Privat

27 01 2015

05:45 – Der Wecker klingelt. Solange er noch im Bett liegt, fühlt sich Sigmar Gabriel als Privatmann. Nichts wird ihn hindern, sich noch einmal umzudrehen und weiterzuschlafen.

05:55 – Der Vizekanzler schlurft ins Bad. Auf dem Weg durch den Flur stolpert er über eine lose Kante im Läufer und verliert das Gleichgewicht. Er stößt sich den Ellenbogen an der Türklinke. Er würde den Raumausstatter, der diesen Teppich verlegt hat, auf der Stelle erschießen lassen. Natürlich denkt er das nur privat.

05:59 – Solange Gabriel sich noch in seiner Wohnung befindet, trägt er noch keine Krawatte. Er besteht darauf, dass sein Sicherheitsbeamter sie ihm auf dem Weg durchs Treppenhaus umlegt. Er ist schließlich der Vizekanzler.

06:04 – Der SPD-Chef sitzt (im Auto), die Krawatte nicht. Als Privatmann gibt Gabriel dem Beamten zu verstehen, dass sein Job auf der Kippe steht und er beim nächsten Fehler gefeuert wird. Und dass das auch für den Beamten gilt.

06:49 – Der Dienstwagen erreicht das Wirtschaftsministerium. Der Pförtner sieht an Gabriels Gesicht, dass dieser im Auto ein Frühstück (zwei Dutzend Schokoriegel) zu sich genommen haben muss. Der Parteichef beschwert sich über die neugierigen Blicke. Nirgends kann er mal privat sein.

07:11 – Der Stellvertreter der Kanzlerin bekommt eine Mahnung auf den Tisch gelegt. Im Willy-Brandt-Haus arbeitet das Reinigungspersonal für effektiv drei Euro pro Stunde, hat aber seit einem halben Jahr kein Gehalt mehr gesehen. Gabriel unterschreibt die Überweisung und grummelt, als Privatier hätte er diese Scheiße längst schwarz erledigt.

07:58 – In einer improvisierten Pressekonferenz vor Verfassungsrechtlern erklärt der Vizekanzler, er halte TTIP für absolut notwendig, um internationale Beziehungen zu stärken. Privat fügt er hinterher hinzu, er wisse zwar nicht, worum es genau geht, bekomme aber seine Informationen immer direkt von der zuständigen Ratingagentur.

08:37 – Anruf auf dem Privattelefon. Der SPD-Vorsitzende meldet sich mit der Internationale und reicht das Endgerät an den Parteisekretär weiter. Gabriels Frau hatte einen Auffahrunfall. Nach einer dreieinhalbstündigen Grundsatzrede zur Lage des Sozialismus kommt sie zu Wort. Es ist nur ein Blechschaden.

08:48 – Die französische Delegation von Amnesty International will sich mit dem Vizekanzler fotografieren lassen. Aus innenarchitektonischen Gründen passt er nicht durch die Fluchttür. Das Je-suis-Charlie-Umhängeschild verdeckt nur spärlich seine aufgerissene Hemdbrust. Privat fand Gabriel diese Franzacken schon immer völlig scheiße.

09:27 – Die LEGIDA-Delegation marschiert ins Büro des Kanzlervertreters. Gabriel findet das Horst-Wessel-Lied zwar hinreichend schmissig, schunkelt aus privaten Gründen aber nur anfangs mit. Der Besuch der Wutbürger droht zu einem diplomatischen Fiasko zu werden.

09:56 – Andrea Nahles bringt die neuen Arbeitslosenzahlen vorbei. Beide sind sich einig, dass die viel zu hoch sind, und beschließen ein hübsches Kosmetikprogramm für die statistische Auswertung. Selbstredend nicht in ihren Ministerämtern.

10:13 – SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi gerät ins Kreuzfeuer, weil sie widerrechtlich private Nachrichten eines Dschungelcamp-Teilnehmers veröffentlicht. Der Vorsitzende überlegt lange, wie er die Parteidisziplin öffentlich wahrt und die Untergebene abstraft. Er besinnt sich schließlich auf seine private Einstellung und ignoriert die Angelegenheit.

10:40 – Die Dresdner sind auch da. Als Parteivorsitzender will Gabriel mit einer asozialen Horde von Nationalisten, die Ausländer nur auf ihre betriebswirtschaftliche Integrationsfähigkeit reduziert, absolut nichts zu tun haben. Als Privatmann hat er nichts gegen einen Verein, der einmal pro Woche den Holocaust leugnet. Er bucht das als sächsische Folklore ab.

13:05 – Mittagspause. Gabriel findet noch eine Handvoll Schokoriegel in seinem Bürostuhl. Es wird jetzt sehr dienstlich.

13:18 – Scharfe Kritik von der Linken zu Gabriels Anbiederung an PEGIDA. Die Aushilfskanzlerin lehnt jede ernsthafte Diskussion ab. Die SPD werde bei der nächsten Bundestagswahl sowieso die absolute Mehrheit erringen. Und das sei noch nicht einmal Gabriels private Ansicht.

14:01 – Ein Reporter enttarnt den SPD-Chef, der im Urmel-Kostüm durch die Bundestagsgarage hüpft. Er wollte nicht nur privat, sondern auch inkognito die Mittagspause retten. Keine neuen Schokoriegel.

14:33 – Die Partei hat inzwischen unterschiedliche Haltungen zu wichtigen Sachfragen. Manche bedauern, dass man Gabriel aus der Partei ausschließen müsse, andere fänden es höchste Zeit. Gabriel behält die Nerven. Kurz vor der Wende hatte er nicht mit Solidaritätsbekundungen für seine Privatmeinung gerechnet.

16:31 – Kabinettssitzung. Fraktionschef Kauder findet, es gibt zu viele Kritiker draußen im Land. Gabriel stimmt, vor allem privat, zu.

23:48 – Die Betäubung lässt langsam nach. Der Vizekanzler findet sich auf dem Rücksitz seines Dienstfahrzeugs wieder. Gabriel sucht nach dem letzten Schokoriegel. Ganz privat.

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