Der Sozialismus wird ein Stück weit siegen

11 03 2015

„Nein, Frau Merkel. Ausgeschlossen. Ihr Vertrauen in uns als langjährigen Koalitionspartner in allen Ehren, aber das können wir als SPD einfach nicht mittragen. Das geht einfach nicht. Weltrevolution, das ist mit uns nicht drin. Nicht mit der SPD.

Das ist ja nett, dass Sie uns den Schulterschluss anbieten, gerade in diesen Zeiten, in denen unsere Demokratie so sehr vom Rechtspopulismus bedroht ist, aber mal ehrlich: wir wären doch bekloppt, diese Chance verstreichen zu lassen. Ungenutzt. Ohne großes Bundesparteitagpalaver, ohne eine entschlossene Resolution des Vorsitzenden, ohne die zumindest überwiegende Akzeptanz durch den eher konservativen, regierungsnahen Flügel. Aber wir können uns das nicht leisten, verstehen Sie? Wir brauchen dieses Feinbild einfach. Mehr als sie. Und Sie dürfen auch nicht vergessen, die meisten unserer Wähler sind in einem Alter, die kennen es gar nicht anders: wir unterstützen die Revolution nicht, wir tun alles, damit sie nie kommt. Denn wozu bräuchte es sonst die SPD?

Schon klar, Frau Merkel. Ihnen kann man nichts vormachen, Sie kennen unsere Schwachstellen. Natürlich müssen wir alles tun, damit wir nicht irgendwann sozialdemokratische Verhältnisse haben. Was soll man denn dann den Leuten im Wahlkampf noch versprechen? Betreuungsgeld? Freihandelsabkommen? Wir müssen doch diesen Menschheitstraum von der sozialistischen Welt irgendwie am Köcheln halten – uns fehlt da einfach Ihr eiskalter christlicher Pragmatismus, mit dem Sie jedes in Armut geborene Kind aufs Jenseits vertrösten. Der Sozialismus wird siegen, aber wieder nur ein Stück weit. Wir sind schon froh, dass wir Schröder nicht mehr an der Backe haben. Der hätte uns einen Sieg des Sozialismus in einem Drei-Stufen-Plan verkauft.

Und Sie haben sich das auch gut überlegt? Ach so, ja. Seit 1989. Dann verstehen wir jetzt ja auch, dass Sie seitdem eigentlich nicht viel mehr geleistet haben, als diesen Staat in die Scheiße zu reiten. Marktkonforme Demokratie und so. Wenn das die Voraussetzungen der sozialistischen Revolution sein sollten, dann haben wir ja ein paar Jahrzehnte lang alles richtig gemacht. Sie können uns viel nachsagen, Frau Merkel. Vaterlandsverrat, offenen Verfassungsbruch, immer in der Endausscheidung um die landesweiten Filzwettbewerbe gewesen, alles, aber nie haben wir den Kapitalismus verächtlich gemacht.

Dann waren wir eben nie auf Ihrer Seite, Frau Merkel. Der Wähler hat das doch gewusst. Naja, geahnt zumindest ansatzweise. Etwas anders halt. Aber Sie müssen zugeben, Sie haben uns immer davon abgehalten, die soziale Gerechtigkeit in diesem Land zu stärken. Allein das mit dem Mindestlohn – wir können doch nicht einfach das umsetzen, was in unserem Wahlprogramm steht! Das schädigt doch das Ansehen unserer Partei auf Jahre!

Wir wollen nicht ungerecht sein, Frau Merkel. Im Ganzen haben Sie uns als Koalitionspartner durchaus verstanden. Dass wir uns jetzt um ein paar Euro Differenz bei der Anhebung des Kindergeldes streiten, das ist doch ein guter Schritt in die richtige Richtung. Vier Euro mehr oder weniger, wenn es sowieso nur um sechs Euro geht, und das bei der angeblich so gut verdienenden Mittelschicht, die das gar nicht merkt? Da wird man ja regelrecht nostalgisch. Wenn man so ein bisschen zurückblickt und die Erfolge der letzten Jahre Revue passieren lässt, dann fallen einem doch sofort die fünf Euro ein, die schon vor der Berechnung mehr auf die Hartz-IV-Sätze geschlagen werden sollten. Dem Bürger voll eine reinzimmern und dann abwarten, ab wann er sich das nicht mehr gefallen lässt – das nenne ich mal oldschool. Aber das muss Ihnen der Neid lassen, Frau Merkel. Sie wissen, wie man die Revolution hinkriegt.

Außerdem müssen wir an dieser Stelle doch mal dankend zur Kenntnis nehmen, dass durch Ihre Mithilfe der Mindestlohn nicht mehr als solcher zu erkennen ist. Sie haben sich wirklich verdient gemacht um die Sozialdemokratisierung der deutschen Politik, Frau Merkel.

Wenn Sie uns jetzt noch helfen könnten, die Überreste unserer Politik zu marginalisieren, dann dürfte die Gefahr eines unkontrollierten Aufstandes vorerst gebannt sein. Nein, ich rede nicht von Helmut Schmidt. Ich rede von den Linken. Wenn die nämlich plötzlich im Weg stehen sollten, sobald mal wieder ein Ruck durchs Land geht, dann sehe ich Rot. Also auf jeden Fall Schwarz, meine ich. Das hätte uns ja gerade noch gefehlt, dass die Roten im Weg stehen und aus unseren langjährigen Bemühungen um das deutsche Volk politisches Kapital schlagen. So weit sollte der Sieg des Sozialismus denn doch nicht gehen, dass er jetzt plötzlich real zu existieren anfängt.

Wir würden uns dann auch erkenntlich zeigen und Ihnen ab 2017 für ein paar Jahre das Regieren abnehmen, wenn Sie Bundespräsidentin sind. Uns ist zwar noch nicht ganz klar, wie wir das hinkriegen sollen, aber irgendwie muss es klappen. Wir haben ja streckenweise schon wieder zu viel Glaubwürdigkeit im Vorwahlkampf. Das kann böse enden, am Ende wachen Sie auf und es gibt keine Opposition mehr.

Nur eine Frage noch, Frau Merkel: wenn Sie es jetzt machen, kriegen Sie es eventuell auch alleine hin? Sie kennen sich doch mit Sozialismus aus. Jedenfalls besser als wir.“

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2 responses

12 03 2015
LaoTsu

Der Sozialismus hat doch schon lange gesiegt. Also der reale, der eigentlich Staatskapitalismus/Faschismus ist.

12 03 2015
bee

Nach Einschätzung der Geschichtsexpertin Erika Steinbach war ja die Bewegung um den braunauer Bettnässer auch Sozialismus, wenngleich nationaler. Die fortschrittlichen Kräfte in unseren Regierungsparteien wollen damit sicher ihre Sympathie für den Sozialismus bekunden.

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