Beraten und verkauft

22 10 2014

„Und Sie sind?“ „Der IT-Berater der Bundesregierung.“ „Oh, spannend. Und was machen Sie da so?“ „Eigentlich nichts. Die sind ja größtenteils beratungsresistent.“

„Sie haben diese tollen Produkte wie De-Mail erfunden?“ „Wir haben die Regierung nur beraten.“ „Hätten Sie die dann nicht so beraten können, dass Sie davon abraten?“ „Das ist ja eins der Probleme. Sie haben Berater, hören aber nicht auf sie.“ „Und warum haben sie dann überhaupt welche?“ „Warum hat Deutschland eine Verteidigungsministerin?“ „Weil in der Rüstungsindustrie zu wenig Verwaltungsjuristen arbeiten?“ „Guter Punkt. Aber mit uns ist das etwas anders. Wir müssen ja von der Materie etwas verstehen.“ „Weil die Regierung das von ihren Beratern erwartet?“ „Damit sie davon nichts verstehen muss.“ „Aber dann merken die doch nichts mehr, wenn Sie die beraten.“ „Deshalb hören sie auch nicht zu, wenn wir – ach, vergessen Sie’s einfach.“

„Und woran arbeiten Sie derzeit?“ „Wir haben diverse Projekte und so.“ „Also nichts Festes?“ „Eher nicht. Wir stellen nur manchmal fest, dass wir irgendwo nicht weiterkommen, und wenn wir bei einer Sache lange genug festgefressen sind, dann erklären wir den Ist-Zustand zum aktuellen Arbeitsergebnis.“ „Wie so eine richtige Denkfabrik, ja?“ „Nee, weder das eine, noch das andere.“ „Aber…“ „Wir sind eher wie so eine Küche, aber die eine Hälfte kann nicht kochen, die andere will nicht kellnern.“ „Und was kommt dabei raus?“ „Ein Ergebnis, das dem Niveau der Bundesregierung entspricht.“

„Geben Sie doch mal ein konkretes Beispiel, damit man sich auch etwas unter Ihrer Arbeit vorstellen kann.“ „Da hätten wir dann beispielsweise ein deutsches Internet, das nur für die Regierung zuständig ist.“ „Also ein Internet, das man nur in Deutschland benutzen kann.“ „Richtig.“ „Das ist doch Blödsinn.“ „Absolut korrekt.“ „Und das sagen Sie einfach so?“ „Warum denn nicht? Ihre Feststellung entspricht doch genau den Tatsachen, da gibt’s doch keinen Grund für eine Diskussion.“ „Aber erlauben Sie mal, das ist doch kein bisschen vernünftig. Das kann man doch als Berater nicht machen.“ „Oh, das hatte ich nicht gewusst.“ „Sie sollen doch die Projekte realisieren, die Ihr Auftraggeber Ihnen vorgibt, oder?“ „Richtig. Genau das mache ich ja.“ „Sie wollen mir jetzt allen Ernstes weismachen, die Bundesregierung habe ein deutsches Internet in Auftrag gegeben?“ „Das ist so nicht richtig.“ „Aha, dachte ich’s mir doch, dass Sie…“ „Es war nicht die gesamte Regierung. Federführend waren beispielsweise die Herren de Maizière und Pofalla.“ „Ich bitte Sie – ein Internet nur für Deutschland! Erstens ist das technisch absolut nicht möglich, zweitens ist es vollkommen sinnlos, und drittens…“ „Drittens?“ „Egal, das reicht doch, oder? Das ist absurd!“ „Haben Sie eine ungefähre Vorstellung dessen, wie die Autobahnmaut entstanden ist?“

„Was ist denn dran an den Gerüchten, dass der Geheimdienst alle Bürger überwacht?“ „Dazu kann ich nichts sagen, ich arbeite ja ausschließlich im Auftrag der Regierung.“ „Und das heißt?“ „Die Bundesregierung hat derzeit überhaupt keine Ahnung, wie es zu diesen Aktionen kommen konnte. Aber ich kann Sie wenigstens im Auftrag der Regierung beruhigen. Die Daten sind sicher.“ „Sie machen sich lustig über mich!“ „Nein, wir haben eine Kontrollfunktion erfunden im Auftrag der Regierung. Die Daten sind absolut sicher.“ „Wie können Sie das behaupten?“ „Sie wurden ja lediglich kopiert, deshalb sind die Originale alle noch da.“ „Und das Ergebnis?“ „Für Deutschland oder nur für die Regierung?“ „Für beide.“ „Ich würde sagen: beraten. Und verkauft.“

„Gibt es denn überhaupt ein Projekt, das Sie mal ganz bis zu Ende gebracht haben?“ „Warten Sie mal – das Adressbüchlein.“ „Ein Adressbüchlein? Ah, verstehe, Internetadressen.“ „IP-Adressen.“ „Und wozu dient das?“ „Die Kanzlerin wollte sich ein paar IP-Adressen aufschreiben, hat sie gesagt.“ „Und Sie haben ihr erklärt, was das ist?“ „Kann gut sein, aber ich erinnere mich, wie gesagt, nicht, ob sie auch…“ „… zugehört hat?“ „… ein einziges Wort verstanden hat davon. Für sie sind diese ganzen Sachen ja Neuland, und deshalb hat sie auch nicht nachgefragt.“ „Dann hat sie es also doch verstanden?“ „Wohl eher nicht, aber um nachzufragen, muss man es doch wohl ein kleines bisschen verstanden haben.“ „Und Sie?“ „Keine Ahnung, ich glaube, wir haben das Projekt danach für zeitweilig beendet erklärt. Wie die Liste mit den E-Mail-Adressen, von denen sie nur die deutschen haben wollte.“ „Für das deutsche Internet?“ „Nein, aber wenn von denen Nachrichten geschrieben werden, muss das ja auf Deutsch sein – sind halt deutsche Adressen – und von denen muss man dann auch keine Daten mehr ins Ausland schicken.“ „Dann ist ihr Eintreten für mehr Datenschutz doch nicht so verkehrt.“ „Nee, die Amis hören halt nur das deutsche Internet ab, da muss man’s dann nicht mehr extra kopieren.“

„Haben Sie auch Zukunftsprojekte?“ „Mehrere. Momentan arbeiten wir an einer Regierungs-App. Wollen Sie mal sehen?“ „Gerne, zeigen Sie mal.“ „Na?“ „Wie jetzt, ist das alles?“ „Sieht doch super aus.“ „Macht aber überhaupt nichts.“ „Also die Auftraggeber sind sehr zufrieden. Wissen Sie was? Ich habe so den Eindruck, diesmal könnten sie etwas kapiert haben.“

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