Der dritte Weg

12 11 2014

„Sie können auf keinen Fall mehr in die rechte Szene zurück. Also nicht, weil Sie sich dafür als zu inkompetent herausgestellt hätten; dass Sie inkompetent sind, das wussten wir vorher. Aber die kennen mittlerweile ihre Gesichter. Sie sind da alle verbrannt. Ihre V-Leute sind nicht mehr sicher. Und unser Problem ist, dass wir Sie immer noch brauchen.

Gut, brauchen tun wir Sie nun wirklich nicht. Aber wir bezahlen den Verfassungsschutz nun mal, und da können Sie sich ja auch mal nützlich machen. Das Problem ist doch, die befreundeten Branchen entwickeln immer neue Technologien, und wir können denen nichts liefern. Jetzt hatten wir schon wieder einen Jahrestag, Mauerfall diesmal, und niemand hat angebissen. Nichts. Kein Attentatsversuch, niemand. Nicht einmal eine Drohung. Manchmal habe ich die Befürchtung, die meinen das mit der Demokratie ernst.

Auf keinen Fall. Nein, Sie können auch auf gar keinen Fall mehr in die linke Szene. Denken Sie doch mal nach! Nicht, weil Sie da bekannt wären, das ist absurd. Urbach ist weg, Celle ist zubetoniert, die meisten sind heute pensioniert, aber die linke Szene? Gibt’s doch gar nicht mehr. Ja, auch so eine Meisterleistung von Ihnen! Man hätte doch wohl erwarten können, dass Sie die irgendwie künstlich am Leben erhalten. Wir können doch nicht ein ganzes Jahr lang so tun, als sei der 1. Mai ein Vollzeit-Event! Warum ist denn da nie etwas passiert? Hatten Sie keine Zeit? Oder keine Lust? Das kann doch nicht nur an Ihrer generellen Unfähigkeit gelegen haben! Dann eben Islamismus. Wurde doch immer so gesagt, der Islamismus ist der dritte Weg.

Natürlich, Islamismus. Sie müssen irgendwie in die Islamistenszene rein und da Fuß fassen und dann Terroranschläge und – hatte ich das versehentlich als Bitte formuliert? Sie werden sich in diesem gesellschaftlichen Spektrum etablieren, meinetwegen nach einer Eingewöhnungszeit, und dann werden Sie in diesem Land eingenständige Terroranschläge planen, vorbereiten und vorher verhindern. Gegebenenfalls. Jedenfalls brauchen wir Erfolge, und da dürfen wir nicht wählerisch sein mit dem Mitteln. Dann gucken Sie sich mal den neuen Katalog an, was die Industrie inzwischen alles auf Lager hat. Körperscanner, dritte Generation, Trojaner für alle neuen Betriebssysteme einschließlich Windows XP, ein Briefpostdurchleuchtungsgerät, neue ergonomisch geformte Schlagstöcke, Plutoniummunition. Das kann man doch nicht alles einstauben lassen, oder? Das wurde doch erfunden und entwickelt und gebaut, da muss man es doch auch benutzen.

Dann lassen Sie Ihren Mitarbeitern halt Barthaar implantieren. So schwierig kann das auch nicht sein. Bei den SS-Tätowierungen waren Sie doch auch nicht so zimperlich, oder war das damals ein Problem? Ach, die hatten Ihre freien Mitarbeiter schon vorher? Konnte ich doch nicht wissen.

Wir basteln Ihnen da ein paar Legenden, dann können Sie zwanzig Mann bei ISIS einschleusen. Das ist mir doch egal, wie Sie das machen. Hauptsache, Sie kriegen das hin. Bisschen Arabisch kann man schnell, dann lassen Sie sich da unten was wegschnippeln, und wenn Sie ausreisen wollen, machen wir Ihnen keine Schwierigkeiten.

Also jetzt wird’s aber lächerlich. Frauenquote! Sie sind doch kein DAX-Konzern! Staatstragend! Wenn ich das schon höre – staatstragend! Staatstragend ist die Deutsche Bank, aber keine Bundesbehörde, klar!? Deshalb können Sie sich auch Ihren Mindestlohn in die Haare schmieren. Und da wir gerade dabei sind, Ihre Frauenquote gleich mit. Oder sollen wir denen allen einen Bart ans Gesicht kleben und sie zur Ausbildung zu den Saudis schicken!?

Sie werden da unten ein bisschen kämpfen, vielleicht drehen Sie auch so ein Dschihad-Video, wir müssten vorher mit dem Bundesinnenminister den Termin festmachen. Zwei Wochen vor der Wahl geht nicht. War beim letzten Mal auch schon fast aufgekippt. Einen Monat mindestens, dann kann man auch noch angemessen reagieren, und der Wähler hat sich in den letzten Tagen vor dem Urnengang schon wieder von der Polizeipräsenz erholt. Hauptsache, es sieht gefährlich aus.

Als Gesamtpaket. Sie werden vor allem dafür sorgen, dass die Bedrohungslage in Deutschland nicht plötzlich zu entspannt wird. Wozu brauchen wir sonst den Verfassungsschutz. Doch wohl nicht, um die Verfassung zu schützen. Gehen Sie da rein, bringen Sie in Erfahrung, wer denen bisher welche Waffen geliefert hat, und finden Sie möglichst auch noch den Preis raus. Wir wollen ja konkurrenzfähig sein. Und dann versorgen Sie die mit Informationen über Ballungszentren. Kartenmaterial von Hamburg und München, geheime Baupläne des Bundestages, technische Daten unserer Internetverbindungen zu den amerikanischen Verbündeten – am besten bringen Sie denen ein bisschen Hacken bei, oder Sie lassen sich das von denen zeigen – und dann rufen Sie uns rechtzeitig an, wenn Sie gesicherte Informationen haben zu einem Attentat auf ein Mitglied der Bundesregierung. Oder ein deutsches Einkaufszentrum. Oder die Website einer Kreissparkasse. Wir kriegen die. Diesmal kriegen wir die. Und dann gibt’s Tote, das äääh… schwöre ich Ihnen.“

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