Bis zum Äußersten

10 12 2014

Sie war ein wenig dürr und eher klein geraten. Außerdem schien sie nicht ganz standfest. Aber Herr Breschke hatte sich sofort in sie verliebt. „So ein wunderbares Exemplar“, schwärmte er. „Und er hat sie mir zum Sonderpreis gelassen, weil er Platz für die Nordmanntannen brauchte. Glück muss man haben!“

Das Bäumchen stand auf einem kleinen Podest, genauer gesagt: einem leicht zum Wackeln zu bringenden, da leeren Pappkarton, den Frau Breschke mit rotgoldenem Papier beklebt hatte. „Es sieht wirklich festlich aus“, stellte der Hausherr fest. „Weihnachtliche Farben, das passt auch so schön zur Adventsschale, und dazu haben wir in diesem Jahr auch das hübsche Gesteck von Doktor Klengel geschenkt bekommen.“ Ich musterte die Wohnung mit zusammengekniffenen Augen. Alles leuchtete, glitzerte und verbreitete eine penetrante Stimmung, die sofort dazu animierte, ins Freie zu entfliehen. „Großartig“, pflichtete ich bei, „wirklich wundervoll. Und dabei haben Sie noch nicht einmal den Baum geschmückt.“

Bismarck schaute aufmerksam zu, wie Horst Breschke den Kasten die Kellertreppe herauftrug. Er lief seinem Herrn nur einmal kurz zwischen die Beine – der touchierte mit dem Ellenbogen auch nur eben das Adventsgesteck, das auch prompt ein wenig zu rieseln begann, allerdings nur in die ohnehin saugbedürftige Perserbrücke. „Er ist ja immer so aufgeregt“, beruhigte er mich. „Es ist ja wegen – also, ich meine, ich kann Ihnen das – aber Sie dürfen auch nicht lachen!“ Ich runzelte die Stirn. „Der Baum, richtig?“ Breschke nickte verschämt. „Man kann einen Dackel nicht täuschen, wissen Sie? Er sieht sofort, dass es ein Baum ist, ganz egal, was wir da reinhängen.“ Ich hatte den Deckel der Schmuckschatulle schon leicht gelupft. „Schmücken Sie“, riet ich. „Schmücken Sie bis zum Äußersten. Geben Sie nicht auf, es ist genug von allem da.“

Fuder von Lametta quollen aus einer Papiertüte. Die Silberstreifen waren teils silbern und teils nicht, manche breit, manche weniger, manche nicht mehr eindeutig als Lametta zu identifizieren. „Früher war ja mehr“, seufzte Breschke. „Aber wir haben auch schon seit Jahren keins mehr gekauft, und die ganzen Reste reichen kaum noch für einen Baum. Deshalb haben wir auch nur noch einen kleinen.“ Die Flitterfäden hingen wirr herunter. Er war hier und da ein Nest in den Baum. Die Äste schaukelten bedächtig. An der linken Seite neigte sich eine große Gabelung. Der pensionierte Finanzbeamte hängte zum Ausgleich rechts auch noch ein paar Stanniolsträhnen hin. „Für die Symmetrie“, ließ er mich wissen. „Das muss doch ebenmäßig und harmonisch und – halt, das sind die großen Kerzen!“

Schon hatte er mir die Glühlämpchen aus der Hand genommen. Immerhin waren es nach diversen Explosionen und Experimenten im häuslichen Hochspannungsbereich nur noch zwei Dutzend weiße Elektrofunzeln, die an einer Strippe um den Baum gewunden werden konnten. Kein in kursiven Hieroglyphen verfasster Warnhinweis informierte den Benutzer, vor Inbetriebnahme der Lichter ein Testament abzufassen und das Weite zu suchen. Das Ding stammte also nicht von Breschkes Tochter, die es auf einem andalusischen Markt durchreisenden Kasachen abgekauft hatte, sondern ganz normal aus dem Kaufhaus. „Meine Frau besteht darauf.“ Fast wirkte er geknickt, dass sie so offensichtlich am Leben hing, aber immerhin ersparte dies alle Jahre wieder eine längere Diskussion. Breschke fummelte das Kabel durch den Baum. „Da oben“, keuchte er, „und hier – aber nicht rechts, hören Sie?“ Ich zog, aber das Material erwies sich als Draht und somit nicht endlos dehnbar, nicht einmal ein bisschen dehnbar, denn es handelte sich ja schließlich um Draht. „Hier unten oder da oben.“ Ich stellte ihn vor die Entscheidung. Allerdings war die Kette da auch schon zu Ende. Rechts hingen gleich zwei Äste ziemlich tief, was an den etwas gebündelt auftretenden Lichterkettenlichtern liegen mochte. „Warten Sie“, tröstete er, „wenn die Kugeln erst einmal im Baum hängen, wirkt das gleich viel ausgeglichener.“

Richtig, die Kugeln. Bismarck hatte die ganze Zeit in halb ängstlicher Spannung auf dem Sessel gelegen und war nur aus den Augenwinkeln dem Treiben in der Zimmerecke gefolgt. „Wenn sie vor den Lichtern hängen“, erklärte Herr Breschke, „dann scheinen sie besonders schön. Also die Kugeln, nicht die Lichter, obwohl die ja…“ Die Äste schaukelten behäbig unter der Last des ganzen Behangs. An der rechten Seite zog eine Kugel samt Kerzen den Baum in die Schräge. Gegenüber wirkte das Lametta der Fliehkraft entgegen. Bismarck hob den Kopf, hüpfte vom Sessel und trottete zum Tännchens. Andächtig setzte er sich zu Füßen des geschmückten Nadelgehölzes, stumm und in höchster Erwartung, was nun kommen möge. Ich verkniff mir jede Bemerkung, und ob Horst Breschke etwas auf der Zunge gelegen hat, wer weiß das noch.

Was dann geschah, dauerte nur einen unendlich langen Augenblick. Wie in Zeitlupe ging ein Stoß durch die Tanne, vielmehr ein Nachgeben, mit dem die ganze Masse an Glaskugeln, Lametta und Lichterkette nebst Strohsternen, Messingengelchen und Schokoladenplätzchen von hinten Schlagseite bekam und in einer Sekunde erst rauschend, dann mit einem hässlichen Geschepper in die Weihnachtsstube hineinkippte, Stanniolpartikel wie eine Schneekanone in den Raum hineinschießend und Doktor Klengels Gesteck mit den Scherben der splitternden Kugeln unter sich begrabend. Der laut triumphierende Verkündigungsengel landete genau auf Breschkes Brust. Auf dem eben noch vollgenadelten Perser knirschten die Scherben. Ein Jaulen aus der Küche verriet uns, dass Bismarck mit dem Schrecken davongekommen war. Ich wischte mir die Überreste des Tännchens aus dem Haar. „Sehen Sie es positiv“, ermunterte ich Breschke. „Dieses Jahr wird er den Baum in Ruhe lassen. Ich bin mir da ganz sicher.“