Ein und Kabel

11 11 2014

„Das kann man überstreichen.“ Da hatte Herr Breschke eigentlich recht, aber das galt auch nur für die dünnen, braunen Litze, die sich an der weißen Flurdecke entlangschlängelten, bis sie die gläserne Kuppel der doppelbirnigen Leuchte erreichten und folgerichtig in deren Fassung mündeten. Das leicht gelblich anmutende Verteilerkabel, das nun unten an der Fußleiste entlangführte, passte sich an die geblümte Tapete weitaus schlechter an.

„Könnten Sie mal gerade eben?“ Da ich auch aus genau diesem Grund überhaupt anwesend war, musste ich wohl können. Ich reichte Breschke die kleinen Schräubchen an, die es brauchte, um die Kabelschellen an der Fußleiste zu befestigen. „Damit das Kabel nicht so auffällt“, setzte er mich in Kenntnis. „Das ist in Altweiß gehalten, und die Fußleiste ist ja nun in Buche furniert, vermutlich ist das auch Kiefer, aber jedenfalls Holzoptik.“ Wer weiß, wo der Alte diese Kabel ausgegraben hatte, jedenfalls müssen sie bei der Herstellung einmal eine andersfarbige Ummantelung gehabt haben. „Meine Tochter hatte da eine billige Quelle in Spanien.“ Er hatte also meinen Gedanken schon erraten. Gut, dass er die anderen nicht kannte.

„Man muss sein Haus doch schließlich in Schuss halten“, sprach er mit aller Entschiedenheit, „wir wohnen hier schließlich seit – Bismarck!“ Der also angesprochene Dackel, der dümmste seiner Art im weiten Umkreis, ließ es sich nicht nehmen, selbst die Schellen der Tapetenkante zu examinieren und dabei seiner üblichen Beschäftigung nachzukommen, indem er seinem Herrn zwischen den Beinen umherlief. Immerhin trug er im Haus keine Leine.

Breschkes Fähigkeiten als Heimwerker waren wirklich alles andere als bescheiden zu nennen. Ob es die Wasserhähne in Gästeklosett waren oder die Jalousien im Schlafzimmer, stets hatte der Hausherr der baulichen Maßnahme Eigenleistung angedeihen lassen. Nicht alles war sofort mit einem bleibenden Erfolg gesegnet gewesen; sein Versuch, die Gummidichtungen im Küchenfenster zu wechseln, trieb noch heute in der Tischlerinnung ihr Unwesen als Schauermärchen, mit dem die Lehrlinge im ersten Ausbildungsjahr verstört wurden. Immerhin hatte sich die Ehe der Breschkes als sehr solide erwiesen. Nicht einmal das Experiment, den Geschirrspüler vermittels eines Phasenprüfers und einer Rohrzange zu reparieren, hatte sie zerstört.

Jetzt also die Elektroleitungen. „Weil wir den unteren Schalter hier unten haben und den anderen, der ist aber da drüben.“ Ich begriff. „Wenn ich nun diesen anschalte, ist hier die Lampe an.“ „Das entbehrt nicht einer gewissen inneren Logik“, gab ich zu verstehen, „und wenn man sie da anschaltet, schaltet man sie auch wieder aus.“ Er nickte, schüttelte aber sogleich heftig den Kopf. „Das ist ja das Problem.“ So viel ich auch von Physik verstand, Breschke war eine Wissenschaft für sich. Und nicht eben eine logische.

„Wenn ich hier nämlich anschalte, dann schaltet sich die Birne an – aber die draußen, die schaltet sich ja nur an, wenn jemand vorbeigeht.“ Es handelte sich um eine der überall so beliebten Kontrolllampen für den Außenbereich; würde also fortan jemand nach Einbruch der Dunkelheit die gut zwanzig Meter lange Auffahrt entlangkommen und das kleine Stückchen Kiesweg zur Haustür gehen, das grelle Licht vor der Haustür würde sofort die Nachbarn auf der gegenüber liegenden Straßenseite warnen. Immer vorausgesetzt, sie wären zu dieser Uhrzeit im Vorgarten, denn Direktor Klingebiel nebst Gattin hatten ihren Bungalow mit einem Dutzend Fichten in Nähe des Gartenzauns sehr gut geschützt. „Die sind bisher parallel geschaltet“, verkündete der pensionierte Finanzbeamte, „und deshalb wollte ich diese Kabelführung hier ändern – wenn sie in Reihenschaltung sind, kann man auch im Flur sehen, dass sich jemand vor der Haustür bewegt.“ Er zeigte mit dem Finger auf eine assoziative Anhäufung von Linien auf einem Stück Papier. Möglich, dass es sich um einen Schaltplan handeln sollte, aber ich verstand doch zu wenig von Physik dafür. Da es aber nicht einmal als moderne Kunst hätte durchgehen können, sah ich es als elektrotechnische Bemühung an.

„Wenn Sie jetzt auf diesen Schalter drücken, dann schaltet sich auch das Flurlicht um.“ Es schaltete sich zwar nicht um, als Breschke genau das Angekündigte auch tat, dafür verstummte das Radio im Nu. Wie ein alarmierender Schrei aus dem Obergeschoss vermuten ließ, war das gesamte Haus von dieser Unterbrechung betroffen; Frau Breschke konnte ohne Stromzufuhr nun einmal nicht mehr weiter bügeln. „Wahrscheinlich muss man hier die Reihenschaltung parallel führen“, überlegte er. Ich riet ihm, zunächst einmal die Sicherungen wieder reinzudrücken. Er blickte auf den Schaltplan. „Hier aus, da ein, und wo ist das Kabel?“

Vor meinem inneren Auge erschienen zwei Männer – Brüder vermutlich, sie sahen einander absolut nicht ähnlich – mit Lüsterklemmen und je einer Rolle Isolierband, wie sie eine komplizierte Glühlampe auszuwechseln versuchten. Der eine versuchte es auch, und gewaltiger Funkenflug war sein Lohn, der andere jedoch, dem dafür prompt Wohlgefallen zuteil ward, blätterte im Telefonbuch und bestellte einen Elektriker. Ein und Kabel, ich war mir sicher. Und irgendwie roch es gar nicht gut.

„Wenn man nämlich diese Parallelschaltung hier in Reihe setzt“, dozierte Horst Breschke, „kann man auch hier drinnen parallel, das heißt in Reihe, aber man kann dann hier anschalten, oder um, oder erst um und aus, und…“ Er knipste und wies mir dann die Tür. „Gehen Sie mal raus“, befahl er mir, „dann sehen Sie ja, was ich meine.“ Aber das musste ich gar nicht. Bismarck übernahm es, den Sensor auszulösen, da er gerade von einem kleinen Gang durch die Blumenbeete zurückgekehrt war. Er tapste durch die Tür. Schon ging im Flur das Licht an. „Großartig“, bestätigte ich, „das sieht man ja drinnen viel besser als die Leute vor der Tür.“ Breschke kratzte sich am Kopf. „Aber ich habe die doch in Reihe geschaltet?“

Es waren nur wenige Eimer Wasser nötig, dann sprang die Sicherung von selbst wieder raus. „So ein Schwelbrand kann schlimme Folgen haben“, bestätigte der Brandmeister. „Am besten lassen Sie die Wände erstmal richtig durchtrocknen, bevor Sie die Leitungen neu verlegen.“ Fassungslos schaute Herr Breschke auf seinen Plan. Gleich am andern Tag, so viel stand jedenfalls fest, würde er einen Elektrobetrieb anrufen. Auch wenn man sich davon noch Jahre später erzählen würde. Mit Schrecken.

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