Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXVIII): Marktforschung

28 11 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Man stelle sich eine Heilige Messe im ausgehenden Mittelalter vor. Der Kleriker leiert die Liturgie vor sich hin, das Volk schluckt routiniert den gebügelten Mehlpapp mit einem wänzigen Schlöckchen Tütenwein – und sofort wispert ein Ohrenbläser auf die Meute ein. Ob der Wein zu süß, etwas zu süß, etwas zu wenig süß oder gerade recht gewesen sei? die Oblate ordnungsgemäß dünn, viel zu dünn, nicht so sehr dünn oder ich-weiß-es-doch-auch-nicht ist? Und ob das immer so sei, und wenn es so sei, wäre das gut, besser, schlechter oder wen-interessiert-eigentlich-der-Scheiß? Und was man von Markennamen wie Eat & Pray hielte? Leichnam to go? Und ob man sich, der metaphysischen Dimension des Brot-und-Wein-Spektakels inne, für das Abo-Modell mit dreimal Schlucken und viermal Absolution erwärmen könnte, Herrenfeste inklusive? Der Mord im Dom wäre nur eine Frage der Zeit gewesen (zu schnell, etwas zu schnell, zu langsam, könnte schneller sein, gerade richtig, bitte fragen Sie meinen Nachbarn oder Schnauze jetzt), die Erfindung der Marktforschung war auch eine. Keine gute übrigens.

Von der Idee, Brot in Scheiben zu schneiden, über den supidupi Slogan Schnittbrot provoziert – Schnittbrot regt auf bis zur Verkostung von Voll- und Mehr- und Sechskornbrot schwiemeln sich die Hohlschwätzer eine Daseinsberechtigung aus den Rippen. In alten Zeiten, als noch ordentlich Brot verkauft und nicht lineare Absatzmärkte penetriert wurden, maß man den Erfolg an der Nachfrage. Inzwischen muss das reale Wachstum an der Dinkelkrustenfront die Erwartungen des Vorjahresquartals um mindestens zwei Prozentpunkte toppen, sonst steigen die Aktien zwar auch, aber nicht schneller (viel schneller, erheblich viel schneller, etwas schneller) als erwartet. Außerdem müssen sie wissen, ob chronische Mehrkornkauer auch blaue Bömmel an den Verpackungen tolerieren, weil Einheitsfarbe im Jahr eine Menge Produktionskosten sparte. Und ob es mehr oder weniger als fünf Prozent sind, denen das Verschlussteil an der Sitzfläche vorbeigeht.

Das Selbstgespräch der verhaltensauffälligen Deppen aus der Marketingabteilung kultiviert seine paranoiden Züge größtenteils durch Projektion auf die Kundenschicht. Wird der Verbraucher den Teppichreiniger und seine Schaumentwicklung auf einer Skala von eins bis sieben mit einer fünf bewerten, am Ende gar höher? Wird er den Schaum als fest, seine Konsistenz gar als sahnig, grobporig oder voluminös bezeichnen, vollkommen abgesehen von der Tatsache, dass die Plempe den Dreck auf dem Flokati holt? Wumpe. Zehn Jammerlappen schreien sich gegenseitig an, denn sie wissen, dass die Hälfte von ihnen nach dem Relaunch des Scheuerzeugs an die Frischluft gesetzt werden wird, sie wissen nur noch nicht, welche Hälfte. Möglicherweise sind die drei darunter, die für den Farbton Citro plädiert hatten, statt das Gebräu (farbidentisch unterhalb der Wahrnehmungsschwelle) als Blasser Sonnenaufgang über einem flandrischen Frettchenfriedhof zu taufen. Wenn der Mist floppt und der Vorstand einen Sündenbock braucht, dann ist die Verkaufsabteilung froh, dass die jemanden dafür kreuzigen können.

Ebenso wird die Werbung an die Wand gestellt. Den Vorstandsgnom ficht nicht an, dass er das Verbalgewölle abgenickt haben könnte, er will nur lauthals den epochalen Unterschied zwischen knusperfrisch und knabberknackig herausarbeiten, weil er den durchschnittlichen Keksesser für gewillt hält, sich einer ontologischen Grundsatzdiskussion zu unterziehen, bevor er sich die Backware hinters Zäpfchen zwirbelt. Die Realität als immer wieder gerne für marktrelevant gehaltene Variable hat hier keine Chance, und wer hätte dafür schon Verständnis? Sicher keiner, es sei denn, er habe sich vorher im Vorübergehen mit grassierender Politik, Bankenwesen und anderen Verschwörungstheorien befasst.

Sollte der durchschnittliche Verbraucher im Supermarkt seines geringsten Misstrauens bald das Tablett mit Käsewürfelchen unter seiner Nase finden, er wird bestimmt pro Happen eine meterlange Liste ausfüllen, die ihm datentechnisch in die Poren kriecht und nur eines herausfinden will: ob er blaue Verschlusspfriemel hinnimmt und trotzdem seinen Teppich schamponiert. Gerne, sehr gerne, ausgesprochen gerne, widerwillig oder gezwungenermaßen, weil der ganze Krempel eh dieselben Drecksäcke reicher macht, denen sowieso schon alles gehört. Wozu sollen diese Hohepriester des sinnlosen Konsums noch wissen, welchen Käse wir kaufen, wenn ihnen längst jede Kuh gehört. Sollte der durchschnittliche Verbraucher demnächst am Telefon von einer säuselnden Stimme aufgefordert werden, sich zu erklären, wie gerne er die Fragen beantwortet, er, der Verbraucher, sollte die Antwort mit einer Trillerpfeife geben. Gern, sehr gern sogar, und ausgesprochen gern immer wieder.

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3 responses

28 11 2014
timomaar

Ich habe die ersten Sätze und Wörter gelesen bis:“.. und wenn es so sei…“, dann wurde mir klar, das hier ist viel zu sarkastisch und viel zu raffiniert um es zu ende zu lesen. Next time.

28 11 2014
bee

Die jüngere Generation ist so leicht zu verstören.

6 02 2015
thesubtech

Hat dies auf thesubtech rebloggt.

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