Sparsamer

6 01 2015

„Sie nehmen den zweiten Karton“, instruierte mich Herr Breschke. „Aber seien Sie vorsichtig, es ist Glas.“ Natürlich war es Glas, genauer: Gläser, vier mal sechs Gläser, drei Lagen. Zweiundsiebzig Gläser Tafelsenf scharf, einer von fünf Kartons.

„Man spart nämlich eine ganze Menge.“ Damit hatte er recht, wenn er die Zeit meinte, jedes der 360 Gläser Senf einzeln aus dem Supermarkt zu besorgen. Vermutlich wäre dabei nicht einmal der Kofferraum ganz voll geworden. Aber an Geld? „Doch, das rechnet sich“, versicherte Breschke. „Außerdem werden wir ab jetzt viel sorgloser leben, weil wir uns um Senf keine Sorgen mehr zu machen brauchen.“ „Wenigstens für die nächsten zwei Jahre nicht“, bestätigte ich. Er musste es wohl überhört haben. Aber dafür schien ihn ja bereits das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht interessiert zu haben.

Es war dunkel im Hauseingang; Strippen hingen neben der Tür herunter. Hatte er, der pensionierte Finanzbeamte, etwa wieder etwas an der Elektrik getan? „Wenn ich hier einschalte“, verkündete er, „dann geht das Licht dort aus.“ Ein Knipser bestätigte seine Worte. „Und dann muss ich nur noch diesen – nein, ich verwechsle das immer, es ist der hier an der Kellertreppe.“ Nun war es ein recht kompliziertes, völlig unlogisches Schaltersystem, das nicht einmal ich zu verstehen bereit war. „Sie müssen hier an der Treppe zuerst – dann ist aber da hinten aus, und hier in der Küche ist es auch angeschaltet, weil sonst oben im Wohnzimmer…“ Er überlebte einen Moment. „Ach was, ich zeige es Ihnen.“

Wir tasteten uns durch den Flur, vorbei an der Küchentür bis zum Wohnzimmerfenster, wo es leise knurrte. „Bismarck!“ Der dümmste Dackel im weiten Umkreis war trotz biblischer Finsternis klar zu erkennen. Kaum hatte Horst Breschke seinen Stuhl erreicht, sprang der Hund auf und verschwand jaulend hinter dem Sofa. Sekundenbruchteile später tauchte eine einzelne Glühlampe den Raum in gleißendes Licht. Ich musste sofort die Augen zusammenkneifen. „Das ist ja unerträglich!“ Er tastete sich blind an der Sofakante entlang bis zur Schrankwand, drehte sich nach links und tippelte zur Tür. „Aber das ist doch sparsamer“, verteidigte er die Blendlaterne, „eine einzelne Birne ist viel preiswerter als mehrere. Und sie soll ja auch hell genug sein, jetzt im Winter.“ „Aber müssen Sie denn dazu extra eine 100-Watt-Birne einschrauben? Wissen Sie, was die an Strom verbraucht?“ Er hatte den Türrahmen erreicht und blinzelte versuchsweise in die Küche. „Deshalb habe ich ja diese Schaltung erfunden.“ Mit einem Druck erlosch das Licht im Wohnzimmer, und die Küchenlampe wurde hell. „Wenn man immer nur da beleuchtet, wo man sich gerade aufhält, dann spart das zusätzlich. Ganz schön clever, finden Sie nicht?“

Einigermaßen verwundert beobachtete ich, wie der Hausherr den Wasserkocher zur Hälfte füllte und einen Teebeutel hineinhängte. „Sie wollen doch wohl nicht auf diese Art Tee zubereiten“, fragte ich ungläubig. Es schien ihm nicht seltsam (von meiner Frage abgesehen), er stellte zwei Tassen auf den Küchentisch und schaltete das Gerät an. „Ein Wasserkoch verbraucht viel weniger Strom als ein Elektroherd“, belehrte er mich. „Und mit dem Teebeutel haben wir auch die Zubereitung sehr viel rascher erledigt.“ Während ich noch grübelte, wie er Milchkaffee zubereiten würde, verkündete ein trockenes Knacken, dass das Teewasser gekocht war. Breschke goss die viel zu heiße, trübe Flüssigkeit in die Tassen. „Außerdem spart es den Abwasch der Teekanne“, stellte er befriedigt fest. Ich zog eine Augenbraue hoch. „Wie angenehm, dass Sie mir eine eigene Tasse zugestehen.“

