Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXIII): Angeln

24 10 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Für bepelzte Vierbeiner muss das Pleistozän ganz okay gewesen sein. Kein Singvogel hat je etwas Negatives über diese Epoche berichtet. Dass jedoch der Hominide, und speziell das Geschlecht mit der Behaarungsattrappe im Gesicht, sich vor lauter Begeisterung in den ersten Kulturschock gestürzt hätte, kann man nicht sagen. Es war wohl auch nicht zu erwarten gewesen, so, wie er halt ab Werk veranlagt ist: da Zeitlichen, der Ablauf vom Morgengrauen bis zum Abendrot, ist noch immer in der embryonalen Seele verhaftet und wird als quasi organisch verzahnte Funktion des Stammhirns betrachtet. Der Frühmensch hockt in der dazu nicht gedachten Gegend und geht seiner bevorzugten Beschäftigung nach. Er guckt dann mal. Das entspannt die im Schädel kreiselnde Murmel ein bisschen und ist geeignet, den Tagesablauf wesentlich zu vereinfachen – falls man nicht im Schlaf von umherstreifenden Säbelzahntigern gerissen wird. Andere Kulturen hätten vielleicht die eine oder andere kopernikanische Wende, zumindest eine Reformation abgewartet, die Seinsphilosophie daraus konstruiert, was auch immer, nur der Troglodyt nicht. Er guckt. Wo immer er am Wasser guckt, und das lässt sich auch lange vor der hydraulischen Gesellschaft spielend erledigen, erfindet er eine neue Lebensform. Den Angler. Man hätte es wissen können.

Da sitzt an den Hafenbecken, lungert an Fluss und Teich, gammelt an jedem verfügbaren Rinnsal ein Depp mit ulkigem Hut voller bunter Bömmel herum, hält ein Stückchen Schnur in die Brühe und wartet darauf, dass nichts mehr geschieht – die Vorstellung, dass sich Elementarteilchen seit dem Urknall ohne behördliche Genehmigung bewegen, verursacht ihm Magenbluten. Wenn schon, dann Widerstand. Wenn man schon etwas zur Kunstform erheben muss, dann wenigstens den Stumpfsinn, und so sieht er auch aus, der aus der und in die Vegetation glotzende Bräskopf, die Inkarnation des farblosen Rauschens, wie er den Charme einer mittelgroßen Dachlatte versprüht. Angeln ist die angenehmste Form der sozialen Interaktion, die auf keinen Fall etwas mit Menschen zu tun hat, nicht unbedingt sozial zu sein braucht und mit etwas Glück keine Ähnlichkeit mit Interaktion hat. Der Angler existiert, wie seine Umgebung existiert. Wer sich vom Hintergrund abhebt, hat verloren.

Dabei ist das allgemein gepriesene Gefühl von Naturnähe, das sich der Angler als Legitimation für seine Flachwasserbeobachtung hinschwiemelt, nur ein billiges Etikett. Offensichtlich ist er gegen jede Zufuhr von Sauerstoff eh hochallergisch, denn warum sonst sollte er sich in Modder, Brackwasser oder aufgestauten Pfützen nach Flossern umtun, die ihm nicht wegschwimmen können, lebende Leichen mit Kiemen und Rückenflosse, nur für kulinarische Analphabeten als Eiweißquelle zu verwerten, und auch das nur, weil der Wurmbefall längst zwischen den Gräten haust. Wer Angst vor Tannen und Eichhörnchen hat und seinen maximalen Kick aus dem Adrenalinstoß zieht, die eine zwei Fingerbreit zu weit von der Sofaecke abgestellte Bierflasche hervorruft, der wird das Survivalerlebnis an Lache und Strom zu schätzen wissen. Falls er nicht zwischendurch vornüber in die ewigen Laichgründe kippt.

Mit ausgeklügelter Langatmigkeit popelt der Querkämmer mit der Rute im Anschlag die Dellen aus dem Quantenschaum: nichts soll sich bewegen, und wenn schon, dann in vorhersagbar lahmer Gleichförmigkeit. Wer auch immer den Angelschein erfunden hat, er muss in der Gemeinde der meditativ das Wasser umrührenden Standbilder im Weichbild der Flusssiedlungen die Verehrung eines Nationalheiligen genießen. Kathedralen werden nach ihm benannt, nie endende Feiertage, Bußgeld- und Prüfungsfragenkataloge, die ein Priester mit monotoner Stimme in konzentrischen Kreisen herunterleiert, während sich die Mesonen, hätten sie Finger, alle von ihnen in die Ohren stopfen würden, um der Unerträglichkeit des Seins zu entgehen. Einmal nicht die Kampfbremse an der Stationärrolle gezogen, und zack! gibt’s eine aufs Maul. Artgerecht natürlich. Der Angelscheinheilige wacht schon darüber, denn was wäre der Bekloppte ohne eine Hausordnung, die alle andern auf sein Niveau zieht.

Wobei es noch niedriger geht. Der angeblich sportliche Angler simuliert eine Art Stierkampf für Waschlappen, in dem er sich zum Herrenmenschen der feudalen Klasse aufschwingt, vergleichbar dem Jäger, der sich von den Domestiken die Hirsche ankarren und vor die Wumme treiben lässt, um in seiner verpfuschten Inkarnation überhaupt mal zum Schuss zu kommen. Hätten die anderen Arten ihre Chance rechtzeitig ergriffen, sie würden den Deppen am anderen Ende des Keschers ohne zu zögern wieder in die Ursuppe kloppen. Die Natur würde den Abbauprozess locker verkraften. Für die paar Jahre.

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2 responses

26 10 2014
lamiacucina

Das Angeln wäre ja noch zu hinzunehmen. Schlimmer ist, was dann zuhause passiert: Der Angler wirft den Fisch auf den Grill und versucht ihn knusprig zu braten.

26 10 2014
bee

Davon leben immerhin ganze Handwerksbetriebe, die die Behausungen dieser Leute wieder bewohnbar zu machen versuchen.

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