Grüße von Morpheus

27 10 2014

„Meine Frau hält es einfach nicht mehr aus, und da wäre eine neue doch für alle die beste Lösung.“ Er war fest entschlossen, hatte den ersten Schritt auch schon getan, und doch: ohne mich wollte er nicht mehr gehen. „Zweimal war ich im Matratzenladen“, seufzte Herr Breschke, „aber keinmal hat mich die Verkäuferin auch nur gefragt. Wie soll ich denn da die richtige Matratze finden?“

„Laut Prospekt müsste es Härtegrad 1 sein, weil es fürs Gästezimmer ist, aber meine Frau hat ja ein eigenes Bett, und ich habe bisher immer auf der Couch gelegen, die ist eben deutlich härter, und unsere Matratzen im Schlafzimmer sind auch recht weich, und deshalb – ach, ich weiß es doch auch nicht!“ Gemeinsam stapften wir die Platanenallee hinunter durch das feuchte Herbstlaub. „Wir wollen mal sehen“, besänftigte ich den Pensionär. Er regte sich zwar schnell auf, doch er beruhigte sich auch schnell wieder. Falls er sich nicht wieder aufregen musste. „Sprechen Sie mit ihr“, bat Breschke. „Die Mittagsruhe ist in Gefahr.“

Es handelte sich offiziell um ein Gästezimmer, das jedoch mangels Gästen nie seiner eigentlichen Bestimmung gemäß genutzt wurde – Breschkes Tochter, die als Übernachtungsgast vorgesehen war, wohnte eine knappe halbe Stunde Fußweg entfernt, so dass sie jederzeit ihre Eltern besuchen konnte, was sie zwar nicht tat, aber das machte diesen Raum nicht weniger überflüssig. Ein vor gut vierzig Jahren als annehmbar modern geltender Schrank sowie ein merklich verblichener Cocktailsessel mit gelblichem Kunststoffschonbezug komplettierten das Ensemble um das einfache Liegemöbel, das bis dato eine Auflage hatte, die nun jedoch aus reiner Materialübermüdung gefährliche Warnlaute von sich gab, sobald Frau Breschke sich daraufsetzte, um Blumentöpfe einen nach dem anderen abzustauben. Des Gatten nachmittägliche Pause vor der Gartenarbeit, die er inzwischen größtenteils schnarchend verbrachte – den Mittagsschlaf, nicht die Gartenarbeit – hatte den Ausschlag gegeben; der täglich einen mittelgroßen Fichtenwald sägende Schläfer musste weg, musste hinter verschlossene Türen, nur nicht auf die Wohnzimmercouch, wenn Frau Breschke Rosen der Liebe schaute oder mit ihren Bridgekameradinnen telefonierte. „Eine Viertelstunde Liegen“, klagte er, „und Sie können Ihre Schulter nicht mehr bewegen. Das ist furchtbar, wir brauchen unbedingt eine neue!“

Das Fachgeschäft war gut besucht, so dass wir eine Weile warten mussten. „Das ist sie“, flüsterte Breschke heiser und ging hinter meinem Rücken in Deckung. Eine junge Verkäuferin mit durchaus festem, elastischem Schritt kam auf uns zu. Sie musste gut ausgeschlafen sein. „Sie hatten sich bereits umgeschaut?“ „Nein“, gab ich höflich zurück, „aber wenn ich gewusst hätte, dass dies Ihre komplette Beratung ist, hätte ich es schon getan.“ Anscheinend war ich durchsichtig, denn die Blicke trafen eindeutig Herrn Breschke,der sich hinter mir wand. „Sie suchen also eine Matratze“, befand die Fachfrau. Ich nickte. „Ich würde Ihnen das Modell Schlummerlust empfehlen, Taschenfederkern mit atmungsaktiver Versteppung und waschbar und geeignet für Allergiker.“ „Das ist gut“, freute ich mich, „ich reagiere sehr heftig auf Kiwis und Blumenkohl.“ Sie war irritiert. „Ich bin Allergiker“, präzisierte ich, „und wenn ich das umgehen könnte, indem ich den Blumenkohl im Bett esse, wäre mir das auch recht.“ Sie verzog ihr Gesicht zu etwas, was einer Interpretation bedurfte und sich doch einer solchen hartnäckig zu verweigern schien. „Macht nicht“, tröstete ich sie, „die ist eh zu weich. Zeigen Sie mir mal eine aus dem härteren Sortiment.“

Das Produkt Süße Träume war zwar nur als Ausstellungsstück in Härtegrad Watte vorhanden, aber innerhalb einer Woche lieferbar. „Eine Mehrzonenmatratze mit Taschentonnenkern“, belehrte mich die Verkäuferin. Ich schaute auf das Schild. „Tonnentasche“, korrigierte ich, „und das wäre dann eine Matratze mit Tonnentaschenkern, der auf Zonen verteilt ist?“ Sie musste gerade eine Antwort gefunden haben, aber sie hatte nicht mit mir gerechnet. „Die da drüben hat sieben Zonen, ist das nicht ein bisschen viel? Ich meine, so eine Zeitzone dauert ja eine Stunde, und wenn man nur mal kurz mittags die Füße hochlegen will, Sie verstehen?“

Langsam verlor sie ein bisschen die Nerven, aber das machte nichts. Wenigstens nicht mir. „Bewegen Sie sich denn viel im Bett?“ Ich runzelte die Stirn. „Das hängt davon ab, was ich gerade mache.“ Die Verkäuferin schnappte zurück. „Wenn ich beispielsweise gerade Blumenkohl esse, kann es schon mal vorkommen, dass ich mich bewege.“ „Und Sie transpirieren auch stark?“ „Möchten Sie es ausprobieren? Ich hätte heute Abend noch Zeit.“ Sie suchte nach dem Matratzenkatalog, um den doppelt vergüteten Qualitätsfederkern mit mehrfach verstärkter Mittelzone zu finden, bekam aber nur die atmungsaktive Komfortkaltschaumliegestatt Duo Vital zu fassen. „Kaltschaum“, grübelte ich, „und dann im Winter – nein, das ist ja nichts.“ „Wo ist eigentlich Ihr Begleiter?“ Ich blickte um mich herum. Nichts. Sie fasste panisch einen der vorbeieilenden Kollegen am Ärmel. „Kunde“, japste sie, „Kunde weg! Wo? Kunde!“ „Ich habe ihn nicht“, ächzte der, entwand sich ihrem Griff und vergrub sich zwischen Kissen und Schaumstoffauflagen. „Wo ist er“, wimmerte sie, „wo?“ Da vernahm ich ein leises Schnaufen. „Hier entlang“, führte ich die Verkäuferin, und richtig lag dort, selig im Schlummer, Herr Breschke. „Modell Super Siesta“, keuchte sie. „Mit Komfortzonen für Schulter- und Beckenbereich.“ Ich nickte. „Sehr gute Wahl. Die nehmen wir.“

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