Kohle

17 11 2014

„Und nachmittags vielleicht mal eine Viertelstunde der Nahles zuhören, okay? Das wird schon wieder, vertrauen Sie mir. Wir haben das immer irgendwie hingekriegt. Nur Mut!

Ja, Sie lachen! Aber ich mache das hier ganz allein, und die Arbeit reißt nicht ab. Arbeiterpartei? Wie witzig. Der musste ja kommen. Intelligenter wird’s bei Ihnen heutewohl nicht mehr. Hier wird Leistung gezeigt, und wir ducken uns auch bei den weniger angenehmen Aufgaben nicht weg – das hat der Parteivorstand so beschlossen, und da ich der einzige Mitarbeiter hier im Willy-Brandt-Haus bin, der momentan noch Kapazitäten frei hat für die bundesparteiinterne… –

Hotline Sozialdemokraten in der SPD? Sie sind selbst betroffen, oder rufen Sie eventuell für einen Angehörigen an? Ach so, nein. Nein, das muss die Parteiführung wieder irgendwie verwechselt haben. Wir kümmern uns hier nur um den Ist-Zustand. Das liegt unter anderem daran, dass der gegenwärtige Zustand der Partei in einem Zustand ist, dass man Zustände… – Nein, Sie können hier auch keinen Sozialdemokraten ordern. Wofür brauchen Sie denn einen, für den Karneval? Ach, für den Ortsverein. Dann mal viel Glück auf der Suche. Wir haben hier keinen abzugeben. Wiederhören!

Da haben Sie es. Wir müssen mit den ganzen Anfragen zurechtkommen, der Bundesvorstand hat den Koalitionsvertrag nicht gelesen, weiß aber genau, warum nicht, dreimal täglich faxt irgendein Parteiflügel Drohungen, dass wir unsere Aufgaben besser erledigen oder aber sofort einstellen sollen, und ich weiß auch nicht. Manchmal wache ich nachts auf und stelle mir vor, wir sind schon die FDP, und dann rufe ich im Reichstag an und stelle fest, nicht mal das stimmt. Und dann gehe ich hier in mein Büro, sehe mir diesen Papierkram an, den die mir jede Woche aus dem… –

Hotline Sozialdemokraten in der SPD? Bochum? Kenne ich, war ich schon mal. Ist aber lange her. Einsammeln? Wieso wollen Sie die Leute alle nach Bochum karren? Haben Sie mit Ihrem Landesverband nicht schon genug Stress an der Backe? Und wieso duzen Sie mich ständig? Wie jetzt, Genosse? Sonst alles frisch im Oberstübchen? Kumpel? Arbeiterverein? Mann, gehen Sie doch zur Sozialistischen Internationale, wenn’s Ihnen hier nicht passt! Und seien Sie froh, dass Sie noch Arbeit haben, wenn sich Sigmar Gabriel durchsetzt, dann sieht das aber für Nichtakademiker wie Sie ganz duster aus! Gehen Sie doch nach drüben, da regiert doch bald die SED wieder! Machen Sie uns hier nicht die Parteidisziplin kaputt, Sie Stalinist! Ja, Sie mich auch!

Sehen Sie, das ist der Ist-Zustand: wir haben durchaus Anzeichen einer noch nicht bekämpften Infektion in der Partei, aber den Leuten fehlt das Problembewusstsein. Die waren vielleicht früher mal sozialdemokratisch, oder nur demokratisch, ein paar waren auch sozial, einige sozialistisch, aber die haben sich einfach nicht an die Anforderungen der Gegenwart gewöhnt. Das bleibt jetzt an uns… –

Hotline Sozialdemokraten in der SPD? Ja, Sie haben die richtige Nummer gewählt. Das hier ist die Beratung für Aussteiger. Haben Sie denn schon lange das Gefühl gehabt, dass Sie einfach nicht mehr wollen? dass Ihnen diese ganze Orientierung nicht mehr passt und Sie Ihr Leben von Grund auf verändern müssen? Das klingt schon mal sehr gut, da würde ich jetzt spontan sagen, dass Sie den richtigen Leidensdruck aufgebaut haben. Warten Sie mal, ich kriege gerade ein Fax auf der anderen Leitung – nehmen Sie das mal bitte, füllen Sie das aus, Stempel liegen hier drüben, unterschreiben Sie in Vertretung, und da ist der Aktenvernichter – so, bin wieder da. Ich unterstütze Sie natürlich bei Ihrer Therapie, das ist ganz klar. Hatten Sie sich schon für eine Art entschieden? Sie gehen zur Union? Das ist sehr gut! Da werden Sie… –

Natürlich ist das gut! Ob die hier oder in der CDU Sozialdemokratin ist, das Ergebnis ist doch dasselbe, und wenn ich mich entscheiden dürfte, die sollen doch vor ihrem Burnout alle noch schnell zur Konkurrenz wechseln, dann haben die den Flurschaden und nicht wir!

Hallo? Ja, ich bin noch dran. Also in die Union. Ich könnte Ihnen das Optionspaket Rot-Grün auch anbieten, aber dazu müssten Sie entweder in der Zielgruppe Besserverdienende sein oder aber Beamtin. Ja, das hatte ich mir schon gedacht, als Beamtin ist man sicherlich nicht so interessiert an einer sozialdemokratischen… –

Jetzt hörten Sie auf, mir dazwischenzureden! Als Beamter ist Ihnen das doch egal, wer keinen Mindestlohn kriegt und wie hoch der gewesen wäre. Da wollen Sie Ihren Status verteidigen, und fertig. Die machen das genau wie Gabriel: wenn Sie an Ihre Zukunft denken, Kohle ist unverzichtbar.

Dann wünsche ich Ihnen noch einen guten Umstieg, Sie schicken uns einfach Ihr Parteibuch zu und wir entsorgen das bei nächster Gelegenheit. Danke und Wiederhören! – So, und jetzt müssen Sie mich bitte entschuldigen, ich habe noch einen Termin drüben im Sitzungssaal, da kann ich Sie nicht mit hinein nehmen. Meeting mit dem Vorstand und so. Einer muss da ja einschreiten. Oder haben Sie eine Idee, wie wir diese Nachwuchsprobleme in den Griff bekommen sollen?“

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