Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXVI): Die Vermessung des Ich

14 11 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann, und es muss sehr viel Schnaps gewesen sein, ballerte sich dieser bisher recht unauffällige Mittdreißiger die Birne an der Keramik ein. Die Kalotte zeigte nur mäßige Stressanzeichen bei der Kaltverformung, an Synapsenmarmelade schwappte auch nicht gerade der beste Stoff herum, kurz: es war Zeit für eine Veränderung. Neustart. Bei etwas weniger bläulichen Flecken wäre er schlagartig religiös geworden, bei leicht schrägem Aufprall nationalistisch-homophob, und nur dem Nachhall im Hirnstamm, der auch vegetative Vorgänge wie die Sauerstoffversorgung regelt, ist es zu verdanken, dass die Sache mit einer sauber neoliberalen Delle abging. Leider geht der Patient inzwischen auch der Umwelt auf die Plomben, indem er sich selbst zum Maßstab der Gesellschaft aufschwingt. Er vermisst sein bisschen Ich.

Tausende schwiemeln ihre bescheidenen Existenzen in Datenblöcke, protokollieren manisch und mechanisch Puls, Herzschlag und jeden einzelnen Schritt, abgeglichen an der objektiven Satellitenkarte, an Atomzeit und Börsenkurs, und sie verbringen ihre verhältnismäßig geringe Freizeit damit, die Korrelationen zwischen Schweißverlust und Hornhausentwicklung in Kausalitäten zu stopfen. Was sie glücklich macht, ist der deutlich messbare Unterschied vollkommen irrelevanter Parameter – Speichelfluss, Oberarmumfang – und die hysterisch sich steigernde Möglichkeit, aus allem eine Wissenschaft und damit sich selbst zum Nabel dieser Welt zu machen. Wen, und dies schließt selbstverständlich alle bei klarem Verstand durch die Umwelt torkelnden Hominiden mit ein, würde der gesammelte Nasenhaarvorrat eines App-Benutzers auch nur ansatzweise interessieren?

Verwunderlich, dass die selbst ernannten Transparenzfanatiker zwar Kohlehydrate und Kalorien säuberlich auflisten, nicht aber, was nach dem Verbrennungszyklus daraus wurde, geschweige denn Gewicht, Temperatur, spezifische Dichte und Farbe. Hat einer von ihnen je mit einer Statistik bewiesen, Schnarcher zu sein? Wir häufig bilden sich bei ihm Schleimhautabsonderungen, in welcher Geschwindigkeit wachsen seine Fußnägel, wie und wo und warum bilden sich bei ihm erkennbar gut- wie bösartige Epithelzellen? Hat denn die Umwelt nicht inzwischen ein Recht, sich Blutdruck und Blutzucker, Lungen- und Leberwerte reinzuziehen? Kann uns sein pH-Wert egal sein, sein Eisprung – Männer sind hier natürlich im Nachteil, sie haben hin und wieder unentschuldbare Lücken im Schema – oder seine Magensäurekonzentration?

Der leistungsfähige Knalldepp, der sich virtuell auf die Primatenbrust trommelt, will natürlich nicht unerwähnt lassen, dass er mit seinem Quotienten aus BMI und Blutalkoholkonzentration voll der scharfe Hecht für den Vorstandsposten wäre, fit und fertig, ein Raubtier, das gerne über Leichen geht, Märkte penetriert, linearen Produktabsatz garantiert und für einen Rollout gerne ganze Kontinente wie Dreck in den Boden stampft, hart wie Kruppstahl. Dabei vergisst diese Witzfigurine, dass eine echte Führungspersönlichkeit vulgärexhibitionistische Jammerlappen jener Gestalt nicht einmal als Pausenclowns mit Selbstzerfleischungsnummer um sich duldete, da an dieser distanzlosen Auflösung des Ego immer auch etwas vom nicht gerade gezeichneten Ich bleibt, das mit peinlichen Erdenresten hausieren geht: wer sich so eifrig zum Objekt der allfertigen Durchleuchtung macht, ist zum Sklaven geboren und wird, Glück vorausgesetzt, als solcher beschäftigt, andernfalls hat er einfach nichts zu verbergen. Womit er endgültig für eine leitende Funktion in dieser Gesellschaft vollkommen ungeeignet wäre.

So bleiben für den soi-disant Normalbürger nur zwei Anwendungen. Zum einen kann sich endlich jeder, der nur schüchtern seine Trainingszeiten beim Stadtparkjoggen in die Gegend geflüstert hatte, zum Mittelpunkt der eigenen Befindlichkeit machen. Wer bisher keine Aufmerksamkeit bekam, weil sich niemand für die Zusammensetzung seiner Sekrete interessiert hat, steht endlich im Zentrum einer eigenen Welt, wie sie tausend kleiner Mädchen mit ihrem Tagebuch erleben, wohlwissend, dass es nie jemand wird freiwillig lesen wollen. Die Zielgruppe ist endlich gefunden, und jedem wird zuteil, was er bisher an Befriedigung entbehrt hatte.

Schlimmer ist allerdings die andere, wenngleich auch tröstlicher. Denn was könnte den gemeinen Hypochonder tröstlicher stimmen als ein ständig aktualisiertes Konvolut aus Daten, das ihm dem mählichen Zusammenbruch der Körperfunktionen mit glasklaren Fakten vor Augen führt, nackt und unbarmherzig, maschinenlesbar und für jeden anderen der mitleidlos Bekloppten ubiquitär im Netz abrufbar. Bald lesen die Krankenkassen mit und schicken ihn rechtzeitig zum Facharzt, falls seine Arthrose sich nicht bessert. Wo auch immer er sie sich geholt hat.

Advertisements

Aktionen

Information

One response

6 02 2015
thesubtech

Hat dies auf thesubtech rebloggt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s