

Und nicht etwa darf man den Dingenskirchen mit Gemeinsinn verwechseln, bloß nie: der nämlich ist, wie der Name schon sagt, wahrlich der common sense, als der er von rechts veranlagtem Gesindel für seine offenporigen Synapsenexperimente benutzt wird. Was dem Gemeinwohl dient, ist nicht in erster Linie gemein, sondern wohl, und als unbestritten geteilter Gedanke auch nur auf die Wenigen beschränkt, die des Denkens überhaupt mächtig sind – was hier nach Kant nichts anderes als den durchschnittlichen Verstand eines gesunden Menschen für sich beansprucht spottet größtenteils jeglicher Affinität dazu. Schwurbelgurken, grober Plattenbau in Kopfhautnähe sowie Berufsirre im Meisterkurs bevölkern die Rampe zum Abstieg, nicht aber die gemeinschaftliche Überzeugung als Grundlage der sozial relevanten Erkenntnis.

Wer sich selbst gesundes Urteilsvermögen attestiert, tut dies in der Regel also nur, um Grenzen zu ziehen zwischen sich und dem Rest der Welt, indem er den andern vielleicht ein Urteil zugesteht, auf jeden Fall aber ein ungesundes. Was ausgrenzt, grenzt sich selbst ein, um nicht mit der Mehrheit – Menschen, wohlgemerkt: die Menschen, deren Mehrheit auch den Durchschnitt des mehrheitlichen Verstandes ausmacht – seine intellektuelle Basis teilen zu müssen. Möglicherweise würde es dann auch verdammt eng, so mager, wie das Ding ist.

Kreischende Ketzer? Es ist nur das Gebell einer kläffenden Unterschicht, die sich an der Rhetorik einen Bruch gehoben hat und mit der Flüstertüte werkelt, unwissend, uncharismatisch und selten so gehaltvoll wie ein ausgekautes Papiertaschentuch. Sie brauchen den Lärm, weil ihre ansonsten gründlich verseiften Fehlschlüsse resonanzfrei von der Kante kleckern. Mit etwas Glück sieht der geneigte Betrachter, wie sich auf dem Teppich dabei formschöne Verschwörungstheorien bilden, weil in ihnen alles so ist, wie es sich der frei drehende Hysteriker vorstellt, nicht besonders gesund, aber wenigstens verständlich. Wenigstens für ihn.

Gut nur, dass keiner zu wenig in der Birne hat von diesem ominösen Zeugs. Wer würde das schon zugeben? und wie viel Verstand müsste der besitzen, der um dessen Beschränktheit auch noch wüsste? Aber sicher ist es nur apriorische Wahrheit, und die ist mit dem Gemeinsinn sattsam erklärt. Was fast für den gesunden Menschenverstand spräche.

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3 responses

10 10 2014
emden09

Wieso finde ich es eigentlich gut, dass zwei Worte in diesem text nicht vorkommen. Ok, das Wort „für“ lies sich nicht wirklich vermeiden. Aber das davor und das danach? Respekt! Tief empfunden 😉

10 10 2014
bee

Es ist wohl leichter, den Gegner wie einen Popanz an die Wand zu malen und dann auf ihn einzudreschen; dass sich beim Lesen allmählich erst ein Gedanke bildet, bringt jedoch eine Erkenntnis mit sich. Das ist nicht zu verachten.

10 10 2014
emden09

Hat dies auf emden09 rebloggt und kommentierte:
Wieso finde ich es eigentlich gut, dass zwei Worte in diesem text nicht vorkommen. Ok, das Wort “für” lies sich nicht wirklich vermeiden. Aber das davor und das danach? Respekt! Tief empfunden 😉

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