Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXX): Die Samstagabendshow

12 12 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vermutlich war es die Sippe in der zweiten Höhle von links, die mit komischen Hüten an den Pilzen knabberten, und am Abend davor hockten sie sich noch mal alle ums Lagerfeuer, Schweinereste zu verknabbern und den fürchterlichsten Klatsch aus dem Tal der blauen Himmel zu erzählen. Jede Woche dasselbe Zeugs, jede Woche irgendein Mist, um nicht allein im Dunkeln zu sitzen. Was hätte sich der Troglodyt wohl mehr gewünscht als einen narrativen Abfalleimer, um all die Schlacke zu entsorgen, mit der er für Generationen gequält wurde.

Die sozialen Hintergründe sind ja größtenteils gleich geblieben. Noch immer schrubbt sich die Familie – das, was Versuche konservativer Modellierer mit einem Eimer Schmierseife hingekriegt haben unter besonderer Berücksichtigung der schlimmen Tendenzen zur Bildungsrepublik – am Wochenende mit Heißwasser den Erdenrest einer beruflichen Tätigkeit von der Epidermis, und nach vielen Herausforderungen wie Maxibrief oder Kantine jiepern sie im Chor schon freitags nach der totalen Hirnentlastung. Etwas, das die Synapsen wieder frei spült – sonder Wank noch Wirkung, auf chirurgischem Niveau effektfrei, ungefähr so viel Einfluss ausübend wie subliminales Brummen einer integrierten Schaltung auf Standby. Die Simulation von heiler Welt, Showtreppe und Dreiteiler mit Schlips aus Alufolie, symmetrisch trällernde Tänzer in eisiger Attitüde, wie sie einst Stalingrad in Grund und Boden walzerten, so schwiemelt sich die schmerzstillende Schicht auf die Ohren von Mühseligen und Beladenen. Der Fehler war nur, dass sie ihre Talentdetonation schneller als erwartet zu bereuen hatten. Angesagt war Realitätsverweigerung mit Anlauf, das Programm für Jasager und solche, die es noch werden sollten.

Das Environment aus Glitzerlicht und Getöse, todmüder Überraschung und Uschi Glas hatte ein paar Jahre Zeit, seinen Wuchs zu entschleunigen, da man die sittliche Ordnung der leichteren Muse vorzog – nicht viel, was da im Rauch haucht, aber wen sollte das noch kümmern. Niemand war dafür zuständig, den Krempel zu begutachten, wenn er übers Westfernsehen wimmerte. Vermutlich wurde er nur mit einer paranoid blinkenden Treppe ausgestattet, weil sich die Ostelektriker mit ihren sozialistischen Tranfunzeln nur einen Kessel Buntes leisten konnten.

Während das Kontrollgremium hektisch daran feilte, das affirmative Haltungsturnen zur quasi religiösen Übung zu stilisieren, wuchs der Überbau in Richtung gesellschaftliche Basis. Irgendwann fanden sich Subkulturschaffende bereit, das Volk mit Signalen zu bespaßen, größtenteils in grob gestanzten Brüllformaten, die dem affirmativen Zweck der medialen Wirkung auch vollends gerecht wurden. Versehentlich eingesickerte Intelligenz merzte das Gremium mit eiserner Faust aus, der Verdeppungsgrad der deutschen Konsumenten musste auf Gedeih und Verderb erhalten bleiben. Dass die Hauptabnehmerschicht von Hurratüten nicht gerade lebensfroh rebellierte, dürfte keiner weiteren Erklärung bedürfen.

Spielshows überfluteten die Ebene, Sendungen, in denen halbwegs bekannte Beistellbürger mit Gerätschaften Zeugs aus dem und in den Weg schafften, sich zum Primaten machten oder ansonsten aufsteigende Verwandtschaft zu den Beknackten in den Mittelpunkt stellten. Gnädige Moderatoren ließen Opernsänger Plastebömmel durch ein Studio schleppen, ungnädige bestehen darauf, sie in zimmerwarme Vollmilchschokolade zu stopfen. Was eine Frage des Stils ist, wenigstens von der Warte des Moderators aus gesehen.

Inzwischen haben sich die Fronten aufgeweicht, jeder steigt in die Wanne mit dem Schmodder, und sind es die Populismusbeauftragten der jeweiligen Wählertonnen, so geben sie sich meist volksnah, weil sie im Gegensatz zu den PR-Poplern der Medienbranche gerade keinen neuen Müll zu promoten haben. Höchstens geistigen Leerlauf, der unangenehm im Mittelohr rauscht, wenn der Empfänger schon auf volle Möhre steht.

Längst gibt es nur noch drittklassige Egoleptiker und Schreihälse, die das Niveau mit der Brechstange nach unten drücken. Der optimale Karnevalsprinz der Jetztzeit ist ein TV-Clown, gut eingeritten in sein plärrendes Programm und medial festgezurrt in seine Schiene, denn wie sollte ein Kulturkolumnist ein politisches Interview führen? Wie ein Staatsrechtler die Verhandlungen zu einem der öfteren Verfassungsbrüche begleiten? Man lernt dazu, und fast ist man versucht, sich dem nächstbesten Fernsehsender als Mutter aller bescheuerten Turnschuhe vorzustellen. Und selbst dann wird sie sofort fragen, warum dies Leben so ist.

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