Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXV): Kindergeburtstage

7 11 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sie hatten das mit der ewigen Verdammnis ausdiskutiert, sie hatten die Psychosen erfunden, Homöopathie, Bungeespringen, Volksmusik, aber so richtig schlecht fühlte sich keiner von ihnen. Auf den Bundesparteitagen rechter Splittergruppen, da beschlich sie schon diese leichte Grundübelkeit, die man von Dichterlesungen kannte, wenn in der Buchhandlung an der Ecke der billige Rosé in Pressglas serviert wurde, parallel zum Odeur feuchter Übergangsjacken im Spätherbst, aber das war nicht der Weltekel, den man gerne schon in biblischem Ausmaß gespürt hätte, wenn man nur an Es dachte. Deutscher Schlager? Stalingrad und Leberwurst hatten sie hinter sich gelassen, die Möbel von 1970, was sollte sie noch schocken? Natürlich der Kindergeburtstag.

Sechs bis zwanzig quengelnde Schutzbefohlene zerlegen innerhalb gestoppter zehn Minuten einen Wohnblock in seine Einzelteile. Einer von ihnen ist schuldig, aber gerade dem kann man nicht das Licht ausknipsen, es ist Fleisch vom eigenen Fleische und dauerhaft gegen alles imprägniert. Wie eine Schule von Kraken auf Speed stopfen sie ihre Tentakeln in die Öffnungen der Zivilisation, die an sich von und für Erwachsene gedacht war. Vernunft, Wildleder und filigranes Handwerk sind hier zu Hause, nicht plärrende Terroristenzöglinge, mit denen man ab zwei Personen aufwärts bereits eine ganze Armee in Schach halten könnte, immer vorausgesetzt, sie schlafen nicht vorher ein. Die Armee nämlich.

Sie produzieren infernalischen Lärm, indem sie auf Töpfen klömpern, verschmieren Landstriche mit Senf und Kakao, brechen Butterkekse in der Lüftung des SUV ab, während nichts ahnende Eltern dem melodiösen Singsang der Brut zum Opfern fallen, und lotsen die Ausrichter der Spiele in die unmittelbare Nähe einer Hirnembolie. Warum nur? Sie haben aus nicht mehr zu diskutierenden Gründen einmal Leben in die Welt gesetzt, und schon werden sie mit den gebündelten Reproduktionsversuchen anderer Querkämmer konfrontiert, schlimmer noch: man lässt sie alleine mit ihnen.

Dieser Schrecken verliert nie seine Widerhaken. Denn je mehr und je besser man dieses fröhliche Fest von Minigolf und Vanillepudding zu ordnen versucht, desto grandioser rutscht es in die Grütze. Hat je ein besorgter Vater es vollbracht, den Lieblingsgast des Geburtstagskindes vom Versuch abzuhalten, sich zwei Dutzend Frikadellen samt Tomatenpampe und Schokomatsch in den Magen zu hauen, ohne hinterher eine abstrakte Collage in Brauntönen auf der Auslegeware zu zaubern? Und was, wenn es tastsächlich gelänge: wird er das Image des Arschlochvaters je annehmen, wenn auch sein Erbe fortan wie ein Paria behandelt wird?

Die postmoderne Variante des Horrors basiert auf der Furcht, unter den Erziehungsberechtigten der Kindsgäste eine Monstermammi vorzufinden – was wie die robuste Variante einer Latte-macchiato-Nervschratze klingt, die lediglich sich und ihr nachgemachtes Lkw-Planen-Handtäschchen ins Schlampenlicht stellen will, ist in Wirklichkeit eine gefährliche Irre, die schon zu präpubertären Zeiten heimlich davon geträumt hat, mit einer rostigen Büroklammer die Hälfte der Menschheit über die Wupper zu bringen. Während sie sich dem Areal einer handelsüblichen Blumenwiese nähert, die zum Fußhandballrugby von zehn gesunden Kindern genutzt wird, drischt die Dumpfturbine dem Gastgeberpaar eine vorformulierte Kanzelrede rein, die sich mit der mangelnden Barrierefreiheit der Grasnarbe beschäftigt, eine hilfsverbal gequirlte Rumpelkammer dümmlicher Wortkotze, aber man versucht es halt, wenn kein anderes Druckmittel zur Hand ist. Gerne genommen werden Schrapnelle aus der Ernährungstheorie – das eigene Kind isst nur laktose-, gluten- und zuckerfrei, vegan, koscher, in Anwesenheit einer Bezugsperson repressionsfrei entbundene Eier oder arische Marshmallows – oder das vulgärpädagogische Dogma: jedes Kind muss beim Wetthumpeln einmal gewinnen, sonst leidet die Integration der andersartig Begabten, und wenn schon einer alle drei Runden als Sieger durchsteht, dann bitte der eigene hochbegabte Rotzlöffel, der schon mit fünfzehn Monaten rhythmisch rülpsen und das Telefonbuch nach Quadratwurzeln einsabbern konnte. Endgültig dreht das inwendig blondierte Intellektgranulat am Rad, wenn einer der Sprösslinge an der Flasche mit natriumarmem Wasser ohne Kohlensäure nuckeln sollte, die für den eigenen Zellklumpen beschriftet war. Sollten sich Hitler, Stalin, Pol Pot und die Mistmutter im Raum befinden, in der entsicherten Flinte aber nur sechs Schuss sein: je einen in die Kniescheiben der Klötenkönigin, den Rest nach Möglichkeit verschleißfrei ins Zentrum. Muttersöhnchen neigen im Gegensatz dazu schon mal zum Spontanableben, gerne auch bleifrei. Der Friedensnobelpreis dürfte sicher sein.

Schon haben die erziehungswissenschaftlich geschulten Vollprofis die Zügel in die Hand genommen und lotsen die Blagen durch Motto- und Erlebnisnachmittage. Piraten und Leistungssport, Naturkunde und Rebirthing bucht der betroffene Kindshalter für seine Kleinen, um nach der jäh an ihnen vorbeirauschenden Zwangsbespaßung zu bemerken, was sie wirklich wollen. Denn zum Schluss des professionellen Eventgeschmodders finden auch die Vorturner sich mit den Kids wieder im Frittenparadies, um sich fettgeschwollene Klopse im Matschbrötchen hinters Zäpfchen zu schwiemeln. Wenn das Zeug rauskommt, dann auch auf dem elterlichen Flokati, aber wenigstens kann man sich dann beim Gouvernantement beschweren und das Honorar kürzen. Immer noch besser als Bundesparteitag.

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2 responses

7 11 2014
lamiacucina

Katzen lassen sich einfach besser halten.

7 11 2014
bee

Wenn sie das nur auch von uns dächten.

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