Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXXIII): Der Killerspielmythos

23 01 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann hatte die Evolution die Schnauze voll. Die Säbelzahnleuchtbeutelschabe bekam es als erste Spezies mit, das ewige Gemetzel zu Lasten der Population diente nicht der Arterhaltung und war ab sofort gestrichen. Kommentkämpfe gab es stattdessen – dümmliches Gewedel mit den Beißwerkzeugen oder lautstarkes Fauchen unter Präsentation des glimmenden Kehlsacks – und durchaus weniger Todesopfer, die noch dazu fähig gewesen wären, unzählige Millionen Säbelzahnleuchtbeutelschaben in die Welt zu setzen. Immerhin bleibt in der Natur alles im Gleichgewicht, und gewisse Halbaffen setzten die Sage in die Welt, die Schabe sei Geziefer wie ehedem, nicht einmal fähig, die Regeln eines vernünftigen Miteinanders auszuhalten. Es hat sich seitdem nicht viel geändert.

Denn wo auch immer heute jugendliches Spielverhalten in der Diskussion ist, die geistig nicht gesegneten Günstlinge posaunen von der erwiesenen Konsequenz, dass die Verwendung von Killerspielen zu Mord, Totschlag und grammatisch zweifelhaften Schlagzeilen in der Boulevardpresse führte. Der Täter – männlich und sozial privilegiert, da er sich sonst den Erwerb des Tatwerkzeugs gar nicht hätte leisten können, weiß, pickelig und ohne Zweifel schuldig, sonst stünde er nicht unter Verdacht – übt sich in einer außergalaktischen Welt, in der er zehnarmige Dackel von der Platte putzt, und prompt kommt einer dieser Nappel, der noch mehr auf Sozialentzug ist als der Ego-Shooter, und sieht in ihm die nicht nachweisbare, also daher verantwortliche Gefahr für das wehrlose Abendland im Abwehrmodus. Mit erhöhter Gewaltbereitschaft kennt sich der engstirnige Bodensatz bürgerlicher Kompetenzimitate bestens aus, sie wissen es nur besser in Referentenentwürfe und Familienleben zu verschwiemeln; ab und an hilft ein Schützenverein, aber Freizeitbeschäftigungen unter Alkohol lässt der Behämmerte eh nicht gerne gelten.

Wer den strategischen oder taktischen Vorteil über einen nicht physisch existenten Gegner mit ästhetisierter Gewalt ausübt, taugt mindestens zum Mörder – nach der Faustformel könnte man, wenn nicht den eigenen Schützenverein, so doch jeden Schachklub sofort zur terroristischen Vereinigung umtaufen, und es ist nicht mehr als eine sportliche Übung, die Schimmelhirne der Regierungsebene mit pragmatischen Konsequenzen zu konfrontieren: wenn angeblich stundenlanges Ballern die Kernkompetenzen eines Heckenschützen zu schulen geeignet sind, den feinmotorischen Umgang mit dem Schnellfeuergewehr, die Reaktion und die körperliche Balance im Schussfeld, warum trainiert dann der sich als Bundesregierung tarnende Wurmfortsatz der US-amerikanischen Geheimdienste sein Kanonenfutter für die nächste Völkerrechtsverletzung nicht gleich im heimischen Kinderzimmer, statt es in die Wüste zu jagen?

Was wäre eigentlich, wenn Killerspiele – ein Wort, das springersche Ressentimentsorgane kleidet wie normale Menschen eine benutzte Mülltüte – nicht mehr sind als Ausdruck der Befindlichkeit? Die Statistik zeigt einerseits, dass die Mehrzahl der Verwender, oft weiblich, oft erwachsen, den angeblichen Druck zur Straftat nicht auf-, sondern abbaut; das Gegenteil wäre der Fall, müsste man sich den täglichen Sums eines Innenministers ohne griffbereit lagernde elektronische Speitüte antun. Sie zeigt andererseits, dass ohnehin nur Menschen mit gelockerter Impulskontrolle sich Schießspiele vornehmen, wo es neben der Mitgliedschaft in rechtskonservativen Vereinen, Wirtshausprügeleien und der militärischen Sicherung europäischer Handelswege so viele andere Wege gäbe, seine Denkschwäche krachend unter Beweis zu stellen.

Die latente Nähe zur Anfixthese, die jeden Konsum von Gewaltdarstellung als Induktion der Gewaltbefürwortung in die Kalotte kloppt, macht die Verstörungstheorie komplett. Denn der Reigen der Klemmschwestern hält still beim ubiquitär über die Leinwände prasselnden Untergang der Galaxie nebst Explosionen und Knochenbruch, und keiner würde die in Literatur und Glotze verbreiteten Kriminalfilme um Mord und Totschlag nicht als Teil der westlichen Leitkultur werten. Als Blödföhn im zweiten Ausbildungsjahr müssten Kriminologen sogar Tagesschau und Wochenzeitungen zensieren, wenn mit tatsächlich stattgefundener Gewalt – sie ist nicht ausgedacht, man könnte auch mittun – zu Radikalisierung und Zielschießen angestachelt wird. Aber wer von diesen Schnackbratzen hätte je den Urgrund von Willkür und Blut erkannt. Seit Generationen erduldet das christliche Abendland, dass Hexen ohne ordentlichen Prozess im Backofen landen, Wölfe nach der Vivisektion verenden und Frösche an die Wand geklatscht werden, weil die Prinzessin eine klassistische Attitüde hat. Aber an die Kinder denkt natürlich wieder keiner.

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6 02 2015
thesubtech

Hat dies auf thesubtech rebloggt.

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