Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXII): Coaches

17 10 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Zweimal hat sich Uga den Gesichtsschädel im Materialkaltverformungsverfahren modifiziert, da beschloss er, fürderhin den Schwager zu fragen, wie das mit dem Wurfspeer geht. Nggr schritt zur Tat. Am praktischen Beispiel zeigte er dem Lernenden, wie man das Jagdgerät führt, die ballistischen Feinheiten im Angesicht des brüllenden Bisons bewältigt, vor allem: wie man es vermeidet, mit dem Teil in der Hand immer wieder aus voller Fahrt auf die Fresse zu fallen. So ziehen Monde hin, und die beiden versäumen, einen Sport aus der Sache zu machen. Eine Muschel pro Unterrichtseinheit schuldet Uga jetzt dem Unterweisenden, und so schnell, wie der Unterwiesene lernt, verlernt er auch alles wieder. Es wird eine langwierige, nutzlose Beschäftigung, aus deren Verquickung keiner sich mehr zu lösen vermag. Immerhin, Nggr hat neben der Fleisch- und Beerenbeschaffung einen neuen Job. Er ist Coach. Womit das Elend seinen Lauf nimmt.

Alles lernt man in dieser von Sinnlosigkeit durchschwiemelten Welt in Kursen, Volks- und anderen Hoch- oder Volksschulen, bei Päda- und Demagogen, auf Kranken- oder nur zum Schein, aber Hauptsache Bildung, und sei es Einbildung. Vom perfekten Spiegelei bis zum Schuheputzen, nach dem zweistufigen Rotweinseminar hockt sich der Beknackte durch den Computer-Führerschein, lernt Bauch- und Standardtänze, vegetarisches Tapezieren, Rückentraining für Singles mit Sprach- und Flüchtigkeitsfehlern, Kraulen für bekennende Nichtschwimmer, was auch immer der Hirnpfiff der Bildungsträger in den Raum schlenzt, um die Klasse und Kasse voll zu kriegen. Die Gesellschaft ist voll in ihre bildungsbürgerlichen Traditionen integriert, in der ein Staatsbürger erst seine Blumen gießen darf, wenn er ein Diplom dafür im Keller hängen hat. Der Boden ist bereitet für Herden von Hohlschwätzern, die sich klebrig in den Ecken der Befindlichkeit festsetzen, um in die Masse zu tentakeln.

Hinter der ganzen Grütze lauert nicht viel mehr als der erfolgsbekiffte Hirnsiff, durch reinen Willen sämtliche Hindernisse, Hemmnisse, Naturgesetze hinter sich lassen zu können, weil man bis zum Anschlag motiviert ist. Besser telefonieren, besser aufrecht gehen, erfolgreich mit Messer und Gabel essen. Nach zwei bis neun Lektionen in einfach zu erlernenden Kulturtechniken – Ein- und Ausatmen, Tischdecken, Massenmord – ist der Schützling so gestählt, dass er zum einen gar nicht mehr bemerkt, wie eng er sich bereits im Geschirr seines Kutschers befindet, den er durch die schwankende Landschaft zieht, ein torkelnder Fronknecht, der nichts zu tun hat, als seinen Herrn zu bezahlen. Auf der anderen Seite ist jegliches Programm, das gewöhnlich auch ein gelangweilter Schimpanse absolvieren könnte, mit einer suggestiv steilen Lernkurve versehen, das noch dem größten Knalldeppen solide gebürstetes Selbstbewusstsein verleiht. Fasziniert stellt der Teilzeitgnom fest, dass er schon alleine aus dem Bus gucken kann. So fügt sich eins ins andere.

Wer sich bisher nicht aufraffen konnte, nach der Synapsenkomplettabsaugung mit Schmackes den Dumpfdrall der Getöseproduzenten zu realisieren, auf den wartet die Mutter aller Fehlgeburten, der Motivationscoach – ein sozialer Kollateralschaden, der den immer noch denkfähigen Schlaffis in den Sitzmuskel tritt, damit sie zu leistungsfähigen Schafen werden. Vermutlich treten sich die Weichstapler turnusmäßig gegenseitig in den Hintern, um sich durch diverse Aggregatzustände der Beklopptheit wieder auf ihr angestammtes Niveau in der Intelligenzpyramide zu begeben: ganz tief unten.

Mittlerweile leistet sich der ohne Initiative und Selbstbewusstsein broschierte Hominide einen Personal Coach für die wirklich wichtigen Fragen im Leben. Wie esse ich gesund, wie manage ich meine Karriere, wie gewinne ich mehr Zeit? Eine flankierende Maßnahme, die sorgfältige Planung mit einigermaßen strukturierter Vorgehensweise zu unterstützen weiß, könnte beispielsweise die Anschaffung eines Wurfspeers sein, mit dem man sich Coaches vom Hals hält, Erfolgstrainer, Laberlullis, die in stundenlangen Vorträgen nichts anderes erklären, als dass sie der einzige Weg sind, um dereinst ohne Coach zu vegetieren. Angesichts dieses Verdeppungsterrors glaubt man kaum, wie unsere Ahnen Amerika entdeckt, den Mond betreten und die Büroklammer erfunden haben, ohne sich nur ein einziges Mal im Führungskräfteseminar den nächsten Burnout einreden zu lassen. Tröstlich, dass diese Luschen in den billigen Polyesteranzügen von ihrem Mundgeruch nicht einmal leben können. Was die Fauna durchjodelt, sind im Regelfall Versager, die ihrer Klientel einreden, jeder könne, ja jeder müsse besser sein als sie selbst, und die dabei nicht viel mehr verdienen, als würden sie der Kundschaft die Haare schamponieren. So konsultieren sie selbst Coaches, lassen sich weiter coachen, werden mit jedem Aufbauseminar befähigt, Binsenweisheit an die zahlenden Honks zu verpulvern – meist eben nur ihresgleichen – und drehen sich in einem ewig weiter Geld verzehrenden Kreislauf um sich selbst, wie ein schwarzes Loch mit dem eigenen Nabel in der Mitte, Coaches, die Coaches, die Coaches, die Coaches coachen, die Coaches coachen. Zum Coachen. Zum Kotzen. Das Elend eben, aber man kann ja draußen bleiben und der Sache beim Scheitern zusehen. An der frischen Luft hat das seinen ganz eigenen Reiz.

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