Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXXVIII): Minimalismus

6 03 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sicherlich fing das alles an, als Nggr seinen Wurfspieß nach drei Bechern Palmwein im Regen stehen gelassen hatte. Am nächsten Morgen erinnerte sich keiner mehr an das, was vor Sonnenuntergang geschehen war, denn es hatte sich noch nie jemand an das erinnert, was vor Sonnenuntergang geschehen war. Weil vor Sonnenuntergang noch nie etwas geschehen war, geschweige denn danach. Jetzt aber war Nggrs Wurfspieß verschwunden, und statt eines großen Wehklagens plus wilder Schuldzuweisungen an Säbelzahnotter und Palmweinpalmen hielt der alte Sack einfach mal die Füße still. Nicht nur das, er feierte den Verlust auch noch. Wahrscheinlich erfand er en passant die vegane Ernährung, weil ihm nicht viel mehr übrig blieb außer Moos und Blattwerk, aber er wurde, so oder so, Avantgarde einer ganzen Sippe die ihn anstaunte, bevor sie sich zerstritt. Wen ließe der Minimalismus auch unberührt.

Die neue Philosophie des Nichthabens stemmt sich den konsumverseuchten Alltagszwängen entgegen – verflucht sei jeder Haushalt, in dem Austernmesser, Fernseher, Manschettenknöpfe, Wechselfestplatten, Schlangenlederpumps, Funkwecker, Bohrmaschinen, Getreidemühlen und Smartphones das degenerierte Dasein dominieren – und reduziert das relative Menschsein des geplagten Hominiden auf ein Mindestmaß an Würde, sich ganz auf die Kernaufgaben des Hipstertums zu beschränken. (In elf von zehn Fällen überlebt das Smartphone; wie sonst sollten der Minimalist seiner Gemeinde sonst mitteilen, dass er sich gegen die Getreidemühle ausgesprochen hat.) Teure Uhren drohen aus der WG zu fliegen, möglich auch, dass Messer und Gabel die Biege machen. Der Minimalist schmirgelt an der Schmerzgrenze des heimischen Bedarfs, bis die lebensbedrohlichen Zustände milde durchs Fenster grinsen. Heizung? okay, man kriegt ja kaum eine zentral gelegene Bude ohne diesen neumodischen Mist. Briefkästen? well, well, was duldet der angesagte Jetztmensch nicht alles für die Illusion, sich in die einigermaßen zentralste Undergroundbewegung eingeschlichen zu haben, wie es zuvor nur knapp ein Dutzend Magazine pro Tag schaffen? Hat denen denn nie einer klar gemacht, dass es um mehr geht als diese paar Defätisten, denen der Kapitalismus auch keine Beachtung mehr schenken würde?

Der Minimalismus verspricht das besondere Erlebnis der (ansonsten) normalen Lebenssituation. Was soll man sagen, er hält sein Versprechen: wenn man in Ermangelung eines dafür vorgesehenen Werkzeugs Konserven mit einer Zahnbürste öffnet, möglicherweise mit derselben, die sonst in der Blumenerde oder vergleichbaren Körperöffnungen steckt, dann lockt dies wenigstens die wagemutigen Eroberer des mikrobiellen Universums, abzüglich derer, die früh genug entdecken, dass der übliche Minimalisten-Haushalt mit der anderen Seite der Bürste jenen Eimer reinigt, der anstatt einer sanitären Einrichtung für die Entsorgung von Gemüse in diversen Aggregatzuständen vorgesehen war. Aber vielleicht ist jener Eimer auch nur eine Konservenbüchse und das Verfahren eine rasche Erledigung des Notwendigen, wie es die Natur vorsieht. Und wer weiß, könnten wir nicht froh sein, dass es sich wenigstens um eine Zahnbürste handelt?

Es ist nicht die Verschwiemelung des Buddhismus in die Niederungen der Warenwelt. Tatsächlich kompensiert das manische Verschrotten der Umwelt nicht einmal jene große Verlusterfahrung, die unser Leben jäh entzaubert. Es ist nicht mehr als eine der vielen Fratzen der neoliberalen Denkungsart: mit der Dämonisierung des ganz normalen Besitzes, Messer, Gabel, Schere, Licht, umgibt sich der Mensch mit einer Art von Zivilisation, die zum Standard wird und irgendwann Nebensache, sobald man sie nicht derart ins Zentrum seiner Betrachtungen stellen muss, dass man sie schließlich verteufelt, wenn auch nur bei den anderen, die sie als natürlicher Feind der eigenen sozialen Schicht nicht verdient. Nicht die Waschmaschine weckt den Hass des Klötenkönigs, sondern die Tatsache, dass auch jeder Arbeitslose in der Lage ist, seine Socken in eine solche zu stecken.

Das Schöne ist ja, dass diese Hohlbratzen beizeiten auch den Kreis ihrer Bekanntschaften nach Utilität und Warenwert bewerten. Sie wollen dereinst, wenn sie den Sinn ihrer Ichlingspest begriffen haben, bestimmt von denen getröstet werden, die früher wegen Butterdosen und Schuhspannern ihren Spott bekamen. Vielleicht haben sie ja aus reinem Perfektionismus bereits ihre Krankenversicherung in die Tonne getreten. Wünschenswert wäre es. Und man hat sonst keine Kohle, die man am Fiskus vorbeischleusen könnte. Weniger ist ja bekanntlich mehr. Für wen auch immer.

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