Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXXVI): Die vegane Flüstertüte

20 02 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Möglicherweise handelt es sich um einen Test, wenn Kandidaten beim Geheimdienst anheuern: leb einen Monat lang vegan. Die angehenden Spione krallen sich bereits Tage später zitternd in die Kleider ihrer Mitlebenden, um ihnen Predigten zu halten vom Unterfangen, ab jetzt auf Mortadella und Quark zu verzichten. Das sichere Geheimnis ist von dem Augenblick keines mehr, sobald sich ein argloser Mensch nähert. Die Flüstertüte wird ausgepackt, die Botschaft brüllt sich in alle Gehörgänge und hinterlässt ihre Schleifspuren auf jedem Nervenrasen. Offenbar ist es niemandem aus dieser Trockennasenaffenart möglich, ohne den Verzehr von Würmern und Schnaps zu lesen, ohne eine Fernsehsendung daraus zu machen. Wer Fernsehsendungen kennt, wir auch wissen, wie die meisten entstehen. Und welche Rolle Schnaps und Würmer bei ihrer Entstehung gespielt haben dürften.

Nichts schafft so nachhaltig Aufmerksamkeit wie die lauthals ausposaunte Nachricht, sich hinfort ohne Fleisch (Käse, Eier, Blumenkohl, künstliche Farbstoffe, you name it) ernähren, sich ohne totes Tier kleiden, sich ohne Zuhilfenahme größerer Geschnacksverstärker mitteilen zu wollen. Die Nachbarschaft schreckt empfindlich getroffen hoch, womit das Hauptziel schon erreicht sein dürfte, und stimmt emphatisches Geheul an ob der verlorenen Seele. Als sei ein Mensch verloren, der künftig sein Frühstück ohne Kaffee in arabesker Goldfixröstung hinters Zäpfchen schwiemelte – Generationen von Japanern und Sozialisten, Amis und Dresdnern haben sich ohne jenes Geplörr durch die nackte Existenz geschlagen, sie wurden alt, blieben aber trotz aller Wirrnis im Kopf leistungsfähig und laufen noch ein paar Jahre solide auf Teebeuteln. Der Prozentsatz von ihnen, der eifrei übersteht, auf Weißmehl verzichtet oder in den Dschihad zieht gegen den gebleichten Industriezucker, sie alle sind nicht erheblich. Keiner von ihnen nimmt ein Wagnis auf sich, das Wehklagen rechtfertigte, keinem sollte man vorab schon Kränze flechten, nicht einmal solche von Lorbeer.

Nicht einmal Fleischverzicht ist der Erwähnung wert. Was leistet der Faster, der auf dem eigenen Luftkissenantrieb über den Dingen schwebt, was nicht auch Millionen von Indern leisteten, Buddhisten, Jainas, vor allem Völker, die sich noch nicht die Segnungen des Turbokapitalismus auf die Fahne geschrieben haben, damit sie regelmäßig gegen die eigenen Interessen andemonstrieren können? Gibt es in Bangladesch Autokorsos gegen europäische Drittwagen? Protestieren chinesische Wanderarbeiter gegen den Smartphone-Verbrauch in der EU? Fordern Gauchos die Steakhausbetreiber auf, ihre Fleischfeudel wenigstens dünner zuschneiden, damit die Anden eine Spur langsamer in den Ozean erodieren?

Störend daran ist nicht die an sich tolerierbare Haltung, sich nicht täglich ein halbes Schwein in die Figur zu pfropfen; störend daran ist jenes larmoyante Gewese, das noch den zufälligen Passanten einer Wurstbude zum Zeugen eines Völkermords macht und von ihm solidarisches Geplärr fordert mit den armen Tibetern, die nicht schon zum Frühstück Schokoladenhörnchen und Aluminiumkapselkaffee haben. An einer Stelle den Konsumverzicht zu beginnen ist nicht falsch; das bisschen Heiligkeit von der Stange schon für das richtige Leben im Falschen zu halten ist geballte Eitelkeit und damit eine Beule der Ichlingspest, wie sie Dünkel hervorbringt auf dem Jahrmarkt der Selbstgefälligkeiten.

Der vorwissenschaftliche Aberglaube, durch intermitterenden Verzicht auf Bratwurst und Schlagermusik würden die Ablagerungen im Gedärm herausgemeißelt, hat sich noch immer nicht erledigt in einer Welt, in der die Verdübelten Impfen für Teufelswerk halten und Zuckerkügelchen für Medikamente, mit denen man Nachtschweiß und Arbeitslosigkeit heilen kann. Das mechanistische Weltbild feiert Volksfeste, und hilft das ganze Gewese nicht, dann hat der vermeintlich Erkrankte nur nicht heftig genug gebetet. Als Abspeckritual ist die drei- bis siebenwöchige Hysterie nicht nur nicht geeignet, sie bringt nach etwas Flüssigkeitsverlust die verlorenen Pfunde auch mit Verstärkung zurück. Neben Nierengrieß und Herzrhythmusstörungen bringt die organische Geißelung vor allem solide Kreislaufstörungen und Schwindelanfälle, letztere gerne auch bei Nachfrage nach dem Erfolg der Kasteiung.

Am eitelsten noch wirkt die Abstinenz von Alkohol und Drogen. Was der vernünftige Hominide am wenigsten braucht, daraus macht er den größten Aufriss. Als hinge seine ganze lächerliche Inkarnation davon ab, ob er sich einmal am Tag Schnaps reinpfeift, mit oder ohne Würmer. Im Gegenteil ist sein Drogenkonsum wie die institutionalisierte Beichte: ein Jahr lang baut er Mist und bembelt sich die Birne dicht, dafür sucht er einmal für wenige Tage Vergebung in klarem Wasser und kaltem Haferschleim, weil es die auf Spiritualität getrimmte Mechanistik seinem Denken so vorschreibt. Alles wird gut, denn ihm ist das Heilsversprechen, ein flacherer Bauch, weniger Dellen im Hintern und endlich keine Luftlöcher mehr im Großhirn, in großen Lettern in den Himmel gemeißelt. Hauptsache, jeder kann es lesen. Denn seit wann praktizierte der Bekloppte seinen Kinderglauben nur für sich allein.

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