Stresstest Dummies

19 11 2014

Fast unmerklich rollte der Zug an, nahm dann aber rasch an Geschwindigkeit auf. „Ein total neues Fahrgefühl“, schwärmte Zieselinski. „Modernität pur. Wir werden mit diesem Zug an die Weltspitze kommen, zwar nicht in Deutschland, aber: an die Weltspitze. An die Weltspitze!“

Er guckte sich ängstlich um, während er in einem albern groß karierten Anzug durch den Schnellzug stolzierte. Zieselinski schlug sich auf die Brust wie ein Primat. „Das ist der erste führerlose Zug“, prahlte er, „der erste, der ohne einen Zugführer fährt! Wir sind als technologische Nation damit ganz weit vorn und werden…“ Ich tippte ihm auf die Schulter und zeigte auf den Mann am Schaltpult. „Ach so“, murmelte er. „Das konnten Sie ja nicht wissen.“

Der Kollege in der Lokführeruniform drückte nach Belieben ein paar Knöpfe, zog hier und da einen Hebel und drehte am Rad. Die Fahrgäste blickten auf ihm mit Wohlwollen, versanken in ihrer Morgenzeitung und schlürften einen Grüntee im Pappbecher. „Alles geschmeidig“, beruhigte Zieselinski mich. „Alles absolut geschmeidig, der Mann hat vorher als Postbote und im Parkhaus gearbeitet, der weiß schon, wie man eine Uniform trägt. Alles okay!“ Offenbar lag es an der Anwesenheit des Zugführerdarstellers, dass die Fahrgäste sich nicht stießen und den automatischen Zug in großem Vertrauen benutzten.

„Wir mussten etwas unternehmen“, gestand Zieselinski. „Die Probepassagiere meuterten, wir waren am Ende mit unserer Weisheit. Keiner würde den Zug bei einem Unfall anhalten, keiner die Türen schnell genug im Tunnel verschließen – es war ein Desaster.“ „Dabei würde auch ein Lokführer aus Fleisch und Blut die Züge nicht rechtzeitig stoppen“, mutmaßte ich. „Und keiner würde so regelkonform handeln und so unemotional wie ein Automat, der die Züge steuert.“ Zieselinski nickte. „Wir haben in einem guten Dutzend Städten dieselben Erfahrungen gemacht.“ Ich runzelte die Stirn, aber er hatte es noch rechtzeitig bemerkt. „Natürlich nicht in Deutschland.“ Während in der übrigen Welt seit Jahren die Schnellzüge ohne Personal durch die Städte schossen, setzte man hier auf eine Truppe uniformierter Clowns. „Und genau da setzt unser Personalkonzept an“, brüstete sich Zieselinski. „Wir schaffen Arbeitsplätze – zwar nicht qualifiziert, aber das ist ja auch nicht unbedingt erwünscht – und fangen die Ängste der Kunden auf. Man muss ja reagieren, und so schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Naja, anderthalb.“

Seine Unternehmensbroschüre war nett gestaltet und hübsch illustriert. Sie lieferten tatsächlich einen kompletten Personalstamm für Unternehmen, die aus nicht mehr als einem Briefkasten bestanden. „Wir sind im internationalen Bankengewerbe tätig“, bestätigte Zieselinski. „Den letzten Durchlauf der EZB hätten wir gar nicht ohne unsere Stresstest Dummies durchgestanden.“ „Und was mussten diese Leute können?“ Er lächelte. „Nichts. Wir hätten auch je einen Sack nasse Wäsche an die Schreibtische setzen können, da hätte ungefähr dem Horizont von Investmentbankern entsprochen, aber wir haben es nicht getan.“ Ich blickte ihn fragend an. „Ein Sack nasse Wäsche verlangt keine Boni.“

Es war erstaunlich, mit Zieselinski durch die Straßen unserer Stadt zu gehen. Hier und dort, meistens da,wo man es am wenigsten vermutet hätte, deutete er mit einem Finger auf die Schaufensterscheibe. Dort also saßen seine Mitarbeiter. „Wir sind überall.“ Innerlich schüttelte mich diese Vorstellung, von unproduktiven Produktivkräften überkommen zu sein, doch er machte sich scheint’s gar nichts daraus. „Sie leisten nichts, sie sind nicht qualifiziert und hinterlassen doch den Eindruck, kompetente Mitarbeiter zu sein. Man kann nicht auf sie verzichten, denn sie sind ein integraler Bestandteil unserer Wirtschaft.“ Ich wollte gerade zu einer empörten Antwort ansetzen, als er mich aus schmalen Augen anblitzte. „Wann“, fragte er schneidend, „waren Sie zuletzt in einem Heimwerkerfachmarkt?“ Ich schwieg betroffen.

Taxifahrer kreuzten unseren Weg. In den Imbissbuden drehten die Wurstverkäufer ihre Ware auf dem Rost. Müllmänner rollten die Tonnen hinter sich über den Gehsteig. Fahrradkuriere kurierten auf ihren Fahrrädern. Noch gab es viel zu tun. „Man kann ja auch nicht alles revolutionieren“, tröstete ich ihn. „Natürlich werden wir durch die weiter fortschreitende Technik Arbeitsplätze verlieren, aber damit müssen wir uns abfinden. Und ich bin mir sicher, Sie werden trotz alledem einen sehr großen Beitrag zur…“ Abrupt steckte er mir seine Visitenkarte zu. „Nur für den Fall, dass Sie mal als Bundeskanzlerin zur Verfügung stehen sollten.“

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