Herbstlaub

21 10 2014

Annes Hände krallten sich ins Lenkrad. Sie war nervös. „Und dann hat er mir doch gesagt, er würde diese Maisonettewohnung sofort nehmen!“ Es mochte täuschen, doch sie war möglicherweise etwas verärgert. „Was fällt diesem verdammten…“ „Na“, beruhigte ich sie, „na, na – wer wird denn gleich in die Luft gehen?“ Gut, dass es sich nur um eine harmlose, kleine Streiterei handelte, wie sie Max, dieser Idiot, nun einmal in schöner Regelmäßigkeit auszulösen vermochte. Und gut, dass Anne gerade nicht mit 270 Kilometern in der Stunde unterwegs war, wie sonst, wenn ich in ihrem Wagen saß. Wir standen nur gegenüber dem großen Verwaltungsgebäude. Was schlimm genug war.

„Er hat sich also mit Absicht eine besonders schöne Wohnung ausgesucht“, konstatierte ich. Dass Anne sofort die Nerven verlieren würde, hätte ich mir denken können. „Sie ist eigentlich wie meine“, keuchte sie, „ganz genau wie meine: unten die Küche und oben das Bad, aber sie hat blonde Locken, und solche – solche Oberarme!“ Ich runzelte leichthin die Stirn. „Solche Oberarme! Das ist doch die reine Boshaftigkeit, und ich werde ihn ganz einfach aus meinem Leben streichen, Du wirst schon sehen.“ Ich seufzte. „Du wirst schon sehen! Diesmal ist es mir ernst!“

Davor hatte Anne Max Hülsenbeck in einer Tango-Bar entdeckt mit der Schreibkraft von Doktor Klengel. Für drei Wochen hatte sie den aufstrebenden Staatsanwalt vor die Tür gesetzt, danach hatte beide einen wundervollen Trip nach Schottland unternommen, der nur vor einer SMS unterbrochen wurde, zwar von Doktor Klengels Schreibkraft, aber das war hernach auch egal. „Ich rede kein Wort mehr mit diesem Schwein“, keifte Anne. „Er soll in seiner elenden Bude alt und grau werden und einsam vertrocknen, aber ich will nicht, dass er sie kriegt!“ Ich seufzte. „Diesmal ist aber wirklich, wirklich ernst. Ich werde das nicht mehr…“ Wuuuu! „… und auf gar keinen…“ Wuu-huuuu-huuuuu! „… Du mir überhaupt zu?“ Ich ließ die Seitenscheibe herunter und musterte den jungen Burschen, der sich mit seinem motorisierten Blasinstrument an den Parkplätzen gegenüber der Staatsanwaltschaft zu schaffen machte. „Meister“, sagte ich halbwegs freundlich, „das geht auch eine Nummer dezenter, oder?“ „Nee“, nuschelte der Gärtner, „hörnsema, dis krichich heute nichma feddich, un denn binnich freia Mitarbeita, dis muss in zehn Minuten durch.“

Eigentlich war sie mit diesem Kerl längst durch, und das, obwohl ich sie jedes Mal wieder vor ihm gewarnt hatte. „Er kann einfach nicht treu sein“, knurrte Anne. „Er erfindet wieder einmal absurde Geschichten, um mich zu hintergehen – ich kann das einfach nicht mehr mitmachen!“ Noch einmal: ich seufzte. „Wo ist das Problem?“ „Er muss wohl noch heute Vormittag dem Kauf zustimmen, sonst ist die Wohnung weg.“ Immerhin war diese Situation jetzt halbwegs klar, da wir beide nur eine Handbreit von Hülsenbecks Fenster mit dem Rücken an die Hauswand gepresst standen, zwei grauenvoll schlechte Geheimagenten ohne jedes Geheimnis, und das auch noch an der Straßenfront, wo uns die Passanten bereits kritisch beäugten. „Was willst Du denn jetzt?“ Sie schnaufte mit aller Entschiedenheit. „Ich will nicht, dass sie die Wohnung kriegt!“ Das war doch schon eine gute Grundlage. Weiß eine Frau, was sie will, steckt man in massiven Problemen; weiß sie, was sie nicht will, dann kann man mit einem komplizierten, aber nicht ganz unlösbaren Fall weiterarbeiten.

Hülsenbeck telefonierte, vielmehr versuchte er es. Am anderen Ende meldete sich niemand, und wurde er angerufen, so sprach er mit gepresster Stimme, als hätte er keine Zeit für ein ausführliches dienstliches Gespräch. „Er muss noch heute dem Kauf zustimmen“, frohlockte Anne, „sonst kann er sich diese Scheißbude in die Haare schmieren, und seine dumme…“ Ich wollte gerade seufzen, doch da nahte sich schon unser Bekannter aus dem städtischen Dienst. Sein lautstarkes Gerät bullerte gerade im Leerlauf vor sich hin. Ein durchaus interessanter Gedanke durchschoss mich. „Ich bin Dir wohl noch einen Gefallen schuldig“, sagte ich nonchalant und bückte mich, um unter dem Fenster durchzuschlüpfen. Geradewegs schritt ich auf unsere saisonale Entsorgungsfachkraft zu. „Zehn Minuten“, lockte ich und hielt ihm einen Schein unter die Nase. Er überlegte. Ich erhöhte. „Und die Jacke dazu. Und die Mütze.“

Jetzt hatte Hülsenbeck ein Freizeichen. „Hallo? Ich wollte wegen der…“ Wuuuuuu! „… nein, ich bin…“ Wuu-huuu! „… wegen der…“ Wuuuuuuu! „… nur fragen, ob die…“ Wuuu-huuu-huuuuuuuu! „… eventuell noch…“ Er verlor die Nerven und knallte den Hörer auf die Gabel. „Ruhe, verdammt noch mal!“ Ich pustete ihm die Krawatte und den größten Teil der Frisur beiseite. „Auch noch ’ne dicke Lippe riskieren, was? Wir sehen uns wieder, Kollege – wir sehen uns wieder!“ Wuu-huuuuuu!

„Fein“, freute sich Anne, während ihr Verflossener sein Zimmer zu zerlegen schien. „Wer jetzt kein Haus hat“, gab ich zu bedenken, „baut sich keines mehr, wer jetzt allein ist…“ Sie rieb sich die Hände vor Freude. Man musste zugeben: die Sache war gar nicht so schlecht gelaufen. Und ich hatte nicht geahnt, dass ein Laubbläser derart angenehm zu bedienen sei. Gleich am nächsten Tag, so beschloss ich, würde ich nachfragen, was so ein Presslufthammer kostete. Für alle Fälle.

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2 responses

26 10 2014
lamiacucina

Lärm macht stumm …….

26 10 2014
bee

Mir fiele so viel ein, das man mit einem Laubbläser erledigen könnte. Leider lassen sie einen da aus Sicherheitsgründen nicht mehr rein.

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