Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXVII): Technikangst

21 11 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Schon recht früh trennten sich die Wege der Hominiden. Während die eine Horde fröhlich Hieb- und Stichwaffen schwartete, um Säbelzahnnashorn à la crème für die Höhlenbelegschaft zu bereiten, müffelte die andere missmutig an ihren Pizen herum, starb zwischendurch ein bissel aus, kurz: sie änderte den Gang der Geschichte nicht. Sie hockte nur griesgrämig an der Felswand und knirschte mit den verbliebenen Zähnen, denn sie wusste, es würde ja alles ein böses Ende nehmen, wenngleich sie auf eine andere Art Recht hatte. Sie verschwand so gut wie. Bis auf die Botschaft, die tief verwurzelt im ihrem Gejammer noch heute vom Himmel hallt, wenn es Teile regnet. Die Angst vor der Technik macht sie paranoid, und der Rest muss es leiden.

Irgendwo im Nirgendwo wird ein Metallmast in die Ebene geschwiemelt. Stunden später schallt die Steppe von winselnden Anrainern, die in ihrem bohrenden Kopfschmerz eine Bürgerinitiative gegründet haben, den tödlichen Mikrowellensmog auszumerzen. Scharen von Knalldeppen wälzen sich durch die schuldlose Landschaft, bis der Abteilungsleiter der Landschaftsschutzbehörde erklärt, dass der Laternenmast erst in frühestens drei Jahren ans Stromnetz angeschlossen wird. Fahrkartenautomaten, beschichtete Bratpfannen, Hosenknöpfe – was Fortschritt ist, bestimmt das Bezugssystem, und das hat immer einen Rand von Dummklumpen.

Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte haben die vernünftigen Bürger mit dem Einheitsargument des gesunden Menschenverstandes™ zugebracht, den sorglosen Mitbürgern die hinterhältigen Segnungen der Zivilisation auszureden. Erst waren es die schlimmen Eisenbahnen, die jeden ab einer Geschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde unweigerlich erst doof und dann tot machen würden, hernach das Automobil, das durch die Kompression der inneren Organe nicht mehr als 50 km/h zulassen sollte, und schließlich war es das Flugzeug, reisend in Höhen, bei denen dem durchschnittlichen Passagier sofort die Gedärme zu den Ohren herausquellen würden, während sein Blutdruck durch die Poren jodelt. Sie haben natürlich alle Recht behalten, und dass wir beim aktuellen Fernreiseverkehr und seiner wirtschaftlichen Verwertbarkeit noch nicht jede Woche eine Hälfte der Menschheit kompostieren, liegt sicher daran, dass man in diesem Mainstream die Wahrheit nicht einfach so aussprechen dürfe.

Natürlich kann man mit diesen tragbaren Telefonen prima einen Bankraub verabreden, zur Weltrevolution aufrufen oder heimlich verschreibungspflichtige Medikamente in Verkehr bringen, aber das kann man in Fernsprechzellen und mit dem Bleistift auch, und wer würde dafür schon den Bleistift an sich verbieten wollen. Außerhalb des Wahlkampfes in obskuren rechtspopulistischen Parteien jedenfalls.

Wie albern ist das angesichts der geradezu hörigen Affirmation, die die konservative Schicht in höchster Ekstase hechelt, sobald große Brudervölker Waren und Technologien bereits vorgekaut haben. Fracking? super Idee, die Amis hatten auch schon keine Zeit, sich damit zu befassen. Schnuller aus Weichmacherplaste? solange es von impotenten Chinamännern hergestellt wird, kann es für unsere teutonischen Säuglinge gar nicht schlecht sein. Nanopartikel im Deospray? sicher nur Streubelege, die dem Hersteller von Wissenschaftlern untergejubelt werden. So feiert auch die Klimaerwärmung ihren Siegeszug, weil sie zum Augleich schönen Schnee im Winter bringt, glücklicherweise auf anderen Kontinenten.

Der auf die Segnungen des immer Gleichen genordete Bekloppte nimmt also Teerstraßen bereits als Teil der Natur wahr, lehnt aber Windräder als neumodisches Teufelszeug ab, weil niemand das in Mutter Erde gewachsene Plutonium ersetzen kann. Die Produkte der chemischen Industrie lehnt der denkabstinente Dauerallergiker ab, es sei denn, sie lassen die bunten Stückchen in der gallertartigen Salatsauce schweben, die fertigkanisterweise im Discounterregal lauert. Malaria und Grippe sind bäh, aber Hauptsache, wir gebrauchen keine Biotechnologie, um den Schmadder loszuwerden. Und wenn doch, dann lassen wir andere Länder das Geschäft erledigen, am besten die, denen wir auch die Schnuller abkaufen, denen wir Hektoliter an giftiger Plempe überlassen, die mangels unserer Umweltschutzgesetze lässig in den Boden suppt und ganze Nationen zu Kloaken umfunktioniert. Gut, dass das nicht hier passiert. Mit Windkraft und Internet sind wir ja schon genug überfordert. Und mit der Frage, von welcher der beiden Horden wir nun wirklich abstammen. Und warum. Und wie lange noch.

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