Alles hat ein Ende

4 11 2014

„Ich würde mich da nicht hinsetzen.“ Der Hausmeister hatte offenbar genug gesehen, sein Blick war skeptisch. Und irgendwie schien diese Couch auch windschief, instabil, gleichsam ein unbewegtes, lauerndes Objekt, das sich bei der leisesten Berührung in tückische Bewegung setzen würde: dann nämlich, und genau in dem Augenblick, in dem ich mich darauf niedergelassen haben würde. Irritiert griff ich meine Tasche und trat einen Schritt zur Seite. Sicher ist sicher. Auch hier, wo es so offensichtlich um Qualitätssicherung ging.

„Wir haben momentan eine Menge Anfragen“, bestätigte die Ingenieurin meine Vermutung. „Wie Sie gleich sehen werden, geht es nicht nur mit Riesenschritten aufs Weihnachtsgeschäft zu, auch die Möbelhäuser arbeiten an neuen Kollektionen. Es gibt sehr viel zu tun. Sie kennen nicht noch zufällig ein paar Fachkräfte, die uns unterstützen könnten?“ Ich verneinte bedauernd, was sie mit Gleichmut hinnahm. „Die meisten bei uns sind auch langjährige Mitarbeiter, die sich mit der Materie bestens vertraut gemacht haben.“ Wahrscheinlich gehörte der Maschinenbediener, der gerade einen Stuhlkippelautomaten in Bewegung setzte, auch zu ihnen; der Apparat kippelte und kippelte, der Stuhl wippelte, schließlich ging er mit einem leicht knirschenden Geräusch im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Leim. Er nickte zufrieden und hakte eine Position auf seiner Liste ab; Frau Krüll hob den Daumen, das Experiment war gelungen. „Das war erst ein Teil, wir haben noch eine ganze Möbelserie vor uns. Und dann dasselbe für Buche geflammt.“

Ich durfte sogar selbst Hand anlegen. Die Gebrauchsanweisung gab an, wie man den Röstmechanismus des Toasters zu bedienen habe. „In diesem Durchlauf nehmen wir hitzeunempfindliche Ersatzbrotscheiben“, klärte mich der Versuchsgruppenleiter auf. „Der Verbrauch wäre sonst zu hoch.“ Die Anordnung war mir vertraut. So wie in der eigenen Küche platzierte ich zwei Scheiben thermostabiles Brot in den Schlitzen, drückte den Hebel nach unten und wartete, bis das Backgut mit einem metallischen Rattern wieder nach oben sprang. „Und noch mal.“ Der Überraschungseffekt hielt sich in Grenzen. Auch beim dritten Mal hätte ich beim besten Willen keine außergewöhnlichen Prognosen machen können. Nach einem halben Dutzend getoasteter Kunststoffscheiben schließlich ließ ich es. Der Versuchsgruppenleiter drückte den Mechanismus, die Aufheizstullen sanken in den Röster. „Man könnte doch eine Maschine bauen“, überlegte ich, „die den Hebel drückt. Außerdem ist das viel preiswerter und nicht so stupide.“ Frau Krüll schüttelte den Kopf. „Dann müsste ich eine meiner besten Fachkräfte entlassen, denn diese Testreihe geht ja noch ein paar Monate. Das ist keine Frage von Kosten und Nutzen. Und außerdem macht er das genauso gut wie eine Maschine.“

In vielen kleinen Zimmerchen platzen bunte Glühlampen, Weingläser rutschten von einem Tablett, und eine emsige Laborantin schnitt meterweise Aluminiumfolie mit einer Bastelschere. „Das ist natürlich nicht unserer saisonale Arbeit“, erläuterte die Direktorin des Instituts. „Das hatte ich mir bereits gedacht“, antwortete ich, „schließlich sind Sie als Verschleißbeauftragte an so gut wie jedem Industrieerzeugnis interessiert, nicht wahr?“ Sie konnte es nur bestätigen. „Als unabhängiges Kuratorium sind wir ausschließlich unseren eigenen, objektiven Maßstäben verpflichtet. Unsere Tests sind umfassend und präzise, daher verlangen wir auch stets hohe Honorare, und wir pflegen einen exzellent ausgebildeten Mitarbeiterstamm, wenn ich das so sagen darf.“ Sie strahlte durchaus eine stolze Souveränität aus, wie sie sich über den Container mit den ramponierten Kuscheltieren beugte, die sie aus toten, ausgeleierten Augen anglotzten, eine ambitionierte Ingenieurin mit dem Ziel, ihre Wirkungsstätte im internationalen Maßstab bis ganz nach vorne zu bringen, da, wo wirklich Qualität gesichert wird. „Wir machen es uns nicht einfach“, sagte sie mit einer halb rauen, halb unterdrückt bescheidenen Stimme. „Aber wir dienen nur dem Kunden, und wenn ich vor mir die vielen Kinder sehe, die mit diesen ehemals weich und warm und anschmiegsam gewesenen Tieren gespielt hätten, wie Kinder eben spielen…“ Fast hätte auch mich die Rührung übermannt, doch ich fing mich. „Sie werden es Ihnen danken, Frau Krüll, indem sie lange und inbrünstig mit ihren…“

Sie starrte mich an, als hätte ich ihr an der Brille geleckt. „Haben Sie noch alle Tassen im Schrank?“ „Aber Sie sind doch die Verschleißbeauftragte“, stammelte ich, „und da müssen Sie doch darauf achten, dass…“ „Die Dinger sollen kaputt sein“, replizierte sie trocken, „und zwar keine Minute später als vom Hersteller vorgesehen, klar!?“ „Aber Sie sichern doch Qualität?“ Ihr Blick hatte etwas Mitleidiges. „Welche Qualität der Hersteller liefert, interessiert uns nicht. Wir sichern sie nur.“ „Sie sind also für den rechtzeitigen Verschleiß zuständig?“ Sie nickte.

Während der Kippelautomat gerade einen Couchtisch in seine Bestandteile zerlegte, fiel Frau Krüll auf, dass der versprochene Jahresbericht noch in ihrem Büro lag. „Warten Sie hier“, wies sie mich an. Mein Blick schweifte durchs Foyer. „Nehmen Sie solange Platz.“

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s