Das Gebräu schmeckte nicht schlecht, aber nicht besonders nach etwas, das nach Tee schmecken wollte. Stolz präsentierte Breschke mir einen metallenen Humpen mit schwarzem Deckel. „Den hat meine Frau entdeckt“, erklärte er. „Er hält den Kaffee morgens über eine Stunde lang warm. Toll, oder?“ Ich versuchte mir nicht vorzustellen, wie dieser Kaffee wohl nach einer Stunde schmecken müsste. „Und preiswert“, fuhr er fort, „fabelhaft – soll Ihnen meine Frau auch einen mitbringen?“ „Wozu“, fragte ich irritiert, „ich habe einen ganzen Schrank voller Tassen. Soll nicht bei jedem vorkommen.“ „Aber dieser Kaffee heute ist doch so schrecklich teuer“, erklärte er. „Ist es nicht viel preiswerter, wenn Sie Ihren Kaffee im eigenen Becher mitnehmen, anstatt…“ „Lieber Herr Breschke“, unterbrach ich ihn sanft, „ich pflege meinen Kaffee morgens in der Küche zu trinken. Danach gehe ich ungefähr zwanzig Schritte bis zu meinem Arbeitszimmer. Sollte Ihnen demnächst auf der Platanenallee eine Himalaja-Expedition ohne Thermobecher über den Weg laufen, spenden Sie ihnen das Gefäß. Ich kann es entbehren.“

Breschke hatte mir noch den einen oder anderen Trick verraten, wie man sein Geld zusammenhalten könne – er fuhr fast jeden Tag mit dem Wagen in die öffentliche Bücherei, um die Tageszeitung zu lesen, wenngleich er mit allerlei Kundschaft um das Blatt ringen musste und oft nicht mehr als einen ranzigen Sportteil und ein paar verknitterte Familienanzeigen bekam – und es wurde für mich langsam Zeit. „Nur montags habe ich immer das Nachsehen“, grantelte er. „Seitdem ich die Sonntagszeitung aus der Mülltonne von Gabelstein fische, schneidet der sie in Fetzen. Das ist doch unerhört, oder?“ Das Verhalten der Nachbarn, Streithähne alle beide, hätte uns bestimmt noch eine längere Diskussion verschafft, doch da war ihm eingefallen, dass er den Senf noch in den Keller zu verlasten hatte. Er hob einen Paket an, ein zweites – mir wären die beiden Kartons zu viel gewesen. „Sie müssen jetzt den Schalter anmachen“, schnauft er, schon halb auf der Kellertreppe. „Dann gehe ich zur Treppe und hinunter, und dann schalten Sie hier in der Küche um, und dann geht unten im Keller das Licht an.“ „Aber wenn Sie den Schalter…“ „Machen Sie es einfach“, wies er mich keuchend zurecht, „ich habe das ja selbst so gebaut!“ Er tapste unsicher die Stufen hinunter. „Jetzt“, kam der heisere Befehl. Ich knipste. Wie eine explodierende Sonne knallte die unverkleidete Glühlampe durch das stockfinstere Wohnzimmer. Ein verzweifeltes Jaulen sekundierte den Schockeffekt. „Bismarck?“ Ein dumpfer Schlag, dann rumpelte es, und ein gewaltig vielstimmiges Klirren setzte den Schlusspunkt. „Sie haben ja praktischerweise gleich zwei Kartons mitgenommen“, konstatierte ich. Breschke guckte mich verwirrt aus dem Halbdunkel an. „Das spart ja eine ganze Menge.“

